Einzelhandel in München: Wer in der Krise leidet - und wer profitiert

Dankbare Kunden, frustrierte Händler und Straßen, in denen überraschend viele Münchner bummeln: ein AZ-Streifzug um den Gärtnerplatz, durch Haidhausen, Schwabing, Pasing und Feldmoching.
| Martina Scheffler
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"Es geht an die persönliche Substanz", sagt Christian Horn, Vorsitzender der Gewerbetreibenden Haidhausen, über die Stimmung unter den Händlern.
"Es geht an die persönliche Substanz", sagt Christian Horn, Vorsitzender der Gewerbetreibenden Haidhausen, über die Stimmung unter den Händlern. © Daniel von Loeper

München - Es ist trist im Gärtnerplatzviertel. Dort, wo sonst Cafés, Bars oder ausgefallene kleine Läden die Menschen anziehen, fegt jetzt der kalte Januarwind über leere Bürgersteige. Das Gärtnerplatztheater: zu. Restaurants: Lieferservice. Viele Geschäfte, die derzeit geschlossen bleiben müssen: Einrichtungshäuser, eine Buchhandlung, ein Lampenladen, Antiquitäten, Schuhe, Mode, ein Kosmetikinstitut.

"Das ist das Highlight meiner Woche", sagt die Kundin im Laden

Doch in einem Laden in der Reichenbachstraße brennt noch Licht - Auryn, "als Babyfachmarkt systemrelevant", darf Kunden reinlassen. Wer Schönes für Babys und jüngere Kinder sucht, kann sich hier eindecken. Doch dass rund um den Laden alles dicht ist, schadet auch Auryn. Die Lage sei "nicht gut", sagt Inhaberin Christine Frehe-Reynartz. Obwohl sie noch nie so viel gearbeitet habe wie seit dem ersten Lockdown: Instagram und Facebook bestücken, den Online-Shop ausbauen, über den zwar jetzt etwas mehr als sonst bestellt wird, dennoch sei es "kein Vergleich mit dem, was man sonst hat". Im Moment kommt neue Ware herein, die per Vorkasse bezahlt werden muss, und die auch an die Kunden gebracht werden müsste: "Die Wintersachen kann ich im nächsten Winter nicht mehr verkaufen." Dennoch: Die Kunden, die den Weg zu ihr finden, "sind total glücklich", hat Frehe-Reynartz bemerkt. "Neulich sagte eine Schwangere zu mir: Du bist das Highlight meiner Woche."

"Die Kunden sind glücklich": Christine Frehe-Reynartz.
"Die Kunden sind glücklich": Christine Frehe-Reynartz. © Daniel von Loeper

"Das Gärtnerplatzviertel lebt von Cafés, von kleinen Läden. Jetzt ist das hier wie eine Geisterstadt. Schon als die Cafés geschlossen haben, war das zu merken, weil das Viertel vom Bummeln lebt. Jetzt kannst du nirgends dein Kind stillen oder zur Toilette gehen." Frehe-Reynartz fürchtet um die Zukunft des Viertels: "Die Reichenbachstraße ist eine der letzten schönen großen Einkaufsstraßen. Wenn das wegfällt, was bleibt dann in dem Viertel?"

In Haidhausen ist mehr los - dafür gibt es eine Erklärung

Vergleichsweise lebhaft dagegen geht es rund um den Weißenburger Platz in Haidhausen zu. Warum? Hier gibt es viele Läden, die öffnen dürfen. Ein Reformhaus, ein Supermarkt, Optiker, eine Drogerie, italienische Feinkost, eine Apotheke, eine Croissanterie. Es ist relativ viel los, findet auch Christian Horn. Er ist Vorsitzender der Interessengemeinschaft der Gewerbetreibenden in Haidhausen und Immobilienbesitzer des Kaufring-Kaufhauses am Orleansplatz. Den Handwerkern ginge es auch gut, "teilweise vollst ausgelastet" seien die. Doch insgesamt herrsche unter den Gewerbetreibenden "verständnisvoller Frust" angesichts des anhaltenden Lockdowns. "Das geht auch an die persönliche Substanz." Auch Click & Collect laufe nur sehr schleppend an. Die Zahl derer, die aufgeben, sei zwar noch sehr gering - weil die Mieten in Haidhausen noch tragbar seien. Doch sollte der jetzige Zustand noch zwei Monate andauern, erwartet Horn "ein Sterben von kleinen Geschäften und Gastronomen" - also von denen, die die Stadtviertel eigentlich attraktiv machen.

