"Diese rassistische Tat betrifft unser ganzes Land": Steinmeier mahnt am OEZ-Denkmal
Es war ein warmer Sommertag. Genau wie vor zehn Jahren, als wie aus dem Nichts das Grauen über München hereinbrach. In Moosach im McDonald’s sowie vor und im Einkaufszentrum OEZ erschoss ein 18-jähriger Deutsch-Iraner am 22. Juli 2016 acht junge Münchner mit Migrationshintergrund und eine 45-jährige Mutter. In der ganzen Stadt brach Panik aus.

Zehn Jahre später reiste am Mittwoch auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) an, um am Denkmal in Tatortnähe mit den Familien, Überlebenden und Helfern der Menschen zu gedenken, die aus rechtsextremen Motiven ermordet wurden.
Schon den ganzen Tag wehten die Fahnen an den staatlichen und städtischen Dienstgebäuden auf halbmast. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) hatten Trauerbeflaggung angeordnet.

Am frühen Nachmittag versammelten sich die ersten Teilnehmer der Gedenkveranstaltung am weiträumig abgesperrten und gesicherten Veranstaltungsort – in unmittelbarer Nähe des damaligen Tatortes.
Großformatige Fotos auf Aufstellern erinnerten an die Mordopfer. Aus den Lautsprechern ertönten ihre Lieblingslieder. Am Denkmal für die Opfer des Attentats waren zahlreiche Kränze aufgereiht.
Um 17.51 Uhr, dem Zeitpunkt, als der Mörder 2016 seinen Mordfeldzug begann, blieb die Welt am OEZ und an vielen anderen Orten in München erneut für einen Moment stehen: Die Menschen hielten inne und schwiegen. Auch etwa 750 MVG-Fahrer, die in der ganzen Stadt in Bussen, Tram- und U-Bahnen unterwegs waren, stoppten ihre Fahrzeuge, um an der Gedenkminute teilzunehmen. In den Zügen und Bussen erinnerten sich die Münchner, wie sie diesen 22. Juli vor zehn Jahren erlebt haben.
Diese rassistische Tat betrifft unser ganzes Land
Den Tag, an dem neun Menschen am OEZ kaltblütig erschossen wurden: Armela Segashi (†14), Can Leyla (†14), Dijamant Zabërgja (†20), Guiliano Kollmann (†19), Hüseyin Dayicik (†17), Roberto Rafael (†15), Sabine Sulaj (†14), Selçuk Kiliç (†15) und Sevda Dag († 45).
"Diese rassistische Tat betrifft unser ganzes Land", sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Der Täter habe keines seiner Opfer gekannt, er habe jedoch ganz gezielt bestimmte Menschen töten wollen. "Sein Hass, seine Vernichtungsabsicht richtete sich nicht zufällig gegen Menschen, die er als minderwertig ansah, denen er das Recht zu leben absprach."

Daran ändere auch die Tatsache nichts, dass der Täter selbst einen Migrationshintergrund hatte. Steinmeier mahnte: "Die Ideologie kennen wir. In der Geschichte haben Deutsche mit dieser Ideologie millionenfach gemordet." Niemals dürften wir uns damit abfinden, "dass solches Denken in unserem Land wieder Raum gewinnt".
Steinmeier sagte: "Wir müssen jede Spur von volksverhetzendem rassistischen Sprechen, Handeln und Posten politisch bekämpfen, aber auch verfolgen und sanktionieren. Wir brauchen hier größere Aufmerksamkeit, mehr Konsequenz." Und er sagte: "Begreifen wir es endlich: Zuwanderungsgeschichte haben nicht nur einzelne Menschen – unser ganzes Land hat sie. Deutschland ist ein Land mit Migrationshintergrund. Das macht uns aus."

