"Die Einschnitte könnten schlimmer werden": Diese Kürzungen drohen im ÖPNV

Die MVG muss sparen – das spüren jetzt auch schon die Fahrgäste. Einige Busse kommen bloß noch alle 20 Minuten. Die AZ hat sich bei den Kunden umgehört und im Rathaus nachgehakt: Bleibt es bei dem Sparprogramm oder werden bald auch die Taktungen bei U-Bahn und Tram noch viel schlechter? 
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Auch zu den Stoßzeiten am Morgen wird der 173er Bus bloß noch alle 20 Minuten kommen. Das ist nicht die einzige Linie, bei der Münchner bald länger warten müssen.
Auch zu den Stoßzeiten am Morgen wird der 173er Bus bloß noch alle 20 Minuten kommen. Das ist nicht die einzige Linie, bei der Münchner bald länger warten müssen. © Christina Hertel

Ungefähr fünf Minuten, bevor der 150er-Bus beim Herzogpark am Isarring hält, steht Abdullah an der Haltestelle. Das mache er immer so, sagt er. Denn so ganz genau weiß man schließlich nie, wann der Bus wirklich kommt. Und wenn er einem vor der Nase wegfährt, dauert es zehn Minuten. Ab dem 13. Dezember, wenn der Fahrplan wechselt, muss Abdullah noch länger warten.

Dann soll der 150er, der zwischen Arabellapark und Bremer Straße in Milbertshofen fährt, außer zu den Stoßzeiten bloß noch alle 20 statt alle zehn Minuten fahren. "Das ist schrecklich", sagt Abdullah. Er arbeite bei einem ambulanten Pflegedienst. Zu all seinen Patienten fahre er mit dem Bus. Einen Führerschein habe er nicht. "Der ist so teuer", sagt der 24-Jährige. "Ich hätte mir gewünscht, dass die Busse häufiger fahren. München wächst doch auch."

Abdullah fährt regelmäßig mit der Linie 150. Er arbeitet als Pfleger und ist auf den Bus angewiesen.
Abdullah fährt regelmäßig mit der Linie 150. Er arbeitet als Pfleger und ist auf den Bus angewiesen. © CHRISTINA HERTEL

Tatsächlich ist der Bus 150 nicht der Einzige, bei dem die Stadt kürzt. 14 Millionen Euro muss die MVG im Fahrplanjahr 2027 einsparen.

Das liegt laut MVG nicht daran, dass die Stadt ihre Zuschüsse gekürzt hat, sondern daran, dass die Kosten für Personal und Energie gestiegen und die Einnahmen auch wegen des Deutschlandtickets gesunken seien. Um welche Beträge es genau geht, will die MVG nicht verraten, es handle sich dabei um vertrauliche Daten. Nur so viel: "Die Preissteigerungen übersteigen die Einnahmen deutlich."

"In der aktuellen städtischen Haushaltslage können wir diese zusätzlichen Belastungen nicht auffangen", teilt die grüne Bürgermeisterin Mona Fuchs der AZ mit. Die Stadt hat ihren Zuschuss auf 130 Millionen Euro gedeckelt - was laut MVG der Betrag ist, den die Stadtwerke an Gewinn an die Stadt ausschütten. Zusätzlich finanziere die Stadt Tram-Neubaustrecken und einzelne weitere Projekte. Trotzdem wäre am Ende ein Minus von 14 Millionen Euro entstanden, würde die MVG nicht bei ihrem Angebot kürzen.

Diesem neuen sogenannten Anpassungsprogramm hat der Stadtrat im Sommer zugestimmt. In der Innenstadt hat die MVG das Busnetz neu aufgestellt. Die MVG rechnet damit, dass es sogar attraktiver wird und täglich fast 1000 Menschen mehr mit dem Bus fahren. In den äußeren Stadtbezirken jedoch müssen die Menschen an vielen Stellen länger auf den Bus oder die Tram warten.

