Einfach sein: Warum dieser Ort für manche Münchner zum zweiten Zuhause wird
Immer, wenn jemand Neues ankommt, geht er gleich die ganze Runde durch und schüttelt allen die Hand. Den Männern im Jogginganzug. Der älteren Frau im eng anliegenden pinken Kleid. Dem Mann mit dem Gehstock, der immer auf einem roten Roller sitzt. "Wer hat ein Bier?", ist dann oft die Frage und irgendjemand greift in seinen Rucksack und holt ein Augustiner daraus hervor und der Neuankömmling bedankt sich und setzt sich dazu.
Der Giesinger Bahnhof: Wo man zusammenkommt
Es ist eine große Gruppe, die da auf den Steinbänken am Giesinger Bahnhofsplatz sitzt. 20, 30 Leute, in kleinen Grüppchen, in der Hand ein Bier oder eine Zigarette, manchmal steht jemand auf und geht, manchmal kommt jemand Neues dazu, aber sonst ändert sich nicht viel. Im Hintergrund hat jemand eine Musikbox aufgebaut, "Break on through to the other side" klingt es über den Platz, The Doors. In der Wirtschaft gegenüber von den Steinbänken sind fast alle Plätze belegt. Dazwischen schlendern ein paar Leute vorbei, eilig hat es hier niemand.
Als es plötzlich laut knallt, wenden alle den Kopf. Ist etwas passiert? Aber es war nur ein kleiner Junge, der eine Tüte aus dem Biomarkt nebenan aufgepustet und draufgehauen hat.

Wo alle zusammenkommen
Der Giesinger Bahnhof ist der vielleicht vielfältigste Bahnhof Münchens. Die unterschiedlichsten Geschäfte und Menschen stehen hier nebeneinander: Vor dem Biomarkt stehen junge Eltern mit Kindersitzen hinten auf den Fahrrädern, am Busbahnhof warten Schüler der benachbarten Schulen und Fachoberschulen, in der Wirtschaft karteln ältere Giesinger vor einer Halben, ein paar Meter weiter balgen sich die Hunde der Biertrinker auf den Steinbänken.
Über dem Geschäft mit Orthopädie-Bedarf nebenan ist eine Boxschule untergebracht. Der Burger King direkt neben den Gleisen steht hier seit vielen Jahren, der Gemischtwarenladen "Hotspot" bietet dagegen erst seit relativ Kurzem Reisekoffer, Duschgel und Türkei-Trikots zum Verkauf an. Ein Büro der Freien Wähler neben einem Plakat, auf dem die Münchner Friedensbewegung Proteste gegen den Ausbau der Atomkraft ankündigt.
Ein Bier für den Neuen
Yaruz sitzt auf einer der Steinbänke im Schatten und dreht sich eine Zigarette. Er trägt ein Polohemd und eine Sonnenbrille, seine weißen Haare hat er in einer angedeuteten Tolle zur Seite gekämmt. Yaruz lebt schon seit mehr als 40 Jahren in Giesing. Kurz nachdem er mit 22 aus der Türkei nach Deutschland gekommen ist, ist er hergezogen, wegen der Nähe zu MAN in Karlsfeld. Dort hat er in der Fabrik gearbeitet, 40 Jahre lang. Jetzt ist er in Rente.
Yaruz ist ein großzügiger Mann. Wenn jemand durch die Reihen geht und nach Bier fragt, ist es oft er, der noch eines aus seiner Tasche holt. "Eines hab ich noch, hier, nimm!" Geld will er keines annehmen dafür.
Tassio, der neben ihm sitzt, hat auch schon mal in Karlsfeld gearbeitet. 17 Jahre war er damals alt und gerade erst aus seinem Geburtsland Griechenland nach Deutschland gekommen. Damals hat er auf der Baustelle gearbeitet und nachts in einer Pension in Karlsfeld geschlafen, sechs Mann in einem Zimmer. Inzwischen arbeitet er bei einem Konzern, der Stromklemmen herstellt. Ein Knochenjob. Heute hatte er Frühschicht, Schichtbeginn sechs Uhr. Jetzt ist es 15 Uhr, die Sonne scheint, Tassio sitzt neben Yaruz auf einer Steinbank am Giesinger Bahnhofsplatz und neben ihm öffnet ein ehemaliger Kollege ein kühles Augustiner.

Das alte Arbeiterviertel
Der Giesinger Bahnhof ist so etwas wie das Herz von Obergiesing – und Obergiesing ist immer ein Arbeiterviertel gewesen. Bevor das einstmalige Bauerndorf nach München eingemeindet wurde, siedelten sich hier auswärtige Tagelöhner und Handwerker an. Sie waren gekommen, um in München zu arbeiten, die Ansiedlung im Stadtgebiet blieb ihnen jedoch verwehrt.
Als an der Schwelle zum 20. Jahrhundert die große Industrie nach München zog, waren es die Fabrikarbeiter, die zu Tausenden nach Giesing zogen und die Bevölkerungszahlen explodieren ließen. Gemeinnützige Wohnungsgesellschaften begannen, die Gegend rund um den Bahnhof zu bebauen. Hier wohnte das Proletariat und machte Giesing zur kommunistischen Hochburg Münchens.
Noch heute steht das Viertel im Münchner Vergleich sehr weit links: Bei der Bundestagswahl 2025 war das Wahlbüro am Giesinger Bahnhof einer von zwei Bezirken, in denen die Linkspartei die Mehrheit aller Stimmen bekam.
Seine Invalidenrente beträgt 342 Euro
Der ehemalige Kollege von Tassio möchte Nikola genannt werden, auch wenn er eigentlich anders heißt. Nicht, dass seine Kinder ihn erkennen. Nikola (46) kommt ursprünglich aus Serbien, aber das ist lange her, er lebt schon seit vielen Jahrzehnten in Deutschland. Er trägt eine knallblaue Brille mit verspiegelten Gläsern und um ihn vorzustellen, zeigt Tassio erst einmal ein Video auf seinem Smartphone vor: Der Giesinger Bahnhof im strömenden Regen, menschenleer, in der Mitte Nikola, der im Regen Liegestütze macht. "Das war vor zwei Jahren", grinst Tassio. "Ich glaube, er hatte schon ein bisschen was getrunken."
Tassio und Nikola kennen sich schon länger, einst haben sie in der gleichen Firma gearbeitet, aber dann ist Nikola an der Schleifmaschine abgerutscht und mit seinen Fingern an das Schleifpapier gelangt, "die ganze Maschine war rot von seinem Blut", sagt Tassio, und danach war es erst mal vorbei mit dem Arbeiten. "Das passiert öfter in der Fabrik", sagt Nikola.
Er zeigt seine Hand vor, drei seiner Finger sind seltsam verformt, die Ärzte haben ihm Haut von seinem Arm daran verpflanzt, die Hand zu schließen ist unmöglich. Jetzt bekommt er Invalidenrente. Wie viel Geld man bekommt, wenn man bei der Arbeit ein Körperteil verliert, regelt in Deutschland die sogenannte Gliedertaxe. "Wenn du gar keine Finger mehr hast, sind das 30 Prozent", sagt Nikola, "und wenn du keinen Fuß mehr hast, 40 Prozent". Seine Invalidenrente beträgt 342 Euro im Monat. Er arbeitet jetzt in einem anderen Betrieb, bei einem Heizungsbauer, wieder in der Produktion. Heute hatte er Frühschicht.
Von der Ruine zum Treffpunkt
Gegenüber von den Steinbänken am Giesinger Bahnhofsvorplatz steht das ehemalige Bahnhofsgebäude, das heute ein Kulturzentrum beherbergt. Abends finden hier oft Konzerte und Theaterveranstaltungen statt, richten Nachbarn Ausstellungen aus, treffen sich Hobby-Ukulele-Spieler, um gemeinsam zu musizieren, hält der Bezirksausschuss seine Sitzungen ab und mieten sich manchmal junge Partykollektive für ihre Feiern ein.
Hier ist auch die Gleiswirtschaft beherbergt, ein Lokal, dessen Wintergarten sich fast bis auf den Bahnsteig erstreckt, Anlaufpunkt für Zugliebhaber, Giesinger Grantler und Nachbarschaft gleichermaßen. Der Außenbereich der Wirtschaft auf dem Bahnhofsvorplatz ist voll mit Leuten, so wie fast immer, wenn die Sonne scheint.
Spiro, der Wirt der Gleiswirtschaft, hat eine ruhige Art und ein freundliches Lächeln. Er ist eigentlich immer hier, von morgens bis abends steht er an der Bar seiner Wirtschaft, zapft Bier und grüßt seine Stammgäste – von denen gibt es hier einige.

Ein großes Schwarz-Weiß-Foto an der Wand erinnert daran, dass die Wirtschaft früher ein Bahnhofsgebäude war, es zeigt das Gebäude um die Jahrhundertwende, davor ein paar Männer in Uniform, vermutlich Angestellte der Bahn. "Hier war dreißig Jahre lang Ruine", sagt Spiro. "Die Bahn hat das Gebäude in den 70ern stillgelegt und danach ist es verfallen. 2004 hat die Stadt es dann gekauft und hier ein Kulturzentrum hingebaut."
Spiro kommt ursprünglich aus Frankfurt, bevor er vor etwa 15 Jahren die Gleiswirtschaft übernommen hat, war er Barchef im Kytaro in der Reitschule in der Münchner Innenstadt. Heute kennt er jeden hier, auch die Leute auf den Steinbänken gegenüber, die dauernd in seiner Wirtschaft aufs Klo gehen, obwohl das doch eigentlich nur für Gäste ist und über die er sich dann ärgert und sie dann doch nicht aufhält, weil wir ja alle Menschen sind.
"Ich bin fast jeden Tag hier"
Der Kulturverein nebenan wird von einem privaten Verein betrieben, den Freunden Giesings, und wenn sich mal wieder das Ukulelekollektiv im Raum nebenan trifft und zu Dutzenden auf der Ukulele populäre Lieder trällert, dann kann man die Musik gedämpft im Eingangsbereich der Gleiswirtschaft hören. Gegenüber der Gleiswirtschaft auf den Steinbänken hat sich eine Frau Mitte 20 dazugesetzt, die hier Sofia heißen soll. Sie ist aufgeregt, am Freitag findet die Abschlussprüfung ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau statt, das erzählt sie allen Umstehenden und die kündigen an, ihr die Daumen zu drücken.
"Ich bin fast jeden Tag hier", sagt sie. "Ich habe eine kleine Tochter und einen vollen Tag. Und hier ist der einzige Ort, an dem ich einfach nur Sofia sein kann. Nicht Mama, nicht Schatz, nicht Frau Soundso, können Sie mal bitte … Einfach nur Sofia." Sie fährt deshalb immer nach der Arbeit aus Neuperlach hierher, ein Abstecher nach Giesing, um ein paar Stunden einfach nur sein zu können. Der Giesinger Bahnhof ist dafür der richtige Ort.
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