Esther Maffei: "Kinder sind voller Ressourcen"

Im Sommer übernimmt Esther Maffei (45) die Leitung des Jugendamts. Ein Gespräch über schwierige Kindheiten – und Münchens Kampf gegen die Armut.
| Interview: Irene Kleber und Felix Müller
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Esther Maffei in der Redaktion der Abendzeitung – im Gespräch mit AZ-Redakteurin Irene Kleber und Lokalchef Felix Müller.
Sophie Anfang 2 Esther Maffei in der Redaktion der Abendzeitung – im Gespräch mit AZ-Redakteurin Irene Kleber und Lokalchef Felix Müller.
Noch leitet Esther Maffei ein Psychologen-Team im Clemens-Maria-Kinderheim in Putzbrunn. Im Sommer übernimmt sie die Leitung des Stadtjugendamts.
Sophie Anfang 2 Noch leitet Esther Maffei ein Psychologen-Team im Clemens-Maria-Kinderheim in Putzbrunn. Im Sommer übernimmt sie die Leitung des Stadtjugendamts.

München - Die Lage war zuletzt schwierig im Münchner Jugendamt. Mehr als zweieinhalb Jahre war der Chef-Sessel unbesetzt, weil die bisherige Leiterin krankgeschrieben war. Der kommissarische Leiter musste seinen Posten räumen, nachdem er Betreuungsverträge für minderjährige Flüchtlinge am Stadtrat vorbei geschlossen hatte. Auch die verschleppte Rückholung von Millionenbeträgen beim Freistaat (AZ berichtete) hat für großen Ärger gesorgt.

Ab Sommer soll die Psychologin Esther Maffei als neue Jugendamts-Chefin Ruhe ins Amt mit rund 1000 Mitarbeitern bringen. Die 45-jährige Südtirolerin war bislang in München nahezu unbekannt. Die AZ hat sie vorab getroffen.

AZ: Frau Maffei, Sie stammen aus der Provinz Südtirol, die stellt man sich als Münchner eher beschaulich vor.
ESTHER MAFFEI: Ist sie auch, jedenfalls landschaftlich. Ich komme aus einem Ort zwischen Meran und Bozen im Etschtal. Von 2010 bis 2015 habe ich einen Sozialsprengel südlich von Bozen geleitet, der fünf Gemeinden umfasste.

Mit welchen Problemen hatten Sie zu tun?
Im Bereich Jugendamt ging es zum Beispiel um Familien, in denen es Verdacht auf Gewalt oder Missbrauch gab, oder um große familiäre Schwierigkeiten aufgrund von Trennung oder Scheidung. Häufig wurden wir auf die Familien aufmerksam durch Meldungen von Schulen oder Kindergärten. Bei konkretem Verdacht auf Kindswohlgefährdung hat uns das Jugendgericht beauftragt, das abzuklären. Das ist in Italien so organisiert.

Jetzt starten Sie neu in der Großstadt München – an der Spitze von Deutschlands größtem Jugendamt. Was hat Sie hergelockt?
Ich war vor fast 20 Jahren schon einmal hier, für eine berufsbegleitende Ausbildung als Kinder- und Jugend-Psychotherapeutin im Lehel. München hat mich nicht mehr losgelassen. Mich begeistert die Kombination aus Gemütlichkeit und Großstadt. Das Lebensgefühl ist mir kulturell sehr vertraut. Außerdem ist München sehr schön. Ich mag die Isar, da jogge und radle ich gern. Ich mag den Englischen Garten, den Viktualienmarkt – und ich mag es, einfach mal ziellos durch die Innenstadt zu schlendern.


Esther Maffei in der Redaktion der Abendzeitung – im Gespräch mit AZ-
Redakteurin Irene Kleber und Lokalchef Felix Müller.

Haben Sie schon ein Lieblingsviertel?
Jedes Viertel hat seinen Charme. Ich wohne mit meiner Familie in Au-Haidhausen. Meine beiden Teenagerkinder fühlen sich dort sehr wohl.

Seit eineinhalb Jahren arbeiten Sie immerhin schon in der Nähe Münchens: im Clemens-Maria-Kinderheim in Putzbrunn. Wie müssen wir uns Ihre Arbeit dort vorstellen?
Die Einrichtung umfasst heilpädagogische Wohngruppen und Tagesstätten, die meisten Kinder sind zwischen sechs und 14 Jahre alt, ein paar sind auch jünger und älter. Ich leite ein Team von Psychologen, mit dem wir die Kinder und Jugendlichen betreuen.

