"Das wäre ein Todesurteil“: Stimme der Münchner U-Bahnen schlägt Alarm
Die Künstlerin, Sängerin, Schauspielerin, Sprecherin und Sprachtrainerin Sabine Bundschu (Jahrgang 1959) hat so viel erlebt wie andere Menschen in drei Leben. Bundschu stand mit Showgrößen wie Udo Lindenberg, Nina Hagen und Thomas Gottschalk auf der Bühne. Die Künstliche Intelligenz (KI) könnte ihre Ansage-Stimme bei der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) ersetzen. Die MVG bestätigt bereits Experimente mit KI. Frau Bundschus Stimme bleibe aber vorerst. Niemand wolle sie abschaffen – so heißt es offiziell.
AZ: Frau Bundschu, wie oft fahren Sie mit der MVG?
SABINE BUNDSCHU: Unterschiedlich. Ich denke, schon ein paarmal in der Woche.
Und während der Fahrt hören Sie sich selbst, wie Sie alle Haltestellen ansagen.
Wie alle anderen Fahrgäste auch.
Wie wirkt das auf Sie?
Am Anfang war es schon komisch.
Die ersten Jahre?
Ja, eigenartig war das. Ich bin ja die Erste, die überhaupt die Stationen in München eingesprochen hat. Ich bin also die erste Generation Computerchip. Davor sagten immer die Fahrerinnen und Fahrer der Trambahnen, Busse und U-Bahnen Stationen an. Machen sie ja bis heute, wenn die Technik versagt.
Sie sind nicht nur Sprecherin, auch Schauspielerin und Sprachtrainerin. Nervt das manchmal, vor allem als die Stimme der Münchner U-Bahn bekannt zu sein?
Nein. Aber mein Hauptmetier ist eigentlich Musik.
"Dass mich so viele Millionen Menschen regelmäßig hören, ist ein verrückter Gedanke"
Sie waren damit in den Achtzigern und Neunzigern erfolgreich, traten in der Hitparade auf. Unter anderem waren Sie engagiert in der Late-Night-Show von Thomas Gottschalk.
Ja, alle möglichen Sachen. Viel Fernsehen. Viel live. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Die mit Abstand allermeisten Menschen, die meine Stimme hören, fahren U-Bahn, Tram und Bus. Das sind viele Millionen. Und es ist ein verrückter Gedanke.
Auch ein schöner Gedanke?
Selbstverständlich. Ich habe mir das damals beim Einsprechen zu Herzen genommen. Ich stellte mir vor, wie jemand täglich morgens und abends U-Bahn fährt. Und ich habe meine Stimmfarbe so angepasst, dass sie angenehm klingt und nicht stört. Ich wollte, dass derjenige oder diejenige auch nach zehn Jahren nicht von der Stimme genervt ist.
Dann haben Sie bestimmt schon Komplimente erhalten.
Das größte Kompliment bekam ich erst Donnerstagnachmittag von einer Tramfahrerin und einem Tramfahrer. Wir drehten gerade einen Fernsehbeitrag am Max-Weber-Platz. Sie wurden gefragt, wie sie das fänden, wenn meine Stimme von KI ersetzt werden würde. Sie waren von der Idee entsetzt. Und sie erzählten mir, dass meine Stimme unter Tramfahrern "Susi" heißt, wie die Stimme der früheren Rudi-Carrell-Show "Herzblatt". Das hat mich sehr amüsiert.
Wie würden Sie Ihre U-Bahn-Stimme beschreiben?
Nicht übertrieben, nicht piepsig, sachlich, freundlich. Bei piepsigen Stimmen tue ich mich selbst enorm schwer, lange zuzuhören. Seltsamerweise sind hohe Stimmen heute wieder etwas gefragter. Es ist ein Trend.
"Theater und Musik gleichzeitig? Kaum zu bewältigen"
Wie begann Ihre Karriere eigentlich?
Ich habe Schauspiel in Graz studiert. An der Hochschule der Künste. Danach war ich Theaterschauspielerin. Und ich bekam einen Plattenvertrag angeboten. Und zwar von Ralph Siegel. Aber zeitlich funktioniert das überhaupt nicht, wenn man neben Theater noch professionell Musik machen möchte.
Deshalb blieben sie beim Theater?
Nein, ich nahm den Plattenvertrag an und wollte das unbedingt ausprobieren. So ergab das eine das andere. Als ich die Exquisa-Melodie eingesungen habe
…"…keiner schmeckt so wie dieser?"
Richtig. Jedenfalls hat dabei jemand im Studio mir geraten, auch als Sprecherin zu arbeiten.
Anfang der 90er waren Sie Keyboarderin der Gottschalk-Late-Night-Band Trouble Boys and the Sireens. Ein Highlight?
Es hat sehr viel Spaß gemacht. Nach einer Zeit bekam ich eine musikalische Krise. Künstlerisch war mir das zu wenig. Wir spielten ja nur zwischendurch kleinere Schnipsel, nie einen ganzen Song. Ich dachte mir: Dafür habe ich das Theater eigentlich nicht aufgegeben.
Wenn man über Sie liest, heißt es häufig, dass sie zeitweise ein turbulentes Leben hatten. Wie sehen Sie das im Nachhinein?
Normal in dem Metier. Das Leben halt. Ich hatte immer allergrößtes Interesse an etwas Neuem. Und ich war schon immer experimentierfreudig. Die Vorstellung, jeden Tag von 8 Uhr bis 18 Uhr zu arbeiten, ist für mich noch heute gruselig. Außer die regelmäßige Arbeit am Theater. Deswegen war ich immer selbstständig.