"Hauptsache, die Preise werden nicht teurer"

Nicht nur auf der Linie 150 zwischen Arabellapark und Milbertshofen. Sondern zum Beispiel auch in Feldmoching. Der Bus 173 zwischen Feldmoching Bahnhof und Petuelring soll künftig auch zur Hauptverkehrszeit nur noch alle 20 Minuten kommen. Einer Rentnerin, die die AZ in dem Bus trifft, ist das egal. "Hauptsache, die Preise werden nicht noch teurer", meint sie.

Viele andere, die die AZ in dem 173er-Bus anspricht, sind jedoch empört. "Feldmoching wird abgehängt", schimpft eine ältere Dame. Ein Mann erinnert daran, dass mit dieser Linie viele Fabrikarbeiter zu BMW fahren. "Für die ist das ganz schlimm, wenn sie noch später nach Hause kommen."

Und nicht nur Robert meint: "Wenn ich mit dem Bus noch langsamer vorankomme, dann werde ich wohl wieder mehr Auto fahren." "Hauptsache, der Takt bei der U-Bahn wird nicht schlechter", sagt ein anderer.

Robert rechnet damit, dass er mehr Auto fahren wird, wenn der Bus seltener fährt.
Robert rechnet damit, dass er mehr Auto fahren wird, wenn der Bus seltener fährt. © Christina Hertel

"In den nächsten Jahren könnten die Einschnitte schlimmer werden"

Dass genau das als Nächstes drohen könnte, befürchten wichtige Menschen im Rathaus gerade. Jetzt seien die Kürzungen noch einigermaßen zu verkraften. "Aber es ist möglich, dass die Einschnitte in den nächsten Jahren schlimmer werden." Denn auch wenn für die Mango-Koalition der ÖPNV einen hohen Stellenwert habe, zeichne sich nicht ab, wo das Geld dafür herkommen solle.

Hinzu komme: Für jede neue Linie, die die Stadt eröffnet, werde sie irgendwo anders etwas wegnehmen müssen, wenn gleichzeitig der Zuschuss an die MVG nicht steigen soll. Tatsächlich ist der Betrieb neuer Strecken nicht günstig: Alleine der städtische Anteil für den Betrieb der neuen Tram-Linie 14, dem Vorläufer der Tram-Westtangente, beträgt laut MVG einen mittleren einstelligen Millionenbetrag.

"Es wird ungemütlich werden", das prophezeit ein Sprecher des Fahrgastverbandes Pro Bahn schon für diesen Fahrplanwechsel. "Für die Bürger macht es einen großen Unterschied, ob der Bus alle zehn oder alle 20 Minuten kommt." Und darauf müssen sich die Münchner nicht nur im Norden, sondern auch im Osten der Stadt einstellen - etwa beim Bus von Berg am Laim nach Trudering (185) und von Riem Bahnhof zur Messestadt Ost (190).

Die Grundversorgung sei weiterhin gesichert, sagt Bürgermeisterin Fuchs. "Es wird an Stellen angesetzt, an denen Ausdünnungen möglichst wenig spürbar sind." Dafür habe sich die MVG die Fahrgastzahlen und Auslastungen genau angeschaut. Und tatsächlich sitzen in dem 150er-Bus neben Abdullah gerade mal noch drei andere Fahrgäste.

Doch aus Sicht des ÖPNV-Experten von Pro Bahn seien nun die Takt-Verschlechterungen im Busnetz mehr oder weniger ausgereizt. "Wenn die Stadt noch mehr sparen muss, geht das eigentlich nur noch bei U-Bahn und Tram", sagt er. "Das könnte ein Ende des Fünf-Minuten-Taktes bedeuten. Es sei denn, die Stadt steigert ihre Einnahmen, zum Beispiel durch eine Anti-Stau-Gebühr."

