Die ersten Zivis in München: "Wir waren halt die Langhaarigen"

Vor 60 Jahren kamen die ersten Zivis in die Pflege. Das war nicht immer gern gesehen und oft verpönt. In der AZ erzählen Münchner, die damals "Ersatzdienst" geleistet haben. Bei der Awo wünscht man sich einen sozialen Dienst für alle.
| Martina Scheffler
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Manfred Busler-Meier vor einer Zweigstelle der Awo im Haidpark. In der 70er Jahren war er einer der ersten, die Zivil- statt Wehrdienst gemacht haben. Viele von den damaligen Münchner Zivis haben das bei der Arbeiterwohlfahrt getan.
Manfred Busler-Meier vor einer Zweigstelle der Awo im Haidpark. In der 70er Jahren war er einer der ersten, die Zivil- statt Wehrdienst gemacht haben. Viele von den damaligen Münchner Zivis haben das bei der Arbeiterwohlfahrt getan. © Daniel von Loeper

München - Sie galten als Drückeberger, als Weicheier und später als eine Art Gammler, die das Vaterland im Stich ließen: Die Zivildienstleistenden der frühen Jahre der Bundesrepublik. Im April 1961 traten die ersten von ihnen in den sozialen Einrichtungen des Landes an - in München empfing damals die Awo die Pioniere.

Eine völlig andere Zeit, zwischen Eichmann-Prozess in Israel und Mauerbau wenige Monate später. Der Bundesinnenminister Robert Lehr (CDU) hatte schon 1949 gedroht, er werde "dafür sorgen, dass den Verweigerern die Lust zu diesem Dienst außerhalb der Streitkräfte versalzen" werde. Die ersten 340 anerkannten Kriegsdienstverweigerer der Jahrgänge 1937/38 begannen am 10. April vor 60 Jahren an verschiedenen Orten ihren Dienst, der damals zwölf Monate dauerte.

Bis Ende der 1960er blieb Zivildienst Randphänomen

Die Zahlen zeigen: Bis Ende der 1960er Jahre funktionierte die Abschreckung offenbar, denn der Zivildienst, der zunächst noch Ersatzdienst hieß, blieb erst einmal ein Randphänomen. Das änderte sich mit dem allgemeinen gesellschaftlichen Wandel. Seit 1968 stieg die Zahl der "Verweigerer" rasant an. Waren es im Schnitt der vorangegangenen zehn Jahre um die 3.900 pro Jahr gewesen, entschieden sich 1968 mehr als 11.000 und 1970 bereits gut 19.000 junge Männer gegen den Dienst an der Waffe.

"Gewissensinquisition" vor dem Ersatzdienst im Unfallkrankenhaus in Murnau

Das war auch die Zeit von Manfred Busler-Meier, der 1970/71 seinen Ersatzdienst im Unfallkrankenhaus in Murnau ableistete. Zuvor musste er sich aber der gefürchteten sogenannten "Gewissensinquisition" stellen, um nachzuweisen, dass ihm ein Dienst an der Waffe wirklich unmöglich sei. Es sei schwierig gewesen, vor dem zuständigen Ausschuss alles offenzulegen, erinnert sich Busler-Meier. "Wenn im Busch jemand kommt und Ihre Freundin vergewaltigen will…?" Mit solchen Fragen sei er malträtiert worden. "Die wollten die Leute dazu bringen, dass sie sagen, den bringe ich um. Da musste man sich sehr überlegen, was man sagt. Das war schon entwürdigend."

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"Mein Vater war zunächst mal ziemlich sauer"

In der Familie stieß Busler-Meiers Entschluss nicht auf ungeteilte Zustimmung. "Mein Vater war zunächst mal ziemlich sauer", gibt Busler-Meier zu. "Für meine Mutter war das nicht so wild."

Auch im Freundeskreis habe es, unter den 68ern, Zustimmung gegeben, als er nach einem Versuch bei der Bundeswehr dann doch verweigerte. Für ihn selbst war die Arbeit in Murnau anfangs nicht so einfach: "Das war zunächst ein Schock, Querschnittsgelähmte zu sehen." Mehrmals täglich musste er die Verletzten drehen, erinnert er sich. Die Arbeit habe ihn sehr beeindruckt. Später arbeitete er mit psychisch Kranken. Wie reagierten die anderen Mitarbeiter im Krankenhaus? "Wir waren halt die Langhaarigen", sagt Busler-Meier und schmunzelt vielsagend.

