»Der Fasching stirbt aus«

Der Münchner Fasching steckt in der Krise. Zwei Ex-Prinzen der Narrhalla diskutieren im AZ-Gespräch über den Frohsinn früher – und den Frust heute.
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Da ging’s hoch her: Uli I. Kreuzer (und Margot I.) war 1969 noch ein wichtiger Mann – der OB musste seiner Wahl zustimmen.
az Da ging’s hoch her: Uli I. Kreuzer (und Margot I.) war 1969 noch ein wichtiger Mann – der OB musste seiner Wahl zustimmen.

Der Münchner Fasching steckt in der Krise. Zwei Ex-Prinzen der Narrhalla diskutieren im AZ-Gespräch über den Frohsinn früher – und den Frust heute.

MÜNCHEN Der Fasching steckt in der Krise – das sagen nicht wir, das sagen die Narren selbst! Uli Kreuzer, Faschingsprinz 1969 und heutiger Narrhalla-Präsident, diskutiert zu diesem unlustigen Thema in der AZ mit Otto Lindinger. Der Wirt aus Aschheim (30) war Faschingsprinz 2006, gibt heute aber zu: „Ich würde heute nicht mehr zum Fasching gehen.“

AZ: Im Münchner Fasching ist wenig los, kein Vergleich zu Köln. War das früher anders?

ULI KREUZER: Völlig. Fasching war eine Institution, auf die alle gewartet haben. Man kam schon mit einem Glas Sekt in der Hand, mit selbst gemachten Kostümen. Es war der Treffpunkt der Jugend – die Bälle waren ausgebucht. Als Prinz war ich allein auf 90 Bällen!

OTTO LINDINGER: Bei mir waren es nur 40.

AZ: Also war damals wirklich viel mehr los als heute?

"Wir haben einen Ganzjahresfasching"

Lindinger: Heute haben wir aber auch einen Ganzjahresfasching. Immerzu wird gefeiert, überall. Da reißt der Fasching keinen wirklich mehr vom Hocker.

Kreuzer: Was dazu kommt: Früher war die Fastenzeit noch richtig religiös! Es war ein richtiger Einschnitt! Heute ist das nicht mehr so, da ist sogar das Fischessen lustiger als der Kehraus!

Lindinger: Das stimmt. Ich denke, dass wir grundlegend etwas ändern müssen: Mit Bällen lockt man keine Jugendlichen, abgesehen vom Filser- oder Kocherlball. Mir geht das ja selbst so. Vor meiner Faschingsprinzenzeit wäre ich niemals auf einen Ball gegangen. Sogar als Faschingsprinz wurde ich belächelt.

Damals musste der OB zustimmen

Kreuzer: Zu meiner Zeit hatte ein Prinz einen so hohen Stellenwert, dass der OB zustimmen musste.

AZ: Wie wär’s denn mit Straßenfasching wie in Köln

Kreuzer: Tja, das ist eine Temperatursache. Im Rheinland ist es milder. Wenn’s hier nieselt und schneit, ist das Interesse nicht besonders groß. Die Leut’ gehen dann zum Skifahren. Ich glaube nicht, dass man die Bälle zumachen und auf die Straße verlagern sollte.

Ein Lackschuh-Fasching

Lindinger: Dabei würde das bei uns klappen. Das sieht man an der Wiesn. Das ist unsere fünfte Jahreszeit! Und die Tracht ist die Verkleidung. Ansonsten haben wir bloß einen Lackschuh-Fasching.

AZ: Haben Sie keine Angst, dass der Fasching ausstirbt?

Kreuzer: Doch, die habe ich auf jeden Fall.

Lindinger: Ich finde aber auch, das es falsch wäre, hier einen Straßenfasching zu organisieren. Wir können Köln doch nicht einholen. Wir sollten es exklusiver machen, eine Art Opernball organisieren: gezieltes Publikum, Promis, Gästeliste. Dafür hat München doch das Publikum!

Kreuzer: Stimmt! Je exklusiver der Ball, desto mehr zieht man Interessenten aus dem Umland an.

"Bälle tragen sich nicht mehr selbst"

AZ: Wann organisieren Sie denn diesen Super-Ball?

Kreuzer: (winkt ab) Bälle tragen sich schon lange nicht mehr selbst.

Lindinger: Ein guter Act kostet rund 80000 Euro. Sparen geht aber auch nicht, da kommt wieder keiner.

AZ: Sie haben kein Geld – und stecken in der Klemme.

Lindinger: Ja!

"Wir müssen was neues machen"

Kreuzer: Wenn wir einen Sponsor kriegen, werde ich einen Ball im Deutschen Theater veranstalten. Mit allen Gesellschaften, Kostümen, wie früher...

Lindinger: Das finde ich auch falsch! Wir müssen was Neues machen! Vielleicht sollte die Narrhalla aus dem Fasching ausscheren – es gibt ja andere Gesellschaften. Und wir machen einen Ball im Sommer.

Interview: T. Gautier

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