Nach Wahlschock: Dieter Reiter setzt auf Neuanfang und Demut
Was der Wahlschock bei Dieter Reiter ausgelöst hat, lässt sich gleich am selben Abend beobachten. Eben steht der Münchner OB noch halbwegs staatsmännisch – ernst, aber gefasst – im Kreisverwaltungsreferat und trägt ein erkennbar vorbereitetes Statement vor, das die Worte „Fehler gemacht“ und „Enttäuschung“ enthält.
Kurz danach, im Oberangertheater bei der Wahlparty der Sozialdemokraten, vor seinen Parteifreunden also, ist die Fassade eine andere. Sie lässt tiefer blicken. Man ist ja beinahe unter sich.
„Ich danke euch ganz herzlich“, sagt Reiter pflichtschuldig zu seinen Wahlkämpfern und Plakatklebern. Allenfalls eine Hand in der Hosentasche suggeriert noch die Lässigkeit, die sonst sein Markenzeichen gewesen ist. Er spricht ernst und eindringlich. „Ich hab tatsächlich in den letzten zwei Wochen so viel Fehler gemacht wie in den zwölf Jahren vorher ned. Des will ich gar nicht bagatellisieren.“
„Ich brauche euch jetzt! Ich brauche euch“
Dann wechselt er in den Plural: „Jetzt müss ma, glaub ich, alle gemeinsam – und darum bitte ich euch ganz herzlich – Gas geben die nächsten 14 Tage. Ich brauche euch jetzt! Ich brauche euch - als Vervielfältiger.“ Das geht den Menschen im Saal schon ans Herz. So kläglich, so flehentlich, als Bittsteller gar, haben sie ihren Frontmann lange nicht erlebt. Einige noch nie.
Im Saal sind viele Genossen, die für den Stadtrat kandidiert haben; etliche haben es nicht hinein geschafft. 19,1 Prozent der Stimmen hat die SPD geholt, 2,8 Prozent weniger als vor sechs Jahren. Das ist unter allen Parteien der größte Verlust. Aber nichts im Vergleich zu den 12,3 Prozent Minus, die der Mann auf der Bühne zu verkraften hat, von fast 48 auf gut 35 Prozent.
Reiter als Gesicht im Wahlkampf
Dabei war nahezu allein er, Dieter Reiter (67), im Wahlkampf das Gesicht und das Programm aller im Saal gewesen. Das Zugpferd. „Reiter stärken. SPD wählen“, stand auf Plakaten. Die anderen? Allenfalls sichtbar an Infoständen in ihren Vierteln, beim Klinkenputzen. Man kann es Basisarbeit nennen. Oder Drecksarbeit. So oder so: kein Job für Reiter.
Nach zwölf Jahren als Oberbürgermeister ist klar, dass er der Mann für die großen Dinge ist. Für die großen Töne auch. Das bringt der Job, die Rolle, der Einfluss mit sich. Normal. Hat er sich erarbeitet. Passt. So wie es auf seinen Plakaten stand. „München. Reiter. Passt.“
Der Slogan mag einigen selbstzufrieden bis -gefällig vorgekommen sein. Hat aber seine Berechtigung. Reiter hat viel richtig und wenig falsch gemacht in all den Jahren. Anfangs volle Stadtkassen, pragmatische Entscheidungen, mit zwei Schlägen anzapfen: Reiter kann OB. Ein Aushängeschild der (bundesweit) geschundenen Sozialdemokratie. Einer mit Strahlkraft.
Das Zugpferd hat zusehends die Tonspur gewechselt
Bloß jubeln ihm seine Parteifreunde im Oberangertheater nicht mehr frenetisch zu. Es ist verhalten im Saal, als Reiter seine Genossen zum Stichwahlkampf aufruft. Eine One-Man-Show ist nur erfolgreich, wenn eben dieser eine Mann perfekt performt, wie man heute sagt.
Hat Reiter zuletzt aber nicht wie gewohnt. Ein leeres Stadtsäckel lässt inzwischen wenig zu, auch für den Chef. Zudem hat er Fehlentscheidungen getroffen. Tempo 50 am Ring: von Gerichten einkassiert. Eisbachwelle: trauriges Thema.
Beides hat er wenigstens noch via Instagram inszenieren können: er als Mann der Tat, Macher, wie immer. Die Sache mit den Nebeneinkünften vom FC Bayern dann nicht mehr. Die hat er lieber und viel zu lange totgeschwiegen. Bis es nicht mehr ging.
Auch deswegen haben ihn weniger Menschen in der Stadt gewählt als erwartet. Auch deswegen sind die Genossen im Saal, na ja, etwas reserviert. Womöglich hat das auch mit der Art zu tun, in der Reiter mit ihnen kommuniziert. Von oben herab, das ist ja noch okay: Er ist ja der Boss. Der mit Übersicht und Macht. Der Herrscher. Denjenigen, die ihn länger kennen, ist allerdings aufgefallen, dass ihr Zugpferd in Sachen Umgang zusehends die Tonspur gewechselt hat.
