Interview

Deutschland-Tour mit dem Lastenrad: "Ich radle 1.000 Kilometer nach Sylt"

Ralph Kilian (48) fährt als Handwerker in München Lastenrad statt Lieferwagen. Ein Gespräch über Transport ohne Stau, Fahrten mit Bier - und seine geplante Radl-Reise bis hoch in den deutschen Norden.
| Hüseyin Ince
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Ralph Kilian mit seinem Arbeits-Lastenrad am Tassiloplatz. Er nutzt das Fahrzeug nahezu täglich.
Ralph Kilian mit seinem Arbeits-Lastenrad am Tassiloplatz. Er nutzt das Fahrzeug nahezu täglich. © Daniel von Loeper

München - Eimer, Leiter, Bohrer, Bürste, Spachtel, Staubsauger - und los geht's. Ralph Kilian ist seit gut 20 Jahren Handwerker und fährt seit einem halben Jahr mit dem Lastenrad bei seinen Kunden vor. Auf das elektrisch unterstützte Gefährt möchte er nie wieder verzichten. Ein Gespräch über Effizienz, ökologisches Gewissen, und Stadtstress.

Mit dem Lastenrad nach Sylt: 1.000 Kilometer in sieben Tagen

AZ: Herr Kilian, warum tun Sie sich das an, eine Woche Radeln bis Sylt?
RALPH KILIAN: Ich habe so gute Erfahrung mit dem Lastenrad gemacht, dass ich zeigen will, was alles damit möglich ist.

Möchten Sie andere Münchner dazu ermuntern, so ein Gefährt zu kaufen?
Auch das. Familien sieht man ja schon viele, die damit in München unterwegs sind. Aber was ich sehr selten sehe, das sind Handwerker. Ich möchte vor allem meine Kollegen dazu ermutigen, so ein elektrisches Lastenrad beruflich zu nutzen.

"Ausfallen wird die Tour auf keinen Fall"

Wann geht es los nach Sylt?
Am 23. Mai möchte ich starten. Die Route steht bereits. Von München nach Sylt. Fast 1.000 Kilometer, in sieben Tagen. Natürlich nur, wenn es die Pandemielage erlaubt.

Und wenn nicht?
Dann verschiebe ich die Tour einfach um einige Wochen. Ausfallen wird sie nicht.

Der Münchner Handwerker freut sich über zusätzliche Sponsoren

Wie kommen Sie wieder zurück aus Sylt?
Da muss ich mir noch etwas einfallen lassen. Ich selbst möchte mit dem Zug zurückfahren. Aber die Maße des Lastenrads sind zu groß für die Bahn. Und Cargo-Unternehmen verlangen recht viel Geld für den Transport des Rades.

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Haben Sie keine Sponsoren?
Bislang einen. Das Radgeschäft Munix Finest Bicycles, wo ich das Fahrzeug auch gekauft habe. Der Chef, Paul Kefer, stellt mir drei Akkus zur Verfügung. Mit einem kommt man bis zu 50 Kilometer weit, bei maximaler elektrischer Unterstützung. Und ich möchte Tagesetappen fahren, die bis zu 150 Kilometer lang sind. Kefer war so begeistert von der Aktion, dass er mir zwei Akkus sogar schenkte. Einer kostet 750 Euro im Verkauf. Noch habe ich mich um keine weiteren Unterstützer gekümmert. Aber wenn jemand Lust hat, mich bei der Reise zu sponsern, wäre das natürlich fantastisch.

"Mit Sylt verbinde ich großartige Kindheitserinnerungen"

Warum wollen Sie ausgerechnet nach Sylt? Sie hätten ja auch Richtung Süden fahren können, nach Italien oder Frankreich.
Mit Sylt verbinde ich großartige Kindheitserinnerungen. Ich war dort zum ersten Mal mit 13 Jahren, gemeinsam mit meinen Eltern. Und dort habe ich das allererste Mal das Meer gesehen. Es war eines meiner schönsten Erlebnisse.

Dann könnten Sie ja gleich ein paar Tage dort verbringen.
Mache ich auch. Meine Partnerin kommt gemeinsam mit unserer Tochter nach. Wir treffen uns auf Sylt, am Tag meiner Ankunft. Und dann genießen wir die Nordsee gemeinsam.

Handwerker schwärmt: Das sind die Vorteile eines Lastenradls

Warum sind Sie so begeistert von Ihrem Lastenradl?
Es hat nur Vorteile. Was ich mir da schon an Zeit und Nerven gespart habe während der Arbeit.

Passt denn alles, was Sie als Handwerker brauchen, in die Box?
Die Minimalausstattung, ja. Eimer, kleine Leiter, Elektrobohrer, Staubsauger, Malerbürste, Spachtel...

Dann ist die Kiste doch schon voll oder?
Ja, aber vergessen Sie nicht: Wenn ich viel zu transportieren habe, nehme ich meinen Lieferwagen und bringe am ersten Tag alles hin. Oft bin ich etwa eine Woche auf einer Baustelle. Aber ich fahre nur zwei Mal mit dem Lieferwagen, um das Material anzuliefern und am Ende wieder abzuholen. Die restlichen Tage pendle ich von zu Hause mit dem Lastenrad von Haustüre zu Haustüre.

