Der Münchner Gastro droht eine Pleitewelle

Viele Wirte wissen nicht weiter und halten den Lockdown nur noch kurze Zeit durch. In der AZ erzählen sie, wie lange noch – und was helfen könnte.
| Jasmin Menrad
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Empfehlungen
Stefan Gabányi.
bw 4 Stefan Gabányi.
Fraunofer-Wirt Beppi Bachmaier.
Feindt 4 Fraunofer-Wirt Beppi Bachmaier.
Markus Thatenhorst.
privat 4 Markus Thatenhorst.
Dirk Gerrard.
privat 4 Dirk Gerrard.

München - Seit über einem Monat verdienen viele Gastronomen nichts – haben aber weiter ihre Ausgaben. Weil keine Perspektive aus dem Corona-Lockdown für Gastronomen und Hoteliers in Sicht ist, hat sich der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband Dehoga mit einem Brandbrief an Ministerpräsident Söder gewandt.

"Im Gegensatz zu anderen Branchen waren unsere Betriebe die ersten, die geschlossen wurden, und werden die letzten sein, die öffnen dürfen. Erschwerend kommt hinzu, dass es keine Nachholeffekte gibt", heißt es.

Deshalb fordert die Dehoga eine differenzierte Behandlung gastgewerblicher Betriebe, so dass einigen Zweigen eine Perspektive aufgezeigt werden kann. Zudem müssten auch die Öffnungszeiten ausgeweitet werden, was zudem die Umsetzung von Abstandsregeln erleichtere.

Zumindest Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) forderte am Freitag einen konkreten Zeitplan für die baldige Öffnung der Gaststätten und Hotels.

Dehoga forder Rettungs- und Entschädigungfonds

Konkret verlangt die Dehoga auch: "Wir brauchen die Einführung des reduzierten Mehrwertsteuersatzes von 7 Prozent für gastronomische Umsätze rückwirkend zum 1. Januar" – zudem "die Bildung eines Rettungs- und Entschädigungsfonds". Viele Gastronomen seien außerdem auf die rasche Zahlung des Kurzarbeitergeldes angewiesen und darauf, dass sie ihre Azubis in Kurzarbeit schicken können.

Die Dehoga spricht für über 40.000 Betriebe mit 447.000 Erwerbstätigen und 150.000 direkt dem Gastgewerbe zuordenbare Mitarbeiter in anderen Branchen. Wenn der Freistaat nicht bald eine Perspektive eröffne und weitere Hilfen zusage, drohe eine Pleitewelle, warnt die Dehoga.


"Dieser Rückhalt berührt mich sehr" - Stefan Gabányi

Stefan Gabányi.
Stefan Gabányi. © bw

Bei meiner Größe hat man nicht viele Rücklagen", sagt Stefan Gabányi ruhig. Mit Größe meint er seine kleine Bar Gabányi am Beethovenplatz. Bis Ende Mai, sagt Stefan Gabányi, würde sein Geld noch reichen. Ab nächster Woche plant er sogar wieder Livekonzerte über einen Stream – wie immer bei Gabányi von erstklassiger Qualität. "So ist die Bar wenigstens gefühlsmäßig am Leben. Es soll auch Geld für die Musiker zusammenkommen, denen es gerade sehr schlecht geht."

Stefan Gabányi macht sich weniger Sorgen um sich selbst, als um sein Umfeld: Seine vier Mitarbeiter musste er in Kurzarbeit schicken. Ihnen fehlt das Trinkgeld zusätzlich, aber Gabányi ist nicht in der Lage, auf das Kurzarbeitergeld etwas draufzulegen.

Die Bar ist bekannt für ihre herzliche, familiäre Atmosphäre. So hat Stefan Gabányi schon konkrete Angebote von Stammgästen bekommen: Einer will Trinkgeld für die Mitarbeiter überweisen, andere bieten finanzielle Hilfe an, wenn’s nicht mehr gehen sollte: "Ich bin grundsätzlich Optimist – und dieser Rückhalt berührt mich sehr."


