München-Umfrage: Das sind die Tops und Flops in der Innenstadt

Weniger Baustellen und Bettler, dafür mehr Sauberkeit, bessere Erreichbarkeit und mehr öffentliche Toiletten – Ladenbetreiber und Besucher sehen viel Veränderungspotenzial für eine attraktivere City, das ergibt eine Umfrage. So reagiert der Wirtschaftsreferent Christian Scharpf (SPD). 
Nina Job
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"Menschenmassen" mögen viele Innenstadtbesucher überhaupt nicht. Bei einer Befragung landete eine übervolle City auf Platz 1 der Negativliste.
"Menschenmassen" mögen viele Innenstadtbesucher überhaupt nicht. Bei einer Befragung landete eine übervolle City auf Platz 1 der Negativliste. © IMAGO/Wolfgang Maria Weber

Die Münchner Innenstadt ist das größte Einkaufszentrum Bayerns. Doch ganz schön gebeutelt hat es sie seit der Pandemie. Ladenflächen stehen leer, die Bahnhofsgegend und der Marienhof sind von den Mammutbaustellen Hauptbahnhof und Zweite Stammstrecke geprägt. Und auch wenn Besserung in Sicht ist: Nach wie vor verschandeln Benko-Ruinen wie die Alte Akademie oder der alte Karstadt an der Schützenstraße das Stadtbild.
Was muss sich ändern, damit die Innenstadt in Zeiten des Onlineshoppings attraktiv bleibt oder attraktiver wird? Zum zweiten Mal seit 2022 haben das Wirtschaftsreferat, der Handelsverband Bayern, der Verein City Partner und die Günther Rid Stiftung für den bayerischen Einzelhandel eine große Befragung von Händlern und Konsumenten in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse sind teils überraschend. Insgesamt 1016 Innenstadtbesucher und 84 Händler hat die BBE Handelsberatung im November und Dezember 2025 befragt.

Die Benko-Ruine an der Prielmayer- und Schützenstraße verschandelt noch immer das Stadtbild. Das soll sich aber nun bald ändern, die Immobilie wurde verkauft.
Die Benko-Ruine an der Prielmayer- und Schützenstraße verschandelt noch immer das Stadtbild. Das soll sich aber nun bald ändern, die Immobilie wurde verkauft. © IMAGO/S.Gottschalk

Erfreulich für die Händler: Gerade die Jungen (unter 24 Jahre) unter den Befragten fahren inzwischen deutlich häufiger in die Innenstadt als noch vor fünf Jahren. Das gaben 58 Prozent von ihnen an (plus 15 Prozent im Vergleich zu 2022). Aus der Zeit ist das echte Einkaufserlebnis also offenbar auch für junge Leute nicht.

Shopping ist der häufigste Grund, warum es Kunden in die City zieht, aber es ist nicht der einzige. Über die Hälfte der Befragten (55 Prozent) gaben dies als Grund an. An zweiter Stelle steht: Freunde treffen (41 Prozent) gefolgt von Gastrobesuchen (37 Prozent). Mehr als jeder Dritte (35 Prozent) wollte einfach einen Stadtbummel machen und bei 31 Prozent war auch ein Arztbesuch Anlass für die Fahrt in die Stadt. Was die Kunden kritisieren – und was sie sich für die Zukunft wünschen:

Die Händler wünschen sich eine bessere Koordination der Baustellen in der City. Der Bau der Zweiten Stammstrecke am Marienhof ist nur eine von vielen.
Die Händler wünschen sich eine bessere Koordination der Baustellen in der City. Der Bau der Zweiten Stammstrecke am Marienhof ist nur eine von vielen. © IMAGO/Rolf Poss

Von den Besuchern, die seltener als früher in die Innenstadt fahren, finden die meisten (58 Prozent) die Innenstadt weniger attraktiv. Diese Zahl ist deutlich gestiegen (plus 14 Prozent). Auch die Zufriedenheit mit den typischen Einzelhandelsangeboten hat nachgelassen: Waren vor drei Jahren noch 85 Prozent zufrieden oder sehr zufrieden damit, sind es bei der jüngsten Umfrage nur noch 79 Prozent.

Ganz und gar nicht gefällt den Besuchern in der Innenstadt, wenn es zu voll ist: Menschenmassen stehen auf der Negativ-Rangliste ganz oben. An zweiter Stelle bemängeln die Passanten mangelnde Sauberkeit, auf dem dritten Platz landen Bettler und Obdachlose. Auch weniger Vielfalt ist ein Thema auf der Negativliste (Top vier), an fünfter stehen "hohe Preise".

Sowohl die Händler als auch die Passanten wünschen sich mehr Sauberkeit in der Innenstadt.
Sowohl die Händler als auch die Passanten wünschen sich mehr Sauberkeit in der Innenstadt. © IMAGO/Wolfgang Maria Weber

Bei den positiven Top fünf stehen die Einkaufsmöglichkeiten ganz oben. Auf Platz zwei rangieren die Atmosphäre und das Flair in der City, auf Platz drei die Architektur und die historischen Gebäude. Und auch das Gastronomieangebot wird gelobt (Platz vier). Auf Rang fünf im Ranking steht das Gesamtpaket, das die Münchner Innenstadt zu bieten hat.

Viel Nachholbedarf sehen die Passanten beim Stadtbild: Extrem wichtig ist ein sauberes Stadtbild, das gaben 97 Prozent der Befragten an. An zweiter Stelle wünschen sich die Kunden mehr Grünflächen und Aufenthaltsbereiche (jeweils 92 Prozent). Außerdem unter den Top fünf: mehr Aufenthaltsqualität und Sitzgelegenheiten (das wünschen sich 89 Prozent) und öffentliche Toiletten (88 Prozent). In all diesen Bereichen fanden die Befragten, dass es schlechter geworden sein.

Dauerthema öffentliche Toiletten: Es sollte deutlich mehr geben, kam bei der Umfrage heraus.
Dauerthema öffentliche Toiletten: Es sollte deutlich mehr geben, kam bei der Umfrage heraus. © Daniel von Loeper/Archiv

Außerdem wünschen sich die Kunden flexible Öffnungszeiten und viele Fachgeschäfte (Platz eins und zwei). Und – vielen Unkenrufen zum Trotz – Kauf- und Warenhäuser (Platz drei). Nachhaltige Angebote sind ebenfalls gefragt (Top 4) sowie Shopping-Nächte und verkaufsoffene Sonntage.

Die befragten Händler halten mit ihrer Kritik auch nicht hinterm Berg. 800 Fragebögen wurden verteilt, 84 haben geantwortet. "Über zehn Prozent ist eine gute Quote", sagt Johannes Berentzen von der BBE Handelsberatung, die die Befragung durchgeführt hat. Unter den befragten Händlern waren viele alte Hasen: Im Schnitt sind sie seit 61 Jahren an ihrem Standort. Weit über die Hälfte (64 Prozent) gehen mit der Zeit und haben eigene Online-Shops.
Besonders rosig sehen sie ihre Zukunft laut Befragung aber nicht. Nur 56 Prozent sind mit ihrem Standort insgesamt zufrieden oder sehr zufrieden. Bei der letzten Befragung waren es noch 76 Prozent. Jedes zehnte Unternehmen gab zudem an, seinen Standort in der City in den nächsten zwei Jahren schließen zu wollen. Als Hauptgründe gaben sie an, dass sie aus der City wegwollen, dass sie aus Altersgründen aufhören oder ihr Mietvertrag ausläuft.

Da müssen wir als Stadt nachschärfen.

Die Händler sehen viel Verbesserungsbedarf. 65 Prozent gaben an, dass sie sich am "unattraktiven Straßenbild" stören – ein Plus von elf Prozent im Vergleich zu der vorigen Befragung. Auch zu wenige Sitzgelegenheiten sind ein hoher Faktor (61 Prozent) für Unzufriedenheit der Händler. Mangelnde Sauberkeit ist für 57 Prozent ein Ärgernis, zudem sehen sie bei der Aufenthaltsqualität Verbesserungsbedarf.

Am zufriedensten sind die Händler mit der Sicherheit und Ordnung in der Innenstadt. Immerhin 66 Prozent machten hier ein Häkchen. Allerdings ist die Zustimmung gesunken – um zwölf Prozent. Ebenfalls leicht bergab ging es mit den Zustimmungswerten bezüglich Passantenfrequenz (minus drei auf 55 Prozent) und Kundenfrequenz (minus fünf auf 60). Die Aufenthaltsqualität bewerten sogar nur noch 57 Prozent (minus 15 Prozent) als top.

Stellten die Ergebnisse im Presseclub vor: Johannes Berentzen (BBE/v.l.), Wolfgang Puff  vom Handelsverband Bayern, Michaela Pichlbauer (Günther Rid Stiftung), Unternehmerin Nina Hugendubel, Wirtschaftsreferent Christian Scharpf.
Stellten die Ergebnisse im Presseclub vor: Johannes Berentzen (BBE/v.l.), Wolfgang Puff vom Handelsverband Bayern, Michaela Pichlbauer (Günther Rid Stiftung), Unternehmerin Nina Hugendubel, Wirtschaftsreferent Christian Scharpf. © Daniel Loeper

Wir verstehen die Ergebnisse als klaren Arbeitsauftrag.

Ein Problem sind die Sperrungen und Beeinträchtigungen im ÖPNV, sie wirken sich aus: Nur noch 57 Prozent der Händler sind mit der Verkehrsanbindung zufrieden oder sehr zufrieden (2023: 68 Prozent). 77 Prozent beurteilten zudem die Erreichbarkeit mit dem Pkw als Flop.
Zudem sind viele Händler genervt von den vielen Baustellen und Sperrungen, der Parkplatzsituation für Kunden und der schlechten Erreichbarkeit mit dem Pkw. An Obdachlosen stören sie sich und an mangelnder Sauberkeit.

Eine Wunschliste, adressiert an die Stadt, haben die Händler gleich mitgeliefert: 93 Prozent wünschen sich eine bessere städtische Verkehrspolitik und 83 Prozent eine bessere Baustellenkoordination. Auch wünschen sie sich erweiterte Öffnungszeiten und kostenloses oder günstiges Fahren mit dem öffentlichen Nahverkehr. Den letzten Kontakt mit der Stadt als Genehmigungsbehörde fand fast die Hälfte als "etwas mühsam" oder sogar "sehr unerfreulich". Aber immerhin: 2023 war’s noch schlimmer – da waren es sogar 57 Prozent, die den Kontakt mit der Stadt so schlecht empfanden.


Wirtschaftsreferent Christian Scharpf (SPD) war bei der Vorstellung der Befragungsergebnisse am Dienstag im Münchner Presseclub dabei. Er sagte: "Die Befragung zeigt klar, wo wir als Stadt weiter nachschärfen müssen: bei der Koordination von Baustellen, Aufenthaltsqualität, Sauberkeit und Erreichbarkeit. Wir verstehen die Ergebnisse als klaren Arbeitsauftrag.“

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  • HanneloreH vor 35 Minuten / Bewertung:

    Und immer wieder wird die Pandemie angeführt dass es in der Innenstadt nicht mehr so läuft.

    Die katastrophale Verkehrspolitik ist nie der Grund.

    Wacht endlich auf im Rathaus.

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  • kartoffelsalat vor 26 Minuten / Bewertung:
    Antwort auf Kommentar von HanneloreH

    Händler haben keine Ahnung wie die Kundschaft kommt. Die schließen nur unreflektiert von ihrer eigenen Autoabhängigkeit auf die Kunden.

    Nur mal nachdenken: 120.000 Menschen täglich in der Fußgängerzone. Wir kommen die da wohl hin?

    "Nur, was wollen die Menschen wirklich? Bürgermeister Dominik Krause, der OB-Kandidat der Grünen, zitierte aus einer Studie, die der CSU-OB-Kandidat Clemens Baumgärtner in Auftrag gegeben hat, als er noch Wirtschaftsreferent war. 900 Menschen wurden gefragt, wie die Münchner Innenstadt zukünftig sein: Ganz oben auf der Liste: ÖPNV-freundlich, fußgängerfreundlich, begrünt. "Autofreundlich" kam auf Platz 22, die letzte Stelle."

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  • Newi83 vor einer Stunde / Bewertung:

    Steht ja alles drin wo es hapert. Fängt man in München eine Liste an hat die gar kein Ende mehr.

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