Es gab bei Ihnen auch diese etwas dunklere Episode mit einer Art Schweizer Guru, der innerhalb einer Gruppe mit Drogen experimentierte. Ein Irrweg?
Das sehe ich gar nicht mehr so extrem. Der Mann bildete Ärzte darin aus, Patienten mit psychedelischen Drogen zu behandeln. Und ich hatte Depressionen, kam einfach nicht aus diesem Loch heraus. Deshalb nahm ich teil. Wenn Sie ein wenig recherchieren, stoßen Sie heute schnell auf Behandlungsmethoden, die mit psychedelischen Pharmaka funktionieren und inzwischen anerkannt sind. Viele Teilnehmer waren damals übrigens Ärzte, die damit behandeln wollten.
"Der Mann hatte meiner Meinung nach einen Jesus-Komplex"
Ihre Teilnahme 2014 endete mit einem heftigen Schlaganfall.
Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe und kein Pflegefall geworden bin. Die verabreichten Substanzen waren und sind illegal: LSD, MDMA, Ecstasy, Ketamin, Mescalin, Pilze… alles, was es so gibt. Es war jetzt auch nicht das erste Mal, dass ich als Musikerin in den Achtzigern Drogen genommen habe.
Wie eskalierte es dann bei Ihrer Teilnahme?
Das Ganze war in der Schweiz sektenartig geformt, wie ein Geheimbund. Problematisch war, dass dieser Guru meiner Meinung nach einen Jesus-Komplex oder Gott-Komplex hatte und dazu ein starkes Eigeninteresse. Er war meiner Einschätzung nach ein Narzisst und ist vor ein paar Jahren mutmaßlich an seiner eigenen Therapie gestorben.
Was geschah bei Ihnen damals?
Nach den Drogensitzungen ging es einem zeitweise nicht gut oder man hatte Kopfschmerzen. Nur diese Kopfschmerzen hat man auch bei Hirnblutungen, was bei mir der Fall gewesen ist. Eine Art Aneurysma. Dazu hatte ich einen Schlaganfall. Man ließ mich zwei Tage liegen. Die behandelnden Ärzte fragten sich später, wie ich das überlebt habe.
Bereuen Sie, dass Sie damals teilgenommen haben?
Ich bereue, dass ich nicht früher rausgegangen bin. Ich hatte schon länger das Gefühl, dass irgendetwas faul ist. Es war eine Art Umweg. Und wie sagt man so schön: Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Als Künstlerin muss ich sagen, sind bewusstseinserweiternde Substanzen enorm inspirierend.
"Ich halte mich fern von Narzissten"
Was haben Sie daraus gelernt?
Sehr viel, vor allem als heutige Gruppenleiterin bei Coachings. Ich habe auch einen Radar für Narzissten entwickelt und halte mich fern von Ihnen. Vor allem vor alten, weißen Männern, die glauben, einem alles verkaufen zu können.
Hautnah an der Endstation vorbeigeschrammt, haben Sie mal gesagt.
Genau.
Womit wir wieder beim Anfangsthema wären, Ihre Stimme in allen MVG-Fahrzeugen.
Ich habe auch mal Marlene Dietrich synchronisiert. Da hat meine Stimme super dazu gepasst. Hat sehr viel Spaß gemacht, weil sie immer eine selbstbestimmte moderne Frau verkörpert hat. Damit kann ich mich sehr gut identifizieren.
Wir müssen noch über KI sprechen. Ein besonders heikles Thema in Ihrer Branche, oder?
Ein unangenehmes Thema. Ich war zuletzt bei einem Stimmen-Casting von den Stadtwerken. Die Idee ist, glaube ich, einmal einzusprechen, um dann mit dem Material für immer von der Künstlichen Intelligenz ersetzt zu werden. Ich sehe die Gefahr, dass echte Stimmen irgendwann aussterben.
Was passiert aktuell rechtlich?
Es gab eine Klage vom Verein Deutscher Sprecher gegen Netflix. In den Verträgen stand nämlich, dass alles, was eingesprochen wird, künftig zum Anfüttern von Künstlicher Intelligenz verwendet werden darf. Das wäre ein Todesurteil für alle echten Stimmen.
"Irgendwann werden die Zuschauer nicht mehr unterscheiden können, was echt ist und was nicht"
Brauchen wir neue Regelungen?
Ja. Aber ich befürchte, dass sie schwer umzusetzen und durchzusetzen sind. Ich frage mich, wie man verhindern soll, dass KI mit eingesprochenen Stimmen gefüttert wird.
Der Branchentod quasi?
Langfristig ist es eine gefährliche Entwicklung. Es ist jetzt schon möglich, dass etwa George Clooney mit seiner eigenen KI-Stimme alle möglichen Sprachen einspricht. Noch klingt das lange nicht perfekt. Aber wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit.
Was wäre der Idealfall? Dass man KI einsetzt, aber weiterhin mit menschlichen Stimmen kombiniert?
Vor allem, dass Menschen weiterhin vergütet werden für ihre Stimme. Und es ist wichtig, dass alle Sprecher zusammenhalten. Wenn die eine Gruppe aus Protest nicht unterschreibt, dafür aber andere Sprecher die Vertragsbedingungen annehmen und Ihre Stimmen-Rechte abtreten, ist niemandem geholfen. Man verwirrt mit der Methode ja auch den Zuschauer. Er wird in Filmen irgendwann nicht mehr unterscheiden können, was echt ist und was mit KI erzeugt worden ist.