"Wenn kein Impfstoff gefunden wird..." - Beppi Bachmaier

Fraunofer-Wirt Beppi Bachmaier.
Fraunofer-Wirt Beppi Bachmaier. © Feindt

Heuer wäre er wegen des Zentralen Landwirtschaftsfests mit seinem Herzkasperl-Zelt sowieso nicht bei der Wiesn dabei gewesen. Aber auch für 2021 stellt Fraunhofer-Wirt Beppi Bachmaier eine düstere Prognose: "Wenn kein Impfstoff gefunden wird, hm...", sagt Bachmaier und schickt noch ein weiteres, düsteres "hmm" hinterher. Seit über einem Monat hat sein Fraunhofer geschlossen und mit ihm das kleine Werkstattkino und das Theater. "Beim Theater habe ich 80 Sitzplätze, das ist mit Abstandsregeln kaum zu betreiben, genauso das Kino", sagt Bachmaier.

Ohnehin glaubt er nicht, dass ein normales Leben ohne einen Impfstoff möglich ist – und bis der gefunden ist, kann’s dauern. "Da habe ich ja nichts davon, wenn weit entfernt voneinander ein paar Hanseln im Fraunhofer sitzen und ich ein Viertel des Umsatzes mache, den ich brauche, um meinen Laden überhaupt profitabel zu betreiben."

Weil eine Umstellung auf Straßenverkauf mit logistischem Aufwand und weiteren Investitionen verbunden wäre, bietet Bachmaier das nicht an. Zumal er nicht glaubt, dass er so auch nur einen Bruchteil von dem verdienen würde, was er braucht.


"Die Branche stirbt auf Raten" - Markus Thatenhorst

Markus Thatenhorst.
Markus Thatenhorst. © privat

Als Familienbetrieb führt Markus Thatenhorst mit seiner Frau, seinem Bruder und dessen Frau sechs Restaurants: Keiner von ihnen weiß, ob der Kaisergarten, die Bar Freebird, Seerose, Theresa Grill, Occam Deli und Lilli P. es ins nächste Jahr schaffen werden. "Wir können nicht reinholen, was wir verloren haben. Wir schieben schon jetzt einen Schuldenberg vor uns her, der größer und größer wird. Ohne Zuschüsse wird’s nicht nur für uns, sondern für ganz, ganz viele Gastros eng", sagt Thatenhorst.

Weil er aktiv in der Organisation "Save Our Local Gastro" ist, hat er einen guten Überblick, bekommt mit, was die Kollegen bewegt. Thatenhorst schätzt, dass bisher erst etwa 30 Prozent der Gastronomen die Soforthilfen und das Kurzarbeitergeld ausbezahlt bekommen haben.

"Die Branche stirbt auf Raten" sagt er, weil keiner wisse, wann sie wieder öffnen dürfen und unter welchen Bedingungen. "Wir müssen dann froh sein, wenn wir die Hälfte des Umsatzes machen, wenn wir die Abstandsregeln einhalten müssen."

Er fordert, dass die Politik den Mehrwertsteuersatz für Gastro und Hotels auf 7 Prozent senkt – "das wäre wie ein Zuschuss für uns".


"Längst in Insolvenz gehen müssen" - Dirk Gerrard

Dirk Gerrard.
Dirk Gerrard. © privat

Um die Kosten in seinem Grist an der Münchner Freiheit zu decken, braucht Dirk Gerrard 20.000 Euro. Momentan verdient er aber monatlich nur etwa 5.000 Euro. Und das auch nur, weil er sieben Tage die Woche in seinem Lokal in der Wilhelmstraße 43 steht. Täglich von 12 bis 14 Uhr und von 16 bis 20 Uhr bietet er feine Küche zum Mitnehmen an. "Als Kaufmann hätte ich schon längst in die Insolvenz gehen müssen", sagt Gerrard.

Das kleine Lokal hat er erst vor eineinhalb Jahren eröffnet. Im Februar hat der Laden erstmals Gewinn abgeworfen. Im März musste Gerrard das Grist and Grain auf unbestimmte Zeit schließen. Von seiner Hausbank wurde er informiert, dass er eine Kreditanfrage nicht einmal einreichen müsse.

Das kleine Unternehmen ist schlicht zu jung für Kredite. Stundungen von Miete und Steuern schiebt Gerrard schon jetzt vor sich her. "Ich muss hoffen, dass wir das Eineinhalbfache einnehmen, wenn wir wieder aufmachen dürfen." Wenn. "Es wäre einfacher, eine Entscheidung zu treffen, wenn ich Klarheit hätte, wann und wie es weitergeht."

Lesen Sie auch: Gastronomen in München - Es geht um sehr viel

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare Empfehlungen
0 Kommentare
Artikel kommentieren