Interview

Extremlöwe, Opernsänger und Giesinger: Jan Menzers bunte München-Geschichte

Jan Menzer (55) aus Giesing ist Klassik-Sänger, Comedian und "Extremlöwe" des FC 1860. Im AZ-Interview erzählt er von Begegnungen mit Freddie Mercury, Walter Sedlmayr und Rudolf Moshammer in den 80ern und 90ern – und davon, warum er lieber im Dianatempel singt als in der Staatsoper.
von  Reinhard Franke
Jan Menzer will sich mit der Abendzeitung vor der Staatsoper treffen. Es ist einer seiner Lieblingsorte in München, neben dem Dianatempel im Hofgarten.
Jan Menzer will sich mit der Abendzeitung vor der Staatsoper treffen. Es ist einer seiner Lieblingsorte in München, neben dem Dianatempel im Hofgarten. © Daniel Loeper

Ein Giesinger, ein Löwe und ein Sänger mit einer großen Liebe zur Klassik: Jan Menzer (55) vereint Welten, die auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammengehören. Als "Extremlöwe" bringt er die Menschen zum Lachen, im Dianatempel gibt er kleine Konzerte – und aus dem alten München kann er Geschichten über Walter Sedlmayr, Rudolph Moshammer und sogar Freddie Mercury erzählen. Die AZ hat Menzer getroffen.

AZ: Herr Menzer, wir treffen uns vor der Oper und sitzen im Spatenhaus. Warum gerade dieser Ort?
JAN MENZER: Mit der Münchner Oper verbinde ich großartige Abende und fantastische Opern- und Ballettaufführungen. Im Alter von knapp 30 Jahren hatte ich die Möglichkeit, bei großen Sängern vergangener Zeiten Unterricht zu nehmen, unter anderem beim Bariton Josef Metternich. Leider hatte ich damals nicht immer die Ernsthaftigkeit, die man von einem jungen Sänger erwartet. Ich wollte vielleicht zu viele Dinge gleichzeitig machen. So vergingen Jahre, in denen ich andere Wege eingeschlagen habe. Aber die Liebe zur Musik und zum Singen ist immer geblieben.

Der Wunsch, Sänger zu werden, war also schon damals da.
Ja. Es gab eine Zeit, da gab es überall in Deutschland Karaoke-Wettbewerbe. Mir machte es großen Spaß, in verschiedene Rollen zu schlüpfen und einfach alles zu singen, wonach mir gerade war. Ich habe auch an Wettbewerben teilgenommen und einige gewonnen, darunter einen großen Wettbewerb von Sony. Der Preis war eine Reise nach Japan.

Sind Sie hingeflogen?
Nein. Ich war damals noch beim Bund und hatte Schwierigkeiten, die Reise anzutreten. Also habe ich sie verkauft und mir mit meinen damaligen Freunden eine schöne Zeit gemacht. Ein richtiger Depp, würde man heute vielleicht sagen. Aber damals war mir der Moment wichtiger – und mit meinen Freunden zusammen zu sein, statt allein weit wegzufliegen.

Das Schlüpfen in andere Rollen begleitet Sie bis heute.
Ja, das ist eine große Leidenschaft von mir. Ich spiele gerne und erfinde spontan Charaktere – zum Beispiel Alois Moshammer, den Extremlöwen oder Gülvis Presley, den unehelichen türkischen Sohn vom King persönlich.

Wie entstand Alois Moshammer?
Ganz spontan bei einem Einkauf beim Dallmayr. Ich finde die Leichtigkeit dieser Figur wunderbar. Schließlich verbindet man mit dem Tod von Rudolph Moshammer eine schreckliche Geschichte. Mit Alois Moshammer, der behauptet, sein unehelicher Sohn zu sein, versuche ich, dem Ganzen wieder etwas Leichtigkeit zu geben.

Sie haben Rudolph Moshammer selbst erlebt.
Ja. Als junger Mann wurde ich nachts öfter von ihm aus seinem Auto heraus angesprochen. Ich glaube, das ist damals einigen jungen Münchnern passiert: "Wo ist denn jetzt der Hauptbahnhof?" und solche Sachen (lacht). Aber Moshammer war immer nett zu mir und hat mich respektiert. Ich war ja noch sehr jung. Er hat mir sogar angeboten, bei ihm im Laden zu arbeiten. So habe ich ihn in Erinnerung. Angefummelt hat er mich nie. Deshalb finde ich, dass die Figur des Alois Moshammer durchaus ein Schmunzeln wert ist.