Noch heute Treffen mit Mit-Zivis

Seine Entscheidung für den Zivildienst hat er nie bereut. "Ich hatte Spaß, mit den Leuten zu arbeiten." Bis heute ist er dem Pflegebereich in gewisser Weise treu geblieben. Er wurde zwar Starkstromelektriker und später Techniker in der Hausverwaltung, setzte sich aber auch mit behindertenfreundlichem Bauen auseinander. Noch heute, nach einem halben Jahrhundert, trifft er sich mit Mit-Zivis und steht in Kontakt mit einer damals 14-Jährigen, die nach einem Unfall wegen ihrer Lähmung nur eine geringe Lebenserwartung hatte.

Zivi in der Pflege: "Es war eine wichtige Zeit meines Lebens"

Auch die Laufbahn von Hans Kopp begann mit dem Zivildienst. Der heutige Geschäftsführer der Awo München erinnert sich auch an die Frage nach der drohenden Vergewaltigung der Freundin in der Gewissensprüfung. Bei ihm war es 1982/83, dass er den Ersatzdienst ableistete - bereits eine andere Generation in einer veränderten Welt. Fast 60.000 Anträge auf Verweigerung wurden 1982 gestellt. Dennoch blieb manches gleich: "Es war eine Haltung der Zivilcourage", sagt Kopp im Rückblick. "Man musste fast als pazifistisches Lamm durch die Befragung gehen. Das war für viele leidvoll" - und für ihn, der damals auf dem Land lebte, nicht einfach. Trotzdem: "Es war eine wichtige Zeit meines Lebens." So kam Kopp in die Pflege, arbeitete dort auch während des Studiums weiter.

Inzwischen ist es auch schon wieder zehn Jahre her, dass die Wehrpflicht ausgesetzt wurde - damit fiel 2011 auch der verpflichtende Ersatzdienst weg, an dessen Stelle der Bundesfreiwilligendienst trat. Das sorgte wohl nicht nur bei Kopp für großes Bedauern. Karrieren wie seine oder die von zwei Einrichtungsleitern, die ebenfalls über den Zivildienst und die Altenpflege zur Awo fanden, seien heute so nicht mehr möglich. "Das hatte eine gewisse Breitenwirkung, da wurde soziale Motivation und Elan reingebracht." Neue Impulse seien so "von draußen" in die Einrichtungen gebracht worden. "Das half gegen Betriebsblindheit."

In der Pflege herrscht heute Personalknappheit

Die Zahl der Mitglieder ist beim Kreisverband München Stadt ebenfalls gesunken - heute gibt es noch gut 2.200, bei gut 2.700 Mitarbeitenden, deren Zahl stieg, wie die der Einrichtungen. Wie sieht es heute aus, ohne Zivis, aber mit Freiwilligen - und mit Corona? Heute kämpfe man mit Personalknappheit, aber auch die Zeit vor dem Mauerfall sei bereits eine schwierige gewesen.

"Da waren wir fast schon elementar auf Zivis angewiesen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten." Später hätten dann viele Kräfte aus den neuen Bundesländern oder dem ehemaligen Jugoslawien für eine bessere Lage gesorgt. Als Ausfahrer für "Essen auf Rädern" zu arbeiten, ein seit Ende der 70er Jahre aufgebautes Angebot, sei sehr beliebt gewesen.

Kopp wünscht sich einen sozialen Dienst für Männer und Frauen

Dennoch: Die Zeiten, als die Awo auf elf Zivis zurückgreifen konnte, als es einen extra "Musik-Zivi" und einen "Sport-Zivi" gab, sind endgültig vorüber. Dafür hat auch die Emanzipation, dieses Mal die der Männer, Erfolg gehabt: Bei den Freiwilligen habe man "einen guten Männeranteil", sagt Kopp, etwa die Hälfte machten die Herren aus, meist in der Überbrückungsphase zwischen Schule, Ausbildung und Studium.

Trotzdem wünscht sich Kopp schon lange einen sozialen Dienst für Männer und Frauen - viele bräuchten diese Zeit als Orientierungsphase. Mehr Freiwillige melden sich aber in der Pandemiephase nicht, zumindest nicht in der Pflege, wie Kopp feststellt. In anderen Bereichen wie der Wohnungslosenhilfe sei die Nachfrage dagegen gestiegen. Insgesamt gebe es in der Pandemie bei Jugendlichen ein Bedürfnis nach einer sinnvollen Tätigkeit.

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