Fürsten und Pioniere: Spaziergang zu Münchens Künstlerhäusern

In der neuen AZ-Serie "Spaziergang zu..." präsentiert Karl Stankiewitz Häuser aus Münchens Geschichte. Wer vom Lehel die Isar überquert, kommt an interessanten Wirkstätten vorbei.
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Museum/ Künstlerhaus: Stuck-Villa, Prinzregentenstr. 60, München, Bayern, Deutschland
Museum/ Künstlerhaus: Stuck-Villa, Prinzregentenstr. 60, München, Bayern, Deutschland © Thomas Stankiewicz

München - Karl Stankiewitz zeigt in der neuen AZ-Serie Münchner Häuser mit Geschichte: Hier wohnten und wirkten Künstler, die weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt sind. Geschichtsträchtige Orte sind das, die Sie ganz einfach bei einem Spaziergang besuchen können. Denn alle in einer Folge vorgestellten Häuser sind fußläufig.

Fußläufig erreichbar: die Künstlerhäuser.
Fußläufig erreichbar: die Künstlerhäuser. © Google Maps/anf

Wie eine Ritterburg: Grützner-Villa, Grütznerstrasse 1

Künstlerhäuser: Grützner, Grütznerstr. 1, München
Künstlerhäuser: Grützner, Grütznerstr. 1, München © Thomas Stankiewicz

Wie eine Tiroler Ritterburg thront das Haus zwischen Maximilianeum und Hofbräukeller, Grütznerstraße 1. Eduard Theodor Grützner (1846 - 1925) stammte aber aus Schlesien. Grützner gilt als bedeutendster Münchner Genremaler der Gründerzeit. Man nannte ihn "Mönchsmaler". Denn ein Großteil seines Werkes zeigt lustige Klosterbrüder und Dorfpfarrer, meist mit vollen Krügen und manchmal mit draller Schenkdirne.

Eduard Grützner mit seinem "Don Quixote".
Eduard Grützner mit seinem "Don Quixote". © gemeinfrei

Das Publikum verlange, "dass ich immer und immer wieder Pfäfflein malen muss", begründete er. Seine Bilder verkauften sich weltweit. Daneben schuf Grützner, Professor und Ritter, Jagd- und Theaterszenen. Seine Residenz, erbaut vom renommierten Leonhard Romeis, war voll von Glas, Silber, Zinn, Zirbel- und Kiefernholz.

Er war auch kundiger Sammler von Antiquitäten. Im Kneipzimmer bewirtete er Spitzweg, Lehár, Johann Strauss und andere Berühmtheiten mit Wein und Schinken. Mit gotischem Chorgestühl stattete er die Hauskapelle aus. Zum Atelier im zweiten Stock führte eine Turmtreppe. Nur von außen ist das heutige Privathaus mit seinen Erkern, Söllern, farbigen Dachschindeln und schmiedeeisernem Gittern vor Butzenscheiben heute zu betrachten, als Überbleibsel vom gemütlichen Altmünchen.

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Er retuschierte die Könige: Hanfstaengl-Haus, Widenmayerstraße 18

Künstlerhaus: Hanfstaengl, Widenmayerstrasse 18, München
Künstlerhaus: Hanfstaengl, Widenmayerstrasse 18, München

In Zeichnen und Lithographie wurde der Bauernbub aus dem Tölzerland an der Akademie der Bildenden Künste ausgebildet, um sich ab 1825 der neuen Kunst der Photographie zuzuwenden. Internationalen Ruf erlangte Franz Seraph Hanfstaengl (1804 - 1877) durch seine retuschierten Porträts, etwa von König Ludwig II., Kaiserin Elisabeth und Bismarck, wie auch durch lithografische Reproduktionen alter und neuer Meister.

Franz Seraph Hanfstaengl ca. 1854
Franz Seraph Hanfstaengl ca. 1854 © Stadtarchiv

Erhalten sind erste Lichtbilder aus dem alten München. Sohn Edgar - Hanfstaengl war Stammvater einer verzweigten, auch politisch aktiven Dynastie - gründete 1833 einen Kunstverlag zum "fabrikmäßigen Betrieb der Vervielfältigung von Kunsterzeugnissen höherer Gattung", dessen Zentrale sich seit 1926 in der Widenmayerstraße 18 befand. Der billigere Offsetdruck zwang den in vier Generationen geführten Verlag 1980 zur Aufgabe. Das Haus mit den mächtigen, marmorierten Säulen und der hohen Freitreppe gehört samt schönem Hinterhaus einer Gesellschaft und beherbergt Architekten, Anwälte, eine Medienagentur und ein Zahnlabor.

Ein Haus mit wechselvoller Geschichte: Hildebrandhaus, Maria-Theresia-Straße 23

Künstlerhäuser: Hildebrand, Monacensia, Maria Theresiastr. 23, München
Künstlerhäuser: Hildebrand, Monacensia, Maria Theresiastr. 23, München © Thomas Stankiewicz

Das Haus an der Maria-Theresia-Straße 23 hat eine dramatische Geschichte. Erbaut hat es Gabriel von Seidl für Adolf von Hildebrand (1847 - 1921) nach dessen Plänen: mit repräsentativem Wohntrakt und 7,5 Meter hohem Atelier. Hildebrand gilt neben Auguste Rodin als bedeutendster Bildhauer.