"Das Rad hat meine Erwartungen übertroffen"

Keine Parkplatzsuche, bessere Nerven ...
... kein Stau und wirklich sprichwörtlich, von Haustür zu Haustür. Von zu Hause in Giesing bis zum Klingelschild meines Kunden. Das geht mit sonst keinem anderen Fahrzeug der Welt.

Waren Sie von Anfang an überzeugt von dem Rad?
Bevor ich es kaufte, war ich sehr skeptisch, ob es sich lohnen würde. Ich meine: 6.000 Euro ist eine Menge Geld. Und das, obwohl ich die Transportkiste selbst gebaut und angeschraubt habe. Beim Hersteller war mir die zu teuer.

Und jetzt?
Es war meine beste Entscheidung. Das Rad hat meine Erwartungen übertroffen. Außerdem habe ich jetzt ein besseres ökologisches Gewissen. Ich sorge für einen geringeren CO2-Ausstoß und für weniger Lärm und somit auch für ein bisschen weniger Stress in der Stadt. Davon gibt es schon genug. Mir ist es wichtig, meiner Tochter eine lebenswerte Welt zu überlassen. Das ist ein kleiner Beitrag dazu. Und natürlich spart man sich am Ende auch Geld. In dem Fall, die ganzen Spritkosten, auch Parkgebühren.

Kilian ist schon über 1.000 Kilometer mit dem Rad gefahren

Welche Erfahrungen haben Sie im Straßenverkehr gemacht?
Nur gute. Aber ich muss dazusagen, dass ich wirklich sehr rücksichtsvoll und vorausschauend fahre. Man kann ja bis zu 25 km/h schnell sein. Aber mit bis zu 100 Kilogramm Zuladung und teils sehr engen Radwegen reize ich die Höchstgeschwindigkeit nicht immer aus.

Wann haben Sie das Rad gekauft?
Im September 2020.

Und wie viele Kilometer sind Sie damit bislang gefahren?
Ich kann Ihnen das auf dem Display zeigen, das zählt immer mit: 1.300 Kilometer. Und das, obwohl ich das Rad im Winter bei viel Schnee und starker Kälte oft stehen ließ.

Lastenrad auch praktische Möglichkeit einen Grill einzupacken

Wie kamen Sie denn auf die Idee, so ein Fahrzeug zu kaufen?
Ich habe viele Freunde, die begeisterte Radler sind und mich seit Jahren anstacheln, ein E-Lastenrad für meinen Job zu kaufen. Irgendwann habe ich ein paar Modelle ausprobiert.

Nutzen Sie das Lastenrad auch privat?
Regelmäßig. Ich habe Sicherheitsgurte in der Transportkiste verlegt. Meine Tochter steigt manchmal mit ein. Und wenn ich mit Freunden oder meiner Familie an die Isar fahre, gibt es auch kaum eine praktischere Möglichkeit, Grill, Getränke sowie Grillzeug einzupacken.

Ein Kasten Bier müsste da ja ohne weiteres hineinpassen.
(Lacht) Nicht nur einer.

"Für Notfälle auf der Reise packe ich auch ein Zelt ein"

Was werden Sie auf Ihrer Reise von München nach Sylt alles dabei haben?
Nur das Nötigste. Für Notfälle werde ich ein Zelt einpacken. Dazu gute Regenkleidung. Übernachten muss ich ja dort, wo es Strom gibt, weil ich die Akkus wieder aufladen möchte, um am nächsten Tag weiterzufahren. Aber es muss kein Hotel sein. Pensionen reichen völlig.

Sehnsuchts-Ziel Sylt: Hierhin führt die Reise mit dem Radl.
Sehnsuchts-Ziel Sylt: Hierhin führt die Reise mit dem Radl. © IMAGO / wolterfoto

Freuen Sie sich schon auf die Reise?
Ja selbstverständlich. Zum einen bin ich schon recht aufgeregt, zum anderen sehr gespannt, was mich da so alles erwartet.

"Der Wandel im Dialekt bis Sylt ist bestimmt auch ganz lustig"

Und was erwarten Sie auf der Strecke?
Die ein oder anderen Höhenmeter sind zu bewältigen: rund 8.000.

Und was noch?
Auf die Begegnungen während meiner Tour bin ich aus zweierlei Gründen gespannt. Zum einen wird es sicherlich einen kommunikativen Austausch unter den Radlern geben. Eventuell bei selbiger Route und wiederholter Begegnung. Und- ich kann mir gut vorstellen dass gerade Menschen auf dem Land einen Cargo-Biker ganz besonders beäugen und viel über die Machbarkeit wissen wollen. Der Wandel im Dialekt bis Sylt ist bestimmt auch ganz lustig. Mal sehen, ob ich da nicht in der ein oder anderen Region eine Übersetzungshilfe benötige.

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