Geothermie in München: Sendlings Bohrinsel

Auf dem Gelände des Heizkraftwerks Süd bohren die Stadtwerke München seit gut einem Jahr nach heißem Wasser. Die AZ hat sich die Geothermie-Baustelle angesehen.
| Lukas Schauer
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Durch diese Leitung wird über 100° Grad heißes Wasser in das System gespeist.
pa 2 Durch diese Leitung wird über 100° Grad heißes Wasser in das System gespeist.
Diese Grafik zeigt, wie das Prinzip der Fernwärme funktioniert. Drei Leitungen werden heißes Wasser nach oben befördern, die anderen drei leiten das abgekühlte Wasser wieder in den Boden zurück.
SWM 2 Diese Grafik zeigt, wie das Prinzip der Fernwärme funktioniert. Drei Leitungen werden heißes Wasser nach oben befördern, die anderen drei leiten das abgekühlte Wasser wieder in den Boden zurück.

München - Die Bohrinsel von Sendling hört auf den Namen "Euro Rig DS-10" und wird an diesem Vormittag aus einem riesigen Führerhaus gesteuert, in dem im Sekundentakt die Daten aus der Tiefe einlaufen: Methan-Gehalt, Bohrumdrehung, Temperatur oder Pumpendruck etwa sind auf mehreren Bildschirmen abzulesen.

Geothermie-Anlage in München

Gefördert wird hier aber nicht Öl, die Bohrinsel steht auch nicht im Meer. Sondern hinter den Türmen des Heizkraftwerks Süd auf dem Festland. Und gebohrt wird hier nach heißem Wasser: Geothermie heißt das Verfahren (siehe unten), das hier genutzt wird und das für die SWM ein wichtiger Baustein für ihr selbsterklärtes Ziel ist, den gesamten Münchner Bedarf an Fernwärme bis 2040 CO2-neutral decken.

"Diese Geothermie-Anlage ist in vielerlei Hinsicht besonders", sagt Michael Meinecke. Der Mann, der bei den Stadtwerken München seit Beginn der Planungen 2012 für das Projekt verantwortlich ist. Nicht ohne Stolz erklärt der Diplom-Geologe: "Es ist die einzige innerstädtische Geothermie-Anlage einer Millionenstadt in Deutschland. Und wir bohren von hier insgesamt sechs Bohrungen auf einer Gesamtlänge von 24 Kilometern." Diese sogenannte "Dreifachdoublette" ist sogar weltweit einmalig.

Noch bis Ende 2019 wird gebohrt

Drei von diesen Bohrungen sind bereits fertig, die Ergebnisse waren besser als erwartet. "Das Wasser ist wärmer als wir es erwartet hatten, die Schüttung (die Fördermenge, d. Red.) in zwei Löchern auch", erklärt Meinecke. Bis Ende 2019 sollen alle sechs Bohrungen abgeschlossen sein und die Wärmegewinnung starten. In die Netze Sendling, Perlach und die Innenstadt können dann, läuft alles wie geplant, rund 50 Megawatt eingespeist werden.

Durch diese Leitung wird über 100° Grad heißes Wasser in das System gespeist.
Durch diese Leitung wird über 100° Grad heißes Wasser in das System gespeist. © pa

Genug, um die Dusch- und Heizbedürfnisse von 80.000 Münchnern zu decken. Und das eben ganz ökologisch. "Wir zerstören den natürlichen Kreislauf nicht, nutzen allein die Energie", sagt Meinecke. "Das Wasser wird ohne irgendwelche Zusätze wieder zurückgeführt". Auch die Bohrungen werden hier rein mechanisch vorangetrieben – anders etwa als beim Fracking.

Dass die Geothermie am Standort Schäftlarnstraße so gut nutzbar ist, liegt neben diesen geologischen Voraussetzungen "unten" auch an der nahezu perfekten Infrastruktur "oben". Das Fernwärmenetz ist bereits vorhanden, die benötigte Fläche sowohl für die Bohrbaustelle als auch für die noch zu errichtende Heizzentrale konnte dank des Rückbaus des alten Heizkraftwerks Süd schnell geschaffen werden. Nicht immer und überall freilich sind solche Flächen so leicht zu bekommen.

1.131 Meter im Münchner Untergrund

Während all dieser Erklärungen dreht sich oben auf dem Turm der Bohrer unermüdlich in die Tiefe, treibt den Bohrkopf in Richtung der Thermalwasserführenden Malmschicht. "Wir sind jetzt 1.130 Meter unterhalb Münchens", sagt Meinecke mit Blick auf den Bildschirm ehe er nach kurzer Rücksprache mit dem Betriebsleiter präzisiert: "Gerade wurde es ein Meter mehr". Sagt’s und verlässt die Sendlinger Bohrinsel mit einem Lächeln im Gesicht.


So funktioniert Geothermie

Die geologischen Voraussetzungen für die Nutzung der Erdwärme sind in München und dem Umland so gut wie in nahezu keiner anderen Region Deutschlands.

Diese Grafik zeigt, wie das Prinzip der Fernwärme funktioniert. Drei Leitungen werden heißes Wasser nach oben befördern, die anderen drei leiten das abgekühlte Wasser wieder in den Boden zurück.
Diese Grafik zeigt, wie das Prinzip der Fernwärme funktioniert. Drei Leitungen werden heißes Wasser nach oben befördern, die anderen drei leiten das abgekühlte Wasser wieder in den Boden zurück. © SWM

Die Energiequelle ist heißes Thermalwasser aus gut durchlässigen Kalksteinschichten (Malm). München sitzt auf einem riesigen Vorrat dieser umweltfreundlichen Energieart: In einer Tiefe von 2.000 bis über 3.000 Metern hat das Wasser 80 bis über 100 Grad Celsius. Die Wärme aus diesem Thermalwasser lässt sich optimal zum Heizen (und zur Verstromung) nutzen. Dazu wird das Wasser an die Oberfläche gepumpt und über Wärmetauscher geleitet, wobei ihm die Energie entzogen wird. Abgekühlt wird es wieder in die Tiefe zurückgeführt. Somit ist die Erdwärme ein Kreislauf ohne Eingriff ins Ökosystem.

Die SWM betreiben bereits eine Geothermie-Anlage in Freiham, Dürrnhaar und Kirchstockach, Riem und Sauerlach. Auch weitere innerstädtische Anlangen sind in Planung.

Lesen Sie hier: Geothermie im Umland - In der Tiefe liegt ein Schatz

Lesen Sie auch: Ausbau der Fernwärme - Fluch und Segen

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