Sarkasmus verpackt Ärger als Humor
Wenn Dieter Reiter etwas missfällt, sagt er das auch. Hat er schon immer. Als er 2014 gerade 100 Tage im Amt war, berichtete ein Referent, also quasi einer der Stadtminister, dem „Merkur“: „Er vergreift sich gelegentlich nicht im Ton.“
Gleichwohl sei Reiter damals bodenständig, freundlich und von sehr einnehmendem Umgang gewesen, erinnerte sich Alt-OB Christian Ude dieser Tage. Am Anfang von Reiters Politkarriere war Ude so etwas wie ein Mentor und Förderer. Das war schnell vorbei.
Längst weiß niemand mehr, wer Reiters wichtigster Berater ist – und ob er überhaupt einen solchen hat. Oder ob er auf ihn hört.
Die wachsenden Bekanntheits- und Sympathiewerte beflügelten ihn, den Alleskönner, der aus der Verwaltung kam und an deren Spitze er so überlegen steht.
Langsames oder fehlerhaftes Arbeiten – das unterlief nur anderen. Reiter sagt über sich, er müsse oft seine Ungeduld zügeln. Sein Ärger, wenn etwas zu schwerfällig oder daneben geht, bricht sich in Worten Bahn.
Immer wieder Ironie, das ist man schon gewohnt
Die „SZ“ beschrieb ihn zuletzt nach einem der seltenen Wahlkampfauftritte so: „Immer wieder streut er Ironie ein, so wie man es von ihm auch aus dem Stadtrat gewohnt ist.“ Sarkasmus ist über die Jahre zum Alltags-Instrument in Reiters verbalem Werkzeugkasten geworden. Sarkasmus verpackt Ärger als Humor. „Hostile humor“, feindseligen Humor, nennen das die Psychologen. Das schafft Abstand zu eigenen Emotionen. Statt zu sagen: „Das ärgert mich“, sagt man: „Na, das war ja mal wieder großartig.“
Dauerstress, permanenter (öffentlicher) Druck und hohe Verantwortung können eine solche Entwicklung beschleunigen und zum Führungsstil erheben, sagen Psychologen. Dann wird es schnell einsam an der (Stadt-)Spitze.
Gleichzeitig ist Sarkasmus eine Machttechnik, die Gespräche verkürzen und Kritik schwer angreifbar machen kann. Wenn das – für Reiter – funktioniert, ist es gut. Wenn er, diesem Mechanismus folgend, Fragen zu seinen FC-Bayern-Einkünften als „Klamauk“ abtut und sagt, er werde da für den Stadtrat „eine schöne Vorlage basteln“, ist es das nicht mehr.
Wo soll Reiter jemanden finden, mit dem er sich auf Augenhöhe austauschen kann?
Hier war Reiter nicht gut beraten. Von wem auch? Der ehemals enge Draht zur SPD-Fraktion ist ein langer geworden, sagen Beobachter.
Wo soll Reiter – ob im Rathaus oder der Verwaltung – auch jemanden finden, mit dem er sich auf Augenhöhe austauschen kann?
Er geht jetzt mit „dem Uli“ in die Allianz Arena und kann es sich erlauben, im letzten Bundestagswahlkampf Olaf Scholz, also den Kanzler seiner SPD, öffentlich abzukanzeln. Über Referenten sagt er, er könne sie „leider nicht entlassen“. Ihm, sagen sein Gefühl und seine Erfahrung, kann niemand etwas. Womöglich hat es deshalb so lang gedauert, bis in Reiter die Einsicht gereift ist, mit seinem Engagement beim FC Bayern nicht alles richtig gemacht zu haben. Wer in seinem Umfeld hätte schon das Format, ihm das klarzumachen? Niemand.
Er erdet sich wieder – das schafft Nähe
Erst der Wahlausgang hat diese Erkenntnis raketenhaft beschleunigt. Dieses desaströse Ergebnis, schwarz auf weiß, macht Reiter klar, dass er allein – bei aller Kompetenz – nicht mehr als sakrosankt wahrgenommen wird. Dass sogar ein Bürgerkönig ohne Verbündete nicht immer weiterkommt.
Immerhin, die Distanz zu seiner Partei, die in den vergangenen Jahren zunehmend spürbar war, ist nicht unüberwindbar. Statt um Sarkasmus bemüht sich Reiter seit dem Wahlabend um Demut. Der vormalige Alleinherrscher bittet um Hilfe, gelobt Besserung, legt seine Ämter beim FC Bayern nieder. Er erdet sich. Das schafft Nähe.
Und egal ob aus Überzeugung oder Eigeninteresse: Die Genossen unterstützen ihn im Stichwahlkampf (wieder) eifrig.
Alles kann noch einmal gut ausgehen für OB Reiter – wenn ihm die vergangenen Wochen eine Lektion waren. Läuft am nächsten Wahlsonntag alles so, wie er hofft, hat er bald Gelegenheit zu zeigen, ob er sie verstanden und gelernt hat.

