Funktionieren die Sommerstraßen heuer? Ein Streifzug

Zum zweiten Mal gibt es heuer Sommerstraßen. Hat die Stadt aus den Fehlern der Premiere 2020 gelernt?
| Conie Morarescu
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Am Holzplatz steht neben dem Drahtstuhl der Stadt auch ein Hochbeet.
Am Holzplatz steht neben dem Drahtstuhl der Stadt auch ein Hochbeet. © C. Morarescu

München - Margarete Vila zupft Trauben ab: "Die schmecken fantastisch!" Die Weinreben zieren ihr Café am Holzplatz im Glockenbachviertel. Dort hat sie in kleinen, aus Paletten zusammengeschusterten Hochbeeten Obst und Gemüse angebaut. "Selbstversorgung in der Stadt ist eine tolle Sache. Dieser Platz wäre doch ideal dafür", sagt sie und deutet auf die Sommerstraße, die direkt an ihr Café grenzt. "Ich will hier demonstrieren, wie gut das funktioniert, selbst auf kleinstem Raum," sagt die Inhaberin des Tabula Rasa.

Mehr Platz für kleine und große Münchner 

Diesen Sommer wurde die Parksackgasse am Holzplatz zum ersten Mal als Sommerstraße für Autos gesperrt. Das Projekt der Stadt wurde bereits im Pandemie-Sommer 2020 ins Leben gerufen. Es sollte den großen Münchnern in der Coronazeit mehr Platz zum Spazieren und den Kleinen mehr Platz zum Toben bieten.

Insgesamt vier Spielstraßen wurden in der Stadt eingerichtet, außerdem noch sechs verkehrsberuhigte Bereiche, in denen nur in Schrittgeschwindigkeit gefahren werden darf. Am Holzplatz informiert ein großes Schild darüber, dass es sich um eine Sommerstraße handelt, Absperrungen hindern die Autos daran, die Sackgasse zuzuparken, einige bepflanzte Betonkübel und Metallgitterstühle sollen zum Verweilen einladen.

"Es könnte so viel mehr daraus gemacht werden"

Café-Inhaberin Vila findet das alles nicht einladend: "Leider wird die Sommerstraße kaum gepflegt. Weder die Stadt noch die anliegenden Anwohner engagieren sich sonderlich." Seit 16 Jahren betreibt sie Tabula Rasa. "An sich ist die Idee ganz toll, die Sommerstraße bringt Ruhe. Aber es könnte so viel mehr daraus gemacht werden." Hochbeete zum Gärtnern zum Beispiel. Immerhin, ein Nachbar habe zwei Bierbank-Garnituren aufgestellt.

An einer der Garnituren sitzen Meike Ebert und Frank Crusius. Das Paar, beide um die Vierzig, wohnt in der Au. An diesem Tag hat Frank Crusius Geburtstag und ist mit seiner Freundin durch die Stadt geschlendert. "Auf dem Heimweg ist mir dieser Platz eingefallen, ich kannte ihn vom Glockenbach-Sommerfest. Darum wollte ich unbedingt hierher", erzählt Meike Ebert. Seit der Pandemie würden sie an ihren freien Tagen all die Dinge tun, "die man in der eigenen Stadt normalerweise nicht macht". Und viele Ecken neu erkunden. Der Holzplatz sei auch so eine Entdeckung.

Meike Ebert und Frank Crusius haben es sich am Holzplatz gemütlich gemacht.
Meike Ebert und Frank Crusius haben es sich am Holzplatz gemütlich gemacht. © C. Morarescu

"Es gibt überhaupt zu wenig Raum in der Stadt für Kreativität", findet Frank Crusius. Seine Freundin bekräftigt: "Es wäre toll, wenn es über die Stadt verteilt viele solcher kleinen Plätze gäbe, an denen man zusammensitzen kann, ohne dass man unbedingt etwas in der Gastro konsumieren muss."

Nicht alle finden die Sommerstraßen gut

Die einen genießen das Beisammensein, andere fühlen sich von den Zusammenkünften gestört. An einem Balkon in Obergiesing hängt ein buntbemaltes Stoff-Banner: "Sommerstraße Nein Danke" steht darauf, ein Smiley-Kopf mit Kopfhörern, der traurig schaut, soll veranschaulichen, dass sich die Anwohnerin durch Lärm belästigt fühlt.

Hier mag man die Sommerstraße nicht.
Hier mag man die Sommerstraße nicht. © C. Morarescu

Unterhalb des Balkons dasselbe Info-Schild, dieselben Pflanzenkübel und Metallgitterstühle. Die kleine Verbindungsstraße zwischen Zugspitzstraße und St.-Martin-Straße wird normalerweise zugeparkt und auch gerne als Abkürzung genutzt.

Diesen Sommer spielen dort Kinder, finden Poesie-Lesungen statt, sitzen Anwohner zum Zeitunglesen oder ratschen auf der Bank. "Abends hängen hier die besoffenen Jugendlichen ab", zeigt sich die Urheberin des Banners genervt. "Die Kinder schießen Fußbälle auf unseren Balkon. Das ist nicht der richtige Ort für eine Sommerstraße." Sie habe schon sehr oft die Polizei gerufen.

Polizei bekam mehrere Anrufe

Laut Auskunft der Polizei sind in den vergangenen zwei Monaten sechs Anrufe eingegangen wegen Lärmbelästigung in der Zugspitzstraße. Vier von den Anrufen bezögen sich auf die nahe gelegenen Bars und Restaurants, zwei Anrufe auf Zusammenkünfte von Jugendlichen, in zwei Fällen habe die Streife tatsächlich einschreiten müssen. Die Zahl der Anrufe sei aus polizeilicher Sicht angesichts der "Bevölkerungsdichte der Straßen, der Jahreszeit und der Bedingungen der Pandemie, die immer noch das Feiern im Geschlossenen verhindert", nicht als groß zu bewerten.

"Diese Straße sollte ein geschütztes Biotop für Kinder bleiben", findet Wolfgang Gufler, zweifacher Vater. Er wohnt in der nahegelegenen Watzmannstraße. Jeden Tag liest er auf einer Bank neben der Sommerstraße Zeitung. Die Beschwerden der Anwohnerin empfindet er als "Kampf gegen die Lebendigkeit". Der 69-Jährige ist in Untergiesing aufgewachsen. "Früher waren die Freiheiten für uns Kinder größer, wir hatten viele Plätze und Treffpunkte zum Spielen." Heute müssten die Kinder sich ständig an Regeln halten, um ihr eigenes Leben im Straßenverkehr zu schützen. "Wir brauchen wieder mehr Freiräume und Orte der Begegnungen in der Stadt", findet Gufler.

Wolfgang Gufler aus Giesing liest hier täglich seine Abendzeitung.
Wolfgang Gufler aus Giesing liest hier täglich seine Abendzeitung. © C. Morarescu

Wirt: "Endlich weniger Verkehr"

Pedro Kanelidis ist der Wirt des anliegenden Lokals Alpen 12. Auch er ist sehr glücklich über die Sommerstraße. "Endlich haben wir hier weniger Verkehr und auch weniger Unfälle." Es sei "ein toller Ort für die Menschen aus der Nachbarschaft". Er beobachte, dass die Sommerstraße gerne als Treffpunkt genutzt werde.

Ein "toller Ort für die Nachbarschaft" sei die Sommerstraße an der Zugspitzstraße, sagt Wirt Pedro Kanelidis.
Ein "toller Ort für die Nachbarschaft" sei die Sommerstraße an der Zugspitzstraße, sagt Wirt Pedro Kanelidis. © C. Morarescu

An der südlichen Auffahrtsallee in Nymphenburg empfindet Monika Kelling das anders. "Man sollte das Partystraße und nicht Sommerstraße nennen." Sie blickt auf die Straße. "Finden Sie das einladend? Die Kinder spielen doch lieber auf dem Spielplatz um die Ecke und ich sehe selten Menschen, die sich hier länger aufhalten." Tatsächlich wirkt die Straße eher abweisend. Trotz der Bepflanzungen und einiger Stühle kann man die Gestaltung durchaus als lieblos empfinden.

An diesem Vormittag hält sich dort niemand auf, das mag allerdings am Nieselregen liegen. "Die einzigen, die hier abhängen, sind Jugendliche. Mich stört am meisten, dass sie einen Haufen Müll hinterlassen: Zigarettenkippen, Bierflaschen, Verpackungen und Essensreste vom Imbiss." Die Mitarbeiter der Straßenreinigung bestätigen das.

Nachbarn sollen sich an Projekt beteiligen

Die Vorschläge für die Sommerstraßen machen die jeweiligen Bezirksausschüsse. Um die Verwaltung kümmert sich das Mobilitätsreferat der Stadt. Auf die Gestaltung angesprochen, weist das Referat auf den temporären Charakter der Sommerstraßen hin, der dazu führe, dass die Ausstattung einfach auf- und abzubauen sein müsse. Zudem müssten die Möbel wetterbeständig und auch robust gegen Vandalismus sein.

Eine aktive Beteiligung der Nachbarn bei der Gestaltung sei ausdrücklich erwünscht.

Monika Kelling findet, dass die Sommerstraße an der Südlichen Auffahrtsallee heuer nicht gelungen ist. Dort würde nur gefeiert.
Monika Kelling findet, dass die Sommerstraße an der Südlichen Auffahrtsallee heuer nicht gelungen ist. Dort würde nur gefeiert. © C. Morarescu

"Letztes Jahr war hier deutlich mehr los, da hat jemand Bobby-Cars für die Kinder angeboten, Liegestühle waren aufgestellt", erinnert sich Monika Kelling. "Dieses Jahr wird die Straße kaum genutzt. Es hat aber auch viel geregnet."

Was die feiernden Jugendlichen angeht, so weist das Mobilitätsreferat auf die Pandemie-Situation hin, die Zusammenkünfte ins Freie verlagert habe. Zudem sei bereits 2020 das Allparteiliche Konfliktmanagement (AKIM) des Sozialreferats einbezogen worden. Bei gutem Wetter seien Konfliktmanager vor Ort und würden den Austausch zu den Jugendlichen suchen, um den Lärm zu reduzieren.

Kelling erinnert sich daran, dass vergangenes Jahr Mitarbeiter vor Ort waren. Doch dieses Jahr habe sie keine wahrgenommen. Ob sie grundsätzlich gegen die Sommerstraße sei? "Nein, das nicht. Wenn sie so schön wie im letzten Jahr genutzt wird, dann finde ich es schon eine gute Sache."

Dazu bräuchte es deutlich mehr Beteiligung aus der Nachbarschaft. Aber lohnt das? Sich für drei Monate gemütlich einrichten, um dann wieder alles abzureißen, ist wenig motivierend. Viele Sommerstraßen werden wohl weiterhin ein eher trostloses Dasein fristen.

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