600 Millionen könnte die Stadt durch eine City-Maut einnehmen

2020 hatte das ifo-Institut ausgerechnet, dass eine solche City-Maut 600 Millionen Euro in die Stadtkasse spülen würde. Das würde locker reichen, um das Defizit der MVG zu decken. Allerdings müssten dafür erst Gesetze geändert werden. Damit ist eher nicht zu rechnen: Eine Übernachtungssteuer für Touristen, die das Rathaus gerne erhoben hätte, scheiterte am Veto des Freistaats.

Kommt es also zu weiteren Kürzungen? Ein MVG-Sprecher antwortet darauf: "Weitere Ausdünnungen in allen Verkehrszweigen können nicht ausgeschlossen werden und sind abhängig von den zur Verfügung stehenden Finanzmitteln." Am Ende entscheide der Stadtrat.

Bevor es zu weiteren Kürzungen kommt, will Bürgermeisterin Fuchs erst einmal den Betriebsablauf optimieren. Wenn Busse und Trambahnen besser vorankommen und weniger im Stau stehen, kann auch das aus ihrer Sicht Geld sparen. Nur: Ob das reicht?

"Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, mit diesem Anpassungsprogramm, das eigentlich ein Sparprogramm ist, hat es sich. Die finanzielle Lage der Stadt ist wirklich prekär", sagt Patricia Riekel, die verkehrspolitische Sprecherin der FDP. Ihr sei wichtig, dass die Kürzungen zumutbar bleiben. "Ansonsten werden mehr Menschen aufs Auto umsteigen."

Patricia Riekel sitzt seit ein paar Monaten für die FDP im Münchner Stadtrat. Dort ist sie für Verkehr zuständig.
Patricia Riekel sitzt seit ein paar Monaten für die FDP im Münchner Stadtrat. Dort ist sie für Verkehr zuständig. © IMAGO/Frank Hoermann / SVEN SIMON

Die CSU werde weiteren Taktverschlechterungen nicht zustimmen, kündigt Fraktionschef Manuel Pretzl an. "Wir müssen stattdessen über Ausweitungen sprechen." Und aus seiner Sicht gibt es dafür auch noch Spielraum im Haushalt. Schließlich würden zum Beispiel am Gebsattelberg oder an der Leopoldstraße noch immer für Millionen neue Radwege beschlossen.

"Bevor ich in den Stadtrat gewählt wurde, habe ich das auch gesagt", gibt Patricia Riekel zu. Nun sei ihr klar geworden, dass man begonnene Rad-Projekte auch zu Ende bringen müsse. Doch: "Wir legen Wert auf kostensparende Lösungen. Luxusausführungen wird es in naher Zukunft nicht mehr geben können." Und an der einen oder anderen Stelle würden auch die Radfahrer auf ihren neuen Radweg warten müssen. "Ich halte das für zumutbar, schließlich bitten wir die Gäste von Tram und U-Bahn auch, zu warten."

CSU: "Die Grünen verschonen ihr Klientel in der Innenstadt"

Und zwar vor allem in den Stadtrandbezirken. "Dort, wo die Menschen eh schon schlecht angebunden sind, wird gekürzt, während die Grünen ihr Klientel in der Innenstadt verschonen", schimpft CSU-Chef Pretzl.

Für die Chefin des Bezirksausschusses Feldmoching-Hasenbergl Bettina Obersojer, auch eine CSUlerin, eine treffende Beschreibung. Sie nennt die Takt-Ausdünnung in ihrem Stadtteil eine "Katastrophe". Die Autos, die in ihrem Stadtteil wild in den Wiesen parken, würden ohnehin immer mehr. Doch viele hier seien auf das Auto angewiesen.

Vor allem der neue 20-Minuten-Takt beim 173er-Bus treffe die Menschen hart - weil der auch ein Gymnasium anbinde. Eine gute Nachricht gibt es immerhin: Ihr gegenüber habe die MVG angekündigt, dass der schlechtere Takt nur ein Jahr bleiben solle - zumindest auf dieser Linie.

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