Adolf von Hildebrand.
Adolf von Hildebrand. © gemeindefrei

Das Grundstück stellte die Stadt München. Für sie schuf der aus Florenz geholte Künstler 1895 den an die erste Wasserversorgung der Stadt erinnernden Wittelsbacher Brunnen am Lenbachplatz - und später weitere große Brunnenanlagen. Hier entwickelte sich bald ein geistiger Mittelpunkt der Prinzregentenzeit. Salons, eine große Terrasse und ein schöner Garten boten viel Platz für Vorträge, Gespräche, Konzerte.

1921 ging alles an Hildebrands Sohn. Der Philosophie-Professor Dietrich von Hildebrand, ein kämpferischer Anti-Nazi, musste schon Anfang 1933 emigrieren, nachdem er das Vaterhaus billig verkauft hatte. Im November 1934 zog die konvertierte Jüdin Elisabeth Braun als neue Eigentümerin ein. Die Schriftstellerin brachte hier auch ihre Stiefmutter Rosa sowie mindestens 15 Münchner Juden unter. Im November 1941 wurden sie alle nach Litauen deportiert und ermordet. Elisabeth Braun hatte das Hildebrandhaus noch testamentarisch ihrer evangelisch-lutherischen Kirche vermacht - "soweit irgend möglich zur Betreuung nichtarischer Christen".

Nach dem Krieg überließen die Amerikaner Malern, Bildhauern und Musikern einige Wohnräume und Ateliers. Erst 1948, nachdem Elisabeth Braun für tot erklärt war, konnte die Kirche das Erbe antreten. Im Oktober 1974 verkaufte sie das Hildebrandhaus der Stadt, die nach mehrmaligem Um- und Anbau hier ihr literarisches Archiv einrichtete: die Monacensia, das "Gedächtnis Münchens".

Der letzte Künstlerfürst: Villa Stuck, Prinzregentenstraße 60

Museum/ Künstlerhaus: Stuck-Villa, Prinzregentenstr. 60, München, Bayern, Deutschland
Museum/ Künstlerhaus: Stuck-Villa, Prinzregentenstr. 60, München, Bayern, Deutschland © Thomas Stankiewicz

Eine nackte Amazone bildet die Vorhut eines Heeres von Symbolfiguren aus der Münchner Jugendzeit der modernen Kunst, die dem Besucher des "Museums Villa Stuck" in der Prinzregentenstraße 60 in Sälen, Ateliers, Kabinetten und Boudoirs, in Treppenhäusern, auf der Terrasse, in der Torhalle und im Garten begegnen. Erschaffen und inszeniert hat das alles 1897/98 der niederbayerische Müllersohn Franz von Stuck, Münchens letzter "Malerfürst".

Ein Selbstporträt von Franz von Stuck.
Ein Selbstporträt von Franz von Stuck. © Stadtarchiv

In diesem Jugendstilpalast empfing er seine Kunden, seine begabtesten Schüler (darunter Kandinsky, Klee, Chirico) und andere Gäste im feierlichen Gehrock, um sie in den pompejanischen Künstlergarten zu bitten oder durch einen Korridor aus dunkelgrünem Gestein in den Musiksalon. Nachthimmel mit goldenen Gestirnen überwölbt diese "Scheinwelt", wie frühe Besucher den Raum empfanden. Bühnenartig das Atelier. Eingerahmt von Wandteppichen, Staffeleien und Gemälden: der rekonstruierte "Künstleraltar", der diesen Saal schon zu Lebzeiten des 1928 verstorbenen Künstlers zu einem "Heilig-thum" machte. Und zum Skandal - wegen des Bildes "Die Sünde". Eine Riesenschlange umschlingt den leuchtend weißen Leib der Verführerin.

Nach dem Tod der Tochter im Juli 1961 wurde das Haus vom Architekten Hans Joachim Ziersch vor dem Verfall gerettet. Für 1,5 Millionen Mark - Stadt und Staat gaben Zuschüsse - ließen das Ehepaar Ziersch und ein Verein jahrelang restaurieren, rekonstruieren, sammeln. Als Stiftung des Mäzens ging das Haus am 1. Januar 1992 in den Besitz der Stadt über. Zuletzt wurden dieser "Schnittstelle von Jugendstil und avantgardistischer Moderne", so Direktor Michael Buhrs, ein großer neuer Ausstellungsbau und ein Café hinzugefügt.

Zur Wiederöffnung sind Ausstellungen geplant, deren Titel verraten, dass die Villa Stuck das Kunstgeschehen unserer Zeit mitbestimmt: "Bis ans Ende der Welt und über den Rand", "Geschenke und Rituale", "Die Partitur des Raumes".

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