„Das Ergebnis stand fest“

Nach dem Nichtraucher-Volksbegehren herrscht Katzenjammer bei manchen Wirten, und einige Stammgäste flüchten sich in Verschwörungstheorien.
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Bier ohne Zigarette? Seit 14 Jahren arbeitet Marika Bango im Schwabinger Bierstüberl. Sie selbst ist Nichtraucherin, aber sie sorgt sich um ihre Stammgäste.
Martha Schlüter Bier ohne Zigarette? Seit 14 Jahren arbeitet Marika Bango im Schwabinger Bierstüberl. Sie selbst ist Nichtraucherin, aber sie sorgt sich um ihre Stammgäste.

Nach dem Nichtraucher-Volksbegehren herrscht Katzenjammer bei manchen Wirten, und einige Stammgäste flüchten sich in Verschwörungstheorien.

Der Generator am Biertank brummt. Durch einen armdicken Schlauch fließen 1000 Liter Helles in den Keller der „Rheinpfalz“. Bier, zu dem in der Traditionskneipe in der Kurfürstenstraße die Zigarette dazugehört. Doch das ändert sich am 1. August ändern. Dann ist Schluss mit dem Rauchen im „Rheinpfalz“ – wie in allen anderen Kneipen in Bayern auch.

„Wie haben sie denn abgestimmt?“, fragt Bierfahrer Claus Scholl, während den Bierschlauch verstaut. Als Mensch unter dreißig ist man automatisch verdächtig. Denn es waren wohl die Jungen, die am Sonntag ihr kollektives „Ja“ abgegeben haben, behaupten Scholl und sein Kollege Schorsch Winkelhofer. Sie fürchten um ihre Arbeitsplätze. „Der Bierumsatz ist schon so gesunken, jetzt wird’s noch weniger“.

Resigniert hat bereits Miro Milosavljevic. Das „Ja“ des Volkes hat sein Schicksal bereits besiegelt, meint er. Zum Jahresende wird seine Kneipe „Bei Miro“ in der Karlstraße zusperren. „80 Prozent meiner Gäste sind Raucher, Leute, die nach der Arbeit auf ein Bier vorbeikommen.“ Dass seine Gäste zum Rauchen vor die Tür gehen, glaubt er nicht. „Hier ist man anonym, das schätzen die Leute, die wollen doch nicht von ihrem Chef gesehen werden.“ Ohne Miro müssen in Zukunft auch die Arbeiter des Circus Krone auskommen, das Winterquartier ist nur einen Steinwurf entfernt – „aber alles Raucher“, sagt der Wirt und steckt sich eine Marlboro an.

Er vermutet, dass die Fußballeuphorie und das gute Wetter viele Raucher davon abgehalten hat, ihr „Nein“ zum Volksabstimmung beizutragen. „Außerdem weiß man nicht, ob alles mit rechten Dingen zugegangen ist, das Ergebnis stand doch schon vor der Wahl fest.“ Ein paar Gäste pflichten ihm lautstark bei. Zur Abstimmung selbst ist Milosavljevic nicht gegangen, dafür sein Stammgast Helmut F., der wild gestikulierend am Tresen steