Dunkles Atelier: München hat Bildhauer Toni Preis den Strom abgezwickt

Seit Oktober hat der Münchner Bildhauer (75) keine Leitung mehr in seinem Atelier - weil das städtische Areal am Lerchenauer See Grünfläche werden soll. Die ÖDP-Fraktion will helfen.
| Irene Kleber
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An der Hauswand kamen mal die Stromkabel heraus: abgeknipst.
Sigi Müller / Augenblick-foto 5 An der Hauswand kamen mal die Stromkabel heraus: abgeknipst.
Bildhauer Toni Preis (75) in seinem Werkstatt-Atelier - umringt von vielen Büsten, die er aus Marmor gehauen oder in Gips oder Bronze gegossen hat.
Sigi Müller / Augenblick-foto 5 Bildhauer Toni Preis (75) in seinem Werkstatt-Atelier - umringt von vielen Büsten, die er aus Marmor gehauen oder in Gips oder Bronze gegossen hat.
Von außen unscheinbar, aber drinnen ein Werkstatt-Kleinod: Diese Baracke nutzt Bildhauer Toni Preis seit über 30 Jahren als Atelier.
Sigi Müller / Augenblick-foto 5 Von außen unscheinbar, aber drinnen ein Werkstatt-Kleinod: Diese Baracke nutzt Bildhauer Toni Preis seit über 30 Jahren als Atelier.
Der Blick aus dem Atelier: Die Freifläche will die Stadt zu einer Grünfläche umgestalten - der Lerchenauer See liegt nur 200 Meter weg.
Sigi Müller / Augenblick-foto 5 Der Blick aus dem Atelier: Die Freifläche will die Stadt zu einer Grünfläche umgestalten - der Lerchenauer See liegt nur 200 Meter weg.
Bis zu diesem Verteiler an der Straße sind es an die 30 Meter.
Sigi Müller / Augenblick-foto 5 Bis zu diesem Verteiler an der Straße sind es an die 30 Meter.

München - Dass es sowas noch gibt in München: eine fast leere Kiesfläche, an die 100 Schritte lang, fast ebenso breit, nur ein paar Gehminuten südlich des Lerchenauer Sees an der Lassallestraße 54.

Seit 30 jahren modelliert er in der alten Baracke

Vorn an der Straße hat hinter einer Schranke ein Autohändler, dem zwei Flurstücke des Grundstücks gehören, Container und Schrottautos stehen. Am linken Grundstücksrand vermietet er eine lange Reihe Wohncontainer. Daneben liegt eine weite, brache Fläche. Und ganz hinten rechts im Eck, da steht ziemlich versteckt etwas, was man ein Münchner Kleinod nennen kann. Es ist das Künstler-Atelier des Münchner Bildhauers Toni Preis (75), der die Ruhmeshalle hinter der Bavaria an der Theresienwiese mit Marmorbüsten bestückt und für die Stadt etliche Gedenktafeln gefertigt hat. Über 30 Jahre schon hämmert und gießt und modelliert er hier in dieser alten Baracke, die der Stadt gehört.

Ohne Starkstrom kann er nicht arbeiten

Seit Oktober aber hat Toni Preis ein ernstes Problem: Die Stadt hat ihm das Stromkabel abgezwickt. Nicht nur, dass der Künstler-Senior nun kein Licht mehr anmachen kann in seiner Atelierwerkstatt, in der eine beachtliche Sammlung an schweren Marmorbüsten aufgereiht ist (von Franz Josef Strauß bis Papst Benedikt). Er kann auch seine schweren elektrischen Hammer und Meißel nicht mehr benutzen, das Pressluftaggregat braucht Starkstrom. "Ohne das kann ich nicht arbeiten", sagt er, das schwere Gerät brauche man für die grobe Arbeit am Stein.

Gebäude sind hier nicht mehr vorgesehen

Wie das passieren konnte? Es ist kompliziert. Die Stromzufuhr kam all die Jahre über das alte Häusl, das bis zum Herbst noch neben dem Atelier stand. Es gehörte der Stadt, gepachtet hatte es aber der Autohändler - und den hatte die Stadt nach dem Ende seines Pachtvertrags verpflichtet, das Häusl abzureißen, genau wie eine große Baracke, die in der Mitte des Grundstücks stand. Denn langfristig soll der städtische Teil des Grundstücks laut Bebauungsplan in eine Grünfläche umgewandelt werden, die zum Grün rund um den Lerchenauer See passt. Gebäude sind da nicht mehr vorgesehen.

Der Stromverteiler steht 30 Meter weg, einsam an der Straße

Nun ist der nächste mögliche Stromverteiler der Stadtwerke München an die 30 Meter entfernt, einsam vorne an der Straße. Kann man da nicht einfach wieder ein Kabel zum Atelier herüber ziehen? Ein entsprechend langes Starkstromkabel hätte Toni Preis ja sogar schon im Atelier herumliegen. Nein, kann man nicht. Jedenfalls will man nicht bei der Stadt. Aus "planungsrechtlichen Gründen" sei "jede weitere Verfestigung der aktuellen baulichen Situation, z.B. durch die Verlegung von Stromleitungen, zu vermeiden", heißt es auf AZ-Anfrage vom zuständigen Kommunalreferat.

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Das Atelier wird lediglich geduldet

Überhaupt sei die Baracke "vom Baurecht nicht gedeckt" und daher von der Lokalbaukommission nur geduldet. Das Kommunalreferat hat Toni Preis zwischenzeitlich den Umzug in drei mögliche andere städtische Ateliers angeboten, eins in der Hohenzollernstraße und zwei an der Dachauer Straße. Er möchte aber mit seinen 75 Jahren die tonnenschweren Steinblöcke, Büsten und Werkzeuge nicht mehr umziehen - zumal er mit seiner Frau Erika quasi um die Ecke wohnt. Auch den Vorschlag, sich ein Notstromaggregat zu kaufen und sich damit selbst mit Strom zu versorgen, findet Preis unsinnig, "sowas macht permanent einen Höllenlärm und ist obendrein teuer."

In Rente will der Künstler niemals gehen

Und was ist mit der Möglichkeit, mit 75 die künstlerische Arbeit aufzugeben und einfach in Rente zu gehen? "Aufhören?", sagt Toni Preis, "so ein Schmarrn, solange man denken kann als Kunstschaffender, hört man doch nicht auf. Ich höre auf, wenn ich tot umfalle." Der Bildhauer hofft nun auf Unterstützung aus dem Rathaus - denn München-Liste-Stadtrat Dirk Höpner (der zur Fraktion von ÖDP/Freie Wähler gehört) hat sich seines Themas angenommen. In einem Stadtratsantrag fordert er, dass das Atelier endlich wieder Strom bekommt. Notfalls wolle auch der örtliche Bezirksausschuss die Kosten fürs Kabelverlegen übernehmen. "Hauptsache", sagt Höpner, "es geht was voran".

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