Die Mumie von Haidhausen: „Jeden Tag an ihn gedacht“

13 Jahre nach seinem Tod findet eine Frau Hans Z. in einem Keller in Haidhausen. Er hatte sich erhängt. Die Witwe des lange Vermissten spricht mit der AZ. Sie glaubte bis jetzt, er sei auf der Wiesn verschollen.
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In diesem Keller geschah der Selbstmord vor 13 Jahren
Nina Job In diesem Keller geschah der Selbstmord vor 13 Jahren

HAIDHAUSEN - 13 Jahre nach seinem Tod findet eine Frau Hans Z. in einem Keller in Haidhausen. Er hatte sich erhängt. Die Witwe des lange Vermissten spricht mit der AZ. Sie glaubte bis jetzt, er sei auf der Wiesn verschollen.

Mit zittrigen Händen fährt sich die alte Dame durch ihr silbergraues Haar. An ihrer rechten Hand trägt sie noch den goldenen Ring, den ihr Mann ihr geschenkt hat, nachdem der Ehering zu eng geworden war. Martha Z.(Name geändert) ringt um Fassung. Erst vor wenigen Stunden hat die 80-jährige Seniorin aus Haidhausen erfahren, dass man ihn gefunden hat. Doch noch. Nach 13 Jahren. So lange war ihr Hans (Name geändert) verschwunden – wie vom Erdboden verschluckt. Martha Z. vermutete, dass ihr Mann Opfer eines Verbrechens wurde. Böse Zungen lästerten, er sei mit einer Frau durchgebrannt. Aber Hans Z. hatte sich erhängt. Fast 13 Jahre blieb seine Leiche unentdeckt im Keller.

Martha Z. erinnert sich genau an den Tag seines Verschwindens. Es war am 6. Oktober 1996, dem letzten Wiesnsonntag. Am Vortag hatte sie das ganze Treppenhaus geputzt. Sie war damals 67, so alt wie ihr Mann. Hans Z. war Hausmeister in dem 16-Parteien-Haus unweit des Rosenheimer Platzes. „Aber er hatte gesundheitliche Probleme. Er konnte schlecht gehen, hatte Probleme mit den Bandscheiben und der Prostata“, erzählt die Witwe. Deswegen hatte sie geputzt. „Das war anstrengend. Deshalb habe ich länger geschlafen. Er hat gesagt, dass er auf die Wiesn will in die Ochsenbraterei, seine ehemaligen Arbeitskollegen trafen sich.“ Sie wollte nicht mit.

Als Martha Z. aufstand, war ihr Mann weg. „Er hatte den Tisch gedeckt. Der Kaffee in der Thermoskanne war warm.“ Sein letzter Gruß. Sonst gab es nichts, kein Brief, keine Abschiedszeilen.

Nach und nach wurde das Kellergrab verstellt

Hans Z., ein stattlicher Mann mit graumelierten Haaren, ging hinunter in das verwinkelte Kellergebäude des 1890 gebauten Hauses. Als Hausmeister hatte er einen Generalschlüssel. Im hintersten Eck, in einer Dusche hinter einer stillgelegten Backstube, erhängte er sich.

Kurz nachdem Martha Z. ihren Mann vermisst gemeldet hatte, suchten Polizisten mit einem Hund den Speicher und den Keller ab. Doch der Raum mit dem Toten blieb ihnen verborgen – und auch den Mietern. Allen. 13 Jahre lang. Im Lauf der Zeit stapelten sich alte Fenster und Türen vor dem Zugang. „Es ist unfassbar, dass man nie etwas gerochen hat“, sagt eine Mieterin.

Die Polizei ist sicher: Es war Selbstmord

Martha Z. grübelte und grübelte. „Ich habe jeden Tag an ihn gedacht.“ Sie ging nie wieder aufs Oktoberfest. „Die Wiesn wurde mir ein Gräuel. Ich dachte, dass er auf dem Heimweg mit K.o.-Tropfen betäubt und über die Grenze verschleppt wurde.“ 13 Jahre lang blieb die Ungewissheit. „Ich habe immer gehofft, dass er wiederkommt. Ohne meine Kinder hätte ich das nicht überstanden.“

Erst am Samstag wurde der mumifizierte Leichnam entdeckt. Die Tochter der neuen Hausbesitzerin wollte im Keller Ordnung schaffen. Polizeisprecher Andreas Ruch: „Es steht einwandfrei fest, dass es sich um einen Suizid handelt.“ Martha Z. vermutet, dass ihr Mann nicht mehr leben wollte, weil er sehr krank war.

Seit gestern hat sie die Gewissheit, dass ihr Hans nie mehr zurückkehren wird. Sie kann ihn beerdigen. Unerträglich bleibt der Gedanke, dass er fast 13 Jahre lang wenige Stockwerke unter ihr lag - tot. „Vor 41 Jahren hat er die Wohnung hier selbst hergerichtet. Damals sah’s hier aus wie in einem Stall. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit für mich, hier wegzuziehen.“

Nina Job

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