Auch Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) mahnte mit deutlichen Worten: "Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus ziehen eine Blutspur über die Kontinente – auch durch unser Land." Der OEZ-Anschlag stehe in einer Reihe mit Oslo und Utøya und Christchurch, mit dem Oktoberfestattentat, den NSU-Morden, mit Halle und Hanau "und wohl auch mit Schongau". Deswegen, "ist es wichtig, dass wir jeden Tag aufstehen gegen Rassismus, Rechtsextremismus und gegen Menschenverachtung aller Art".
Vom Bayerischen Landeskriminalamt war das Attentat am OEZ zunächst als Amoklauf gewertet worden. Obwohl von Anfang an vieles auf einen rechtsextrem-rassistischen Hintergrund hingewiesen hatte: Auf den Tag genau fünf Jahre zuvor hatte der Rassist Anders Behring Breivik in Norwegen 77 Menschen ermordet. Der Täter vom OEZ wählte bewusst dieses Datum für sein Attentat aus. Auch war er stolz darauf, wie Adolf Hitler am 20. April geboren zu sein, und er hinterließ ein rassistisches Pamphlet.
Erst nachdem drei Wissenschaftler, die von der Fachstelle für Demokratie der Stadt München beauftragt worden waren, alle der Mobbing-als-Motiv-Einschätzung des LKA widersprachen, schwenkte die Polizeibehörde um – und stufte die Morde 2019 als politisch motivierte, rechtsextreme Tat ein.
Für die Hinterbliebenen ist der Schmerz auch nach zehn Jahren kaum zu ertragen. Sie äußerten auch viel Kritik vor der versammelten Politprominenz. Gisela Kollmann, die Großmutter des ermordeten Guiliano (†19), warf der Polizei in ihrer Rede Versäumnisse vor. "Ich warte bis heute noch auf eine Entschuldigung." Sie forderte, "dass die Tat vollständig aufgeklärt wird." Zu Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte sie: "Ich weiß nicht, ob ich Ihnen noch vertrauen kann."

Ausdrücklich dankte sie Hüseyin Bayri, der ihrem Enkel zu Hilfe gekommen war (siehe unten): "Für mich ist es tröstlich," sagte sie an ihren Guiliano gewandt, "dass du nicht alleine sterben musstest."
Der Mutter von Selçuk Kiliç (†15) zitterte die Stimme, als sie zu den vielen Zuhörern sprach: "Wir stehen an einem Ort, an dem unsere Familie aus dem Leben geschossen wurde. Der Ort, an dem unser Selçuk verblutet ist." Wie es denn sein könne, fragte sie, dass es den McDonald’s immer noch gebe – den Schnellimbiss, in dem so viele Menschen ermordet wurden.

"Der 22. Juli 2016 hat unsere Stadt ins Mark getroffen", sagte Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) in seiner Rede. "Dieses Gefühl von Leichtigkeit, davon, an einem der schönsten und sichersten Orte der Welt zu leben, schlug an diesem lauen Abend bei vielen in unserer Stadt um in Panik." Das Gedenken müsse auch Mahnung sein, nicht wegzusehen und wegzuhören bei rassistischen, antisemitischen und rechtsextremen Parolen, "die in diesen Tagen immer lauter und selbstbewusster werden". Dass aus solchen Worten Taten werden können, "hat uns das OEZ-Attentat in grauenvoller Weise vor Augen geführt", mahnte er.
Einer der schwersten rechtsextremen Anschläge in der Geschichte der Bundesrepublik
Der OB dankte den Angehörigen und Unterstützern: "Sie haben immer wieder daran erinnert, dass das Attentat am OEZ als das benannt werden muss, was es war: einer der schwersten rechtsextremen Anschläge in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland."
Er erinnerte in dem Zusammenhang auch an den Brandanschlag auf das jüdische Altenheim in der Reichenbachstraße (1970), das Oktoberfestattentat (1980), an den Brandanschlag auf die Bar Liverpool (1984) und die beiden Münchner Mordopfer des NSU, Theodoros Boulgarides und Habil Kiliç.

