Das langsame Sterben der Post

Bis 2011 werden alle noch selbst betriebenen Filialen dicht gemacht. Danach gibt es nur noch Postbank-Filialen und „Post-Partner-Agenturen“. Kritik von Kunden und Gewerkschaften
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Bis 2011 werden alle noch selbst betriebenen Filialen dicht gemacht.
AP Bis 2011 werden alle noch selbst betriebenen Filialen dicht gemacht.

Bis 2011 werden alle noch selbst betriebenen Filialen dicht gemacht. Danach gibt es nur noch Postbank-Filialen und „Post-Partner-Agenturen“. Kritik von Kunden und Gewerkschaften

Das große Filial-Sterben geht weiter: Die Deutsche Post hält an ihrem radikalen Sparkurs fest und macht bis spätestens Ende 2011 bundesweit alle eigenen Postfilialen dicht. Im Zuge dieser Maßnahme werden ab sofort auch noch die restlichen selbst betriebenen 475 von ehemals über 12 000 Post-Filialen mit bis zu zwei Schaltern in so genannte „Post-Partner-Agenturen“ umgewandelt und an private Subunternehmer abgegeben. In Bayern sind 70 Filialen betroffen.

Auch in München schließen bald die letzten klassischen Postfilialen: Los geht’s mit der Bad-Schachner-Straße – hier wird die Post-Filiale bereits im Oktober geschlossen. Danach folgen die Filialen in der Arnulfstraße, der Theresienstraße, dem Helene-MayerRing und der Maria-Probst-Straße. „Alle fünf Filialen werden am gleichen Standort oder in unmittelbarer Nähe in Post-Partner-Filialen umgewandelt“, verspricht Gerold Beck, Postsprecher in Bayern: „In solchen Post-Agenturen bieten Einzelhändler zusätzlich zu ihrem Kerngeschäft wie Schreibwaren oder Lebensmittel auch Brief - und Paketdienste an. Niemand muss weiter als zwei Kilometer zu einer Partner-Filiale gehen.“ In den 850 früheren Haupt-Postämtern – in München sind das zum Beispiel Goetheplatz, Ostbahnhof oder Hauptbahnhof – wird die Postbank mindestens bis 2017 weiter auch Postdienste anbieten.

Besonders bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi stößt der Radikalkurs der Post auf scharfe Kritik. „Damit verabschiedet sich die Post endgültig von einer eigenbetriebenen Filialstruktur“, kritisiert der bayerische Verdi-Sprecher Hans Sterr: „Das hat katastrophale Auswirkungen auf Kunden und Mitarbeiter“ (siehe unten). „Die Post spart dadurch hohe Miet- und Personalkosten“, verteidigt Beck die Vorteile der Auslagerung. „Es geht um Wirtschaftlichkeit.“ Einen „Service-Verlust“ befürchte die Post nicht.

Das sehen viele Kunden völlig anders. Denn wo heute „Post“ dran steht, ist längst nicht mehr alles drinnen, was Kunden lange damit verbunden haben: Kauf von Briefmarken, Aufgabe von Paketen, Einzahlung von Rechnungen.

Beispiel Lehel: Hier schloss kürzlich die letzte Postfiliale in der Thierschstraße. Das artete für eine treue Kundin in eine verzweifelte „Schnitzeljagd“ durchs Viertel aus: „Ich wollte kürzlich in der Liebigstraße Post aufgeben und gleichzeitig Geld einzahlen“, sagt Renate Meier (Name geändert) zur AZ: „Doch der dortige Post-Partner erklärte mir, dass er keinen Postbankservice anbietet. Deshalb bin ich schnell in die Thierschstraße gehetzt. Doch die echte Postfiliale war plötzlich ganz dicht“, so Meier. Da war es bereits 17.30 Uhr. Und die Geschichte noch lange nicht zu Ende.

Ein Schild verwies Frau Meier zur neuen Post-Partner-Agentur in die Baaderstraße. Dort war die 48-Jährige endgültig mit den Nerven am Ende: „Nein, Geld können Sie heute nicht mehr einzahlen“, habe der Angestellte lapidar gesagt, als sie endlich dran war: „Die Online-Verbindung des Computers zur Postbank funktioniert heute nicht.“ Das war’s: „Hilfe oder Service gab’s nicht“, ärgert sich Meier.

Die nächste Katastrophe befürchten Post-Kritiker spätestens ab 2017: „Ich gehe jede Wette ein, dass die Manager der Postbank-Center den Brief-Paket-Service dann endgültig streichen.“ Die Wette könnte der Gewerkschafter gewinnen: Die Postbank ist gesetzlich nur noch acht Jahre lang verpflichtet, Brief- und Paketdienste anzubieten.

Michael Backmund

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