Die Badehosen-Parade

Beim Münchner Christopher Street Day gehen 20000 Paradiesvögel trotz schlechtem Wetter auf die Straße: „Bei Woodstock hat es schließlich auch geregnet!“
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Paradiesvögel unter sich beim Münchner CSD.
Daniel von Loeper Paradiesvögel unter sich beim Münchner CSD.

Beim Münchner Christopher Street Day gehen 20000 Paradiesvögel trotz schlechtem Wetter auf die Straße: „Bei Woodstock hat es schließlich auch geregnet!“

Von Cornelia Schnell

Über der Menschentraube auf dem Marienplatz schwebt ein riesiger Schokokuss. Er gehört zu Franka, einer beeindruckenden Drag Queen mit Ballkleid in Zuckerwatte-Rosa. „Alles selbst gemacht“, sagt sie. Die Riesen-Süßigkeiten auf ihrem Rücken sind aus Styropor, „aber trotzdem ganz schön schwer.“

Heute ist Christopher Street Day in München, und Menschen wie Franka sind heute auf den Straßen ganz normal. Zum 29. Mal zieht die bunte Parade heuer durch die Innenstadt, rosa Federboas, Glitzerkostüme und Kylie-Minogue-Songs vom Band inklusive. Aber hinter Münchens größtem Fest für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender steckt noch viel mehr. Die Parade ist vor allem eine Demonstration für mehr Toleranz.

Ziemlich leer ist es noch, als um elf der Startschuss auf dem Marienplatz fällt. Kein Wunder: Einige Vereine haben bereits Freitagnacht ins CSD-Wochenende hineingefeiert. Einzig Claudia Roth, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen ist schon fit und nutzt die Showbühne für einen politischen Appell: „Ich will in einer richtigen Demokratie leben. Mit Menschenwürde für alle!“ Sie fordert die Ablösung von Beckstein und Merkel, denn „Merkel ist Bundeskanzlerin Angela Merkel für die Heteros!“ – das Publikum jubelt.

Inzwischen ist es voller geworden auf dem Marienplatz, alle warten nur noch auf die Abfahrt der Paradewagen. Touristen mit Digitalkameras drängen zu den Paradiesvögeln in Silber, Pink und Gold und machen Schnappschüsse mit den Herren Damen – das etwas andere Mitbringsel für die Lieben daheim.

Aber wo ist der berühmte Streitgegenstand, der Skandal-Wagen des Münchner CSD? Er steht unauffällig in der Mitte des Zuges. Auf dem „Papst-Wagen“ von Dietmar Holzapfel zersägen vier Bischöfe eine Regenbogenbrücke, daneben steht eine Papst-Figur aus Pappe. Vor zwei Jahren sorgte ein Wagen mit kirchenkritischem Motiv für Ärger und musste abgebaut werden. Und dieses Jahr? „Eigentlich keine Probleme. Aber die Polizei beobachtet uns ganz genau. Da fühlt man sich schon fast wie ein Verbrecher“, erklärt Holzapfel

Ganz vorne dabei sind Thomas Niederbühl von der Rosa Liste mit Mann Heinz Bänziger, OB Christian Ude und Bürgermeister Hep Monatzeder. Das Herz der Party schlägt aber weiter hinten. Laut ist es bei Bündnis 90/ Die Grünen – mit an Bord natürlich auch Claudia Roth, gut gelaunt singend und tanzend zu „In the Navy“ von den Village People.

Nur das Wetter spielt nicht optimal mit: Anfangs sind es nur ein paar Tropfen, das stört weder die Parade-Teilnehmer, noch das Publikum am Straßenrand. Aber plötzlich geht ein heftiger Wolkenbruch aufs Feiervolk nieder. Das sucht Schutz unter Vorsprüngen und Regenschirmen.

Unter einer Restaurantmarkise versteckt Drag Queen Grace sonnengelbes Ballkleid und Turmfrisur. Schlägt das Wetter auf die Stimmung? „Ach was. Ich hab’ nur meinen Schirm vergessen, sonst würde ich auch mitlaufen.“ Nur die Fetisch-Fans in Lack und Leder haben Glück. An ihnen perlt das Wasser einfach ab. Weiter hinten fliegt ein Rettungsring in die Zuschauer – ein Übschwemmungsopfer? Nein, Ring und Werfer gehören zu den „Isarhechten“, einem schwul-lesbischen Schwimmverein. Klar, dass bei denen die Stimmung gut ist. Die fühlen sich in ihren Badehosen besonders heimisch.

Vorbei an Gärtnerplatz und Isartor schiebt sich der Zug langsam zurück zum Marienplatz. Wie fühlen sich denn die nassen Feiernden jetzt? „Super! Bei Woodstock hat es schließlich auch geregnet“, schreit Steffi über Lautsprechermusik hinweg.

Am Marienplatz ist kurz Verschnaufpause, vorne Tanz-Party an der Showbühne, hinten eher Bierzeltstimmung. Eine junge Frau im Brautschleier drängt vorbei. Kreatives Kostüm? Nein, Junggesellinnen-Party. Zielgerichtet steuert sie auf zwei Händchen haltende Männer in Lederkluft zu. Ob die beiden eine Rose möchten? Auf die Frage, was sie denn mit der Rose anfangen sollen, kommt die Antwort blitzschnell: „Die können sie ja ihrer Frau schenken!“ Oh.

Die zukünftige Braut zieht weiter, zurück bleibt Belustigung. „So was ausgerechnet am CSD, das ist schon ein bisschen lächerlich.“ Dieser Tag gehört halt nicht den Heteros.

Nach der Ansprache von Thomas Niederbühl betritt Christian Ude die Bühne. „Wir müssen sicherstellen, dass unsere Zukunft geprägt ist von Toleranz und Weltoffenheit. Ich hoffe, Sie sind dazu bereit“, sagt er. Auch innerhalb der Szene dürfe es keine Lagerbildung geben, sondern Zusammenhalt: „Der Regenbogen mit vielen Farben muss das Symbol bleiben!“

Zum Schluss wird es nochmal still auf dem Marienplatz: Während einer Schweigeminute steigen 300 schwarze Luftballons in den Himmel über München – zum Gedenken an die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus.

Insgesamt fanden 20000 Menschen am Samstag den Weg zum 29.Münchner Christopher Street Day, davon 1000 aktive Teilnehmer. Wolfgang Tröscher, Vorstand der Rosa Liste, die zu den Hauptorganisatoren gehört, war zufrieden: „Dass so viele dabei waren, gibt einem Hoffnung.“

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