Griechische Indianer

Die Taverne Potlatsch in Laim ist benannt nach einem indianischen Brauch, demzufolge Geben besser ist als Nehmen.
| Florian Zick
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Eigentlich ist es ganz beruhigend, dass hierzulande niemand mit dem Brauch des Potlatsch vertraut ist. Denn lediglich elf Euro für die Dorade Royal, das darf man durchaus als Geschenk verstehen. Und wer da den Potlatsch pflegen wollte, der stieße schnell an seine Grenzen.

Der Potlatsch ist ein rituelles Fest der Indianer. Ein bisschen überspitzt gesagt funktioniert es ungefähr so: Man beschenkt sich wechselseitig so lange mit immer mehr, bis einer nichts mehr zu verschenken hat. Erst eine Dorade, dann eine Halskette, ein Auto, ein Haus – so würde sich das wohl hochschaukeln.

In Laim gibt es seit ein paar Wochen eine griechische Taverne namens Potlatsch. Entstanden ist der Name in einer durchphilosophierten Nacht. Es galt, die Rennbahn umzutaufen, jenes Lokal an der Fürstenrieder Straße, dessen Name sich von seiner Nähe zu einer ehemaligen Galopp-Strecke ableitete. In erwähnter Nacht kam die Sprache irgendwann auf den Soziologen Marcel Mauss und seine „Ökonomie des Schenkens”. Schon war der neue Name gefunden.

Die Leute, die damals beisammen saßen, heißen Admir Kokanovic und Giselle Engler. Letztere ist vor allem bekannt, weil sie in jungen Jahren mal zur „freundlichsten Bedienung Münchens” gewählt wurde. Später führte sie die Gaststätten in einigen Bädern, das Hechtsprung im Dantebad oder das Aquamarin im Prinzregentenbad. Im Potlatsch gibt sie allerdings nur noch die Rolle der guten Seele.

Engler hat die traditionsreiche Gaststätte vor 15 Jahren gekauft, weil sie sich von dem Haus so behaglich an ein Wiener Beisl erinnert fühlte. Mittlerweile arbeitet Engler allerdings als Künstlerin, nicht mehr als Gastronomin. Was im Potlatsch von ihr übrig ist, sind die skurrilen Handtaschen-Kreationen, die im Wintergarten des Lokals als Deko an der Wand hängen. Die Aufgaben als Wirt hat sie an Admir Kokanovic abgetreten.

Engler und Kokanovic kennen sich aus dem Lucullus, jenem griechischen Lokal in Untergiesing, das im Ruf steht, mit seinen günstigen Preisen schon mehrere Generationen an Studenten durchgefüttert zu haben. Auch im Potlatsch kann man sich über die Preise nicht beschweren. Neben der Dorade Royale gibt es zum Beispiel auch Calamari vom Grill (9,50 Euro) oder einen Zickleinbraten mit Ofenkartoffeln (12 Euro). Ein klein wenig Geld muss man also schon mitbringen. Die philosophischen Erkenntnisse gibt es dafür kostenlos dazu.

Agnes-Bernauer-Straße 98, Mo. bis Sa. 17-1.30, So. und feiertags 12-1.30 Uhr, Tel. 58 97 81 91

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