Ein Treffen mit Freddie Mercury

Auch Walter Sedlmayr haben Sie damals kennengelernt.
Ja. Als Jugendlicher war ich viel zu Fuß auf den Straßen Münchens unterwegs. Damals wurde hier, glaube ich, unglaublich viel für Serien gedreht, und auch Walter Sedlmayr war viel unterwegs. Bei einem dieser Drehs – es könnte sogar "Polizeiinspektion 1" gewesen sein, eine Münchner Serie, mit der ich groß geworden bin und die ich bis heute liebe – hat er mich angesprochen. Er hatte gerade Drehpause, stand mit einer Mandarine in der Hand da und fragte mich in seiner grantelnden bayerischen Art: "Hey, magst auch eine?" Ich nahm eine und setzte mich zu ihm neben den Filmwohnwagen. Dort gab es Kaffee und Kuchen für die Crew, und wir haben einfach über das Wetter, die Isar und alles Mögliche geredet. An alles erinnere ich mich nicht mehr genau, aber es war eine lustige Begegnung. Ich kannte ihn ja aus seinen Serien. Und danach hatte ich meinen Eltern etwas zu erzählen – die haben "Polizeiinspektion 1" nämlich auch sehr gerne geschaut.

Und dann waren da noch Freddie Mercury und Barbara Valentin.
Barbara kannte ich von verschiedenen Partys. Ein guter Spezl von mir war in dieser Szene unterwegs, und ich bin oft mit ihm feiern gegangen. Das waren Knaller-Partys. Auf einer davon war auch Freddie Mercury. Der hat mich an einem Abend auf eine Maracujaschorle eingeladen. Ich war noch ziemlich jung, hörte eher ABBA und die Beatles und habe das gar nicht so richtig wahrgenommen. Freddie war für mich halt der Sänger von Queen – und an diesem Abend einfach ein ganz normaler Typ. Er kam auch völlig normal rüber, hat viel gelacht. Eine coole Socke.

Sie waren nicht beeindruckt, dass Freddie Mercury vor Ihnen stand?
Nicht so, wie man vielleicht denken würde. Ich war damals eher ein Milchbubi (lacht). Ich war oft im New York und im Mrs. Henderson. Das waren damals sehr beliebte Clubs in München. Auf diesen Partys waren natürlich auch viele Mädels, aber dafür war ich viel zu schüchtern. Es war einfach eine super Zeit in München. Da ging’s ab. Wir haben uns am Dianatempel kennengelernt.

Jan Menzer (r.), hier im Spatenhaus an der Oper, im Interview mit AZ-Autor Reinhard Franke.
Jan Menzer (r.), hier im Spatenhaus an der Oper, im Interview mit AZ-Autor Reinhard Franke. © Daniel Loeper

Wenn Sie spontan fünf Minuten auf den Stufen der Staatsoper auftreten dürften – was würden Sie singen?
Ich glaube, Schumanns "Mondnacht" nach Eichendorff – abends bei Vollmond. Das gäbe bestimmt eine wunderbare Stimmung. Ich liebe es, in Melancholie einzutauchen, in diese sanfte, poetische Schwermut. Dieses bewusste Verweilen in einem Zustand. Es ist etwas Bittersüßes.

Was bedeutet Ihnen das Singen im Dianatempel im Münchner Hofgarten?
Die Akustik dort ist wundervoll. Durch die Holzdecke dieses geschichtsträchtigen Gebäudes trägt die Stimme hinaus in den Hofgarten und entfaltet einen ganz besonderen Zauber. Ich gebe dort gerne kleinere Konzerte und singe mich dort auch oft ein. Es ist ein wunderschöner Platz für die vielen Künstler, die dort musizieren.

Ausverkaufte Staatsoper oder 30 Menschen im Dianatempel – was wäre der größere Abend?
Ich kenne das Gefühl, vor vielen Menschen zu singen, aber auch vor wenigen. Beides ist besonders. Natürlich tut es dem Ego gut, in der Staatsoper vor vielen Menschen zu singen. Aber egal, ob vor großem oder kleinem Publikum: Entscheidend ist die Liebe zur Musik. Und jeder Künstler liebt natürlich den Applaus und die Anerkennung, etwas gut gemacht zu haben.

Also doch der Dianatempel?
Ich habe in meinem Leben schon größere Summen verdient und war deshalb nicht glücklicher. Ich hatte große Konzerte und Events, aber auch kleine Auftritte, etwa bei Hochzeiten.

Eine richtige Bühne brauchen Sie dafür offenbar gar nicht.
Nein. Wenn die Akustik stimmt, wie im Dianatempel, ziehe ich so einen kleinen Ort einem großen Saal, in dem ich mit Mikrofon singe, sogar vor.

Was einen Giesinger ausmacht

Sie sind Musiker und Comedian. Wollen Sie Menschen eher zum Lachen bringen oder berühren?
Beides gehört für mich zusammen. Ich spiele gerne, ich singe gerne und ich mag es, Menschen zu unterhalten. Mit einem Lied kann man Menschen bestimmt berühren, mit einem Witz kann man sich näherkommen. Ich glaube, es kommt immer auf die Situation an. Manchmal reichen dafür auch zwei Augustiner.

Hinter Ihrem Humor scheint aber auch eine melancholische Seite zu stecken.
Ja, gerade in der Musik aus einer anderen Epoche, einer anderen Zeit. Darin steckt für mich eine besondere Sehnsucht. Heute erreicht uns eine Nachricht innerhalb von Sekunden. Früher war ein Brief womöglich Wochen oder Monate unterwegs. Diese Sehnsucht nach etwas, auf das man warten muss, fasziniert mich.

Wenn Sie heute auf den jungen Jan Menzer aus Giesing schauen: Was ist von diesem Burschen geblieben?
Ich glaube, mein inneres Kind habe ich mir bewahrt. Gleichzeitig bin ich ruhiger geworden. Meine Liebe zur Klassik und gerade zum Liedfach ist heute sehr groß. Vielleicht habe ich erst jetzt die Muße und die Ruhe dafür. Aber den Bua aus Giesing trage ich immer mit mir herum. Der ist immer dabei.

Wie wichtig war die Unterstützung Ihrer Eltern für Ihren Weg als Sänger?

Mein Vater und meine Mutter haben mich mein Leben lang bei dem unterstützt, was ich tue. Sie haben mich oft zu Konzerten und Auftritten begleitet. Mein Vater hat einmal zu mir gesagt: "Junge, die Menschen hören dir zu. Das ist eine Gabe. Ich liebe dich." Das ist mir geblieben.

Sie kommen aus Giesing. Ist das für Sie eher ein Stadtteil oder längst eine Lebenseinstellung?
Giesing ist für mich Heimat. Ich bin in der Reginfriedstraße aufgewachsen, einen Katzensprung vom Stadion entfernt. Man kennt sich, und man ist von klein auf mit 1860 München verbunden. Da hat der FC Bayern noch um einen Ring Lyoner und ein Tragl Bier gespielt, da waren wir schon Meister (lacht). Einige meiner schönsten Erinnerungen an München verbinde ich mit Giesing. Und wenn man die Möglichkeit hat, bei einem Spezl auf dem Hausdach zu sitzen und von oben auf das Stadion und sogar aufs Spiel zu schauen, dann ist das schon eine pfundige Sache. München ist blau.

Woran erkennt man einen echten Giesinger?
Ein echter Giesinger kann mit den einfachen Dingen des Lebens in seiner Stadt zufrieden sein. Sein Verein, die weiß-blauen Farben, im Auer Mühlbach schwimmen, offen und geradeheraus sein. Dazu das Stadion direkt vor der Tür, die Kneipen, der kurze Weg zum Trainingsgelände, ein Bier – und natürlich die hübschen Giesinger Madln oder Burschen, je nachdem, wer einem gefällt (lacht).

Sie sind auch als "Extremlöwe" bekannt. Wie viel Jan Menzer steckt eigentlich in dieser Figur?
150 Prozent! Die Figur ist ganz spontan am Tisch im Biergarten am Chinesischen Turm entstanden. Es macht mir große Freude, dass die Menschen gerade den Extremlöwen so mögen. Durch diese Figur habe ich viele Menschen kennenlernen dürfen, mit denen ich meine Leidenschaft für Sechzig teilen kann. Fußball und vor allem dieser Verein liegen mir sehr am Herzen.

Ein Löwenfan ist ziemlich leidensfähig.
Die Liebe zum Verein überwiegt. Und in jeder guten Beziehung leidet man manchmal (lacht).

Gibt es noch das alte München, mit dem Sie groß geworden sind?
Natürlich hat sich München verändert. Aber es ist immer noch meine Stadt. Es gibt diese Orte und Momente noch, in denen ich mein München wiederfinde. Man muss manchmal vielleicht ein bisschen genauer hinschauen.

Zum Schluss: Was ist Ihr Satz über München?
Grad schee is.

merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.