Worum geht es?
Die Kinder leben im Kinderheim, weil die familiäre Situation so belastend wurde, dass eine Unterbringung außerhalb der Familie zur Unterstützung notwendig wurde. Ziel ist die Rückführung in die Familie, wenn das familiär wieder möglich ist.

Wie belastend ist die Arbeit als Psychologin dort?
Es ist eine wunderschöne Arbeit, weil Kinder und Jugendliche so kreativ sind, so voller Ressourcen – auch wenn ihre Lebensgeschichten nicht immer ganz einfach waren. Aber wenn man am Nachmittag mit ihnen im Garten ist und sieht, wie fröhlich sie sind, was sie sich alles einfallen lassen, das ist einfach herrlich. Alle Angebote, die Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung fördern, sind nie umsonst.

Woher kommen die Kinder?
Aus dem Großraum München. Es werden auch unbegleitete Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung betreut.

Sind Sie schon durch Brennpunktviertel in München selbst gelaufen?
Ich habe Münchens verschiedene Viertel mit dem Fahrrad erkundet, um Eindrücke zu sammeln.

Welchen Eindruck hatten Sie?
Es ist sehr viel Leben in allen Vierteln. Ich habe einen sehr positiven Blick von außen. Ich denke, man sollte – ohne die Augen vor den Schwierigkeiten zu verschließen – den Blick auch darauf richten, was lebendig ist und gut läuft.

Was zum Beispiel?
Wie die Aufnahme der Tausenden minderjährigen Flüchtlinge hier gelaufen ist. Wir sind gebannt in Südtirol gesessen und haben uns das angeschaut, das war wirklich eine Meisterleistung. Das Münchner Jugendamt gilt als Vorbild für andere Jugendämter, weil hier vieles so gut läuft. Auch dass es so viele von der Stadt unabhängige Träger gibt, beeindruckt mich. Das schafft eine reiche Sozialkultur. Gut gefällt mir auch die Initiative "Regsam", die Vereine, Politik, städtische Einrichtungen und freie Träger der verschiedenen Stadtviertel vernetzt – und Themen aus vielen Perspektiven beleuchtet. Dort sind schon viele gute Ideen entstanden.

"Ich möchte gezielt Prioritäten setzen, wo es am dringendsten ist"

München vor allem positiv zu sehen – reicht das, wenn man an der Spitze des Jugendamts steht? Jeder fünfte Münchner gilt als arm. Wir haben 28 000 Kinder unter 14 Jahren hier, die von Sozialhilfe leben – fast jedes sechste Kind also. Sie werden für deren Wohlergehen zuständig sein.
Das ist natürlich ein ganz schwieriger Punkt, der mehrere Referate betrifft und wo man sich gut vernetzen muss. Aber es wird auch hingeschaut und einiges getan.

Auf welche Themen wollen Sie Ihren Fokus legen, wenn Sie im Sommer starten?
Erst einmal möchte ich unvoreingenommen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Gespräche führen. Sehen, wie die Zusammenarbeit mit den Trägern läuft. Ich möchte einen Überblick über die verschiedenen Projekte bekommen, um dann gezielt dort Prioritäten zu setzen, wo es am dringendsten ist.

Sie bringen kein Konzept mit? Oder einen Denkanstoß?
Ich fände es fachlich nicht vertretbar, die Arbeit mit einem vorgefertigten Konzept zu beginnen, ohne genaue Analyse der Fakten und ohne alle Akteure in der Jugendhilfe gehört zu haben. Ich werde mir sicher einige Einrichtungen und Projekte direkt vor Ort anschauen – vor allem auch aus der Perspektive von Kindern.

Die neue Jugendamts-Chefin wird auch deshalb mit großer Spannung erwartet, weil es zuletzt einige Skandale um Abrechnungen und verschwendete Gelder im Zusammenhang mit minderjährigen Flüchtlingen gab. Sind Sie informiert über den aktuellen Stand?
Nicht im Detail. Soweit ich weiß, hat das Sozialreferat diese Themen im Augenblick gut im Griff. Die Einzelheiten erfahre ich noch, wenn ich im Sommer an meinem Schreibtisch sitze.

Lesen Sie hier: Jugendamt-Debatte:

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