So sieht es im Westen Münchens aus

Im Westen von München ist das Bild ähnlich wie in Haidhausen: Viele Geschäfte in Pasings Zentrum dürfen öffnen, es ist kein Ausgehviertel, sondern bietet alles für den täglichen Bedarf. Corona-Räumungsverkäufe findet man nicht. Tatsächlich geht es vielen gar nicht schlecht, berichtet Christian Herkner, der Erste Vorstand des Vereins Aktives Pasing, in dem sich Unternehmer aus dem Stadtteil zusammengeschlossen haben. "Die, die Lebensmittel verkaufen, haben mehr Umsätze, weil die Leute daheim kochen." Von Schließungen aufgrund der Corona-Einschränkungen hat er nicht gehört, nur mit einer Inhaberin eines Reisebüros gesprochen, das Kreuzfahrten vermittelt. "Das, was sie die letzten Jahre an Reserven angespart hat, ist alles weg." Was er den Geschäftsinhabern in Pasing generell und jetzt besonders rät, ist mehr Kundenfreundlichkeit.

Wer in Kurzarbeit ist, geht zum Discounter - nicht zum Metzger

Dass die Menschen nicht immer und generell die beratenden Fachhändler schätzen, diese Erfahrung hat schon vor Corona Metzgermeister Dieter Woite aus Feldmoching gemacht. Ganz im Münchner Norden hat er seit mehr als 25 Jahren sein Ladengeschäft. Dass ihm die Kunden nun die Bude einrennen, kann er aber trotz der von manchen neu entdeckten Liebe zum Selbstkochen nicht gerade sagen. "Das ist allgemein so, dass Kloane ned so viel Geschäft machen." Denn wer jetzt in Kurzarbeit sei, der gehe eben lieber zum Discounter als ins Fachgeschäft. Den Feldmochinger Handwerksbetrieben immerhin gehe es unverändert gut, heißt es beim Verein Unternehmer für Feldmoching. Der Vorsitzende des Vereins aber ist doch betroffen vom Lockdown: Martin Hopfensberger musste sein Reisebüro schließen.

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"Die Leute werden aggressivere" 

Erneuter Ortswechsel in die Schwabinger Hohenzollernstraße - sie ist gut besucht. "Ich habe mehr Umsatz als vorher", sagt denn auch Cornelia Schermelleh von Connys Laden, die seit mehr als 45 Jahren in der Straße ansässig ist. Sie verkauft Schreibwaren, Papeterie, Presseartikel und Geschenke. Was sie aber bemerkt hat: "Die Leute werden aggressiver." Ein paar Häuser weiter hat Christian Hackl seinen Laden Living Colour. Er verkauft Mode, Geschenke, Accessoires und Möbel - da bleibt ihm derzeit nur Click & Collect. Einen Onlineshop allerdings hat er nicht, er bewirbt auf Facebook und Instagram seine Waren.

"Mehr Umsatz als vorher": Cornelia Schermelleh in ihrem Laden.
"Mehr Umsatz als vorher": Cornelia Schermelleh in ihrem Laden. © Daniel von Loeper

Vielen geht das Geld aus

Vier Monate habe er nun schon keinen Verdienst gehabt. "Das muss ich als Händler durch Rücklagen finanzieren." Für die Hohenzollernstraße sieht er auch in der Zukunft keine rosigen Zeiten kommen. Seiner Ansicht nach hat sie sich bereits "von einer Schuh- und Modemeile zur Immobilien- und Handymeile" gewandelt. "Das wird durch Corona nur verstärkt. Die Ladenmieten waren schon immer hoch."

Im Veranstaltungshaus Seidlvilla sieht Geschäftsführerin Johanna Brechtken die Lage verständlicherweise ebenfalls nicht positiv. "Das trifft alle Kulturhäuser. Im Haus ist es jetzt wie in der Ferienzeit, der Hausmeister putzt, und es gibt keine Kultur." Vor dem Lockdown gab es immerhin noch beschränkte Möglichkeiten, Kultur anzubieten: "Im Herbst hatten wir Kurzkonzerte, teilweise gestreamt, da waren im Saal, in dem sonst 100 Personen sitzen, nur 25 - inklusive Vorführende." Für Brechtken ist klar: "Die Kulturszene ist am Boden."

Click & Collect läuft auch in Giesing gut an

Letzter Halt: Giesing. Auch hier zeigt sich: Ein Viertel, das weniger von Gastronomie, sondern von Geschäften des täglichen Bedarfs geprägt ist, zieht immer noch die Kunden an. Viele Passanten sind auf der Tegernseer Landstraße unterwegs, vor manchem Lebensmittelgeschäft bilden sich Warteschlangen. Seit Click & Collect erlaubt ist, ist auch bei Bettina Roetzer in der Giesinger Buchhandlung wieder etwas los. "Toll" sei das. "Die Kunden sind auch total happy, dass wir das machen." Im Internet habe sie viele Kunden gewinnen können. "Es gibt viele Neukunden, die sagen, wir wollen, dass Sie im Viertel bleiben." Überhaupt sind die Giesinger Roetzer zufolge sehr solidarisch. Die Stimmung habe sich allerdings verändert: "Im ersten Lockdown waren alle ganz aufgeregt, keiner wusste, was kommt." Jetzt aber gehe den Leuten das Geld aus. "Die Haut wird dünner. Die Leute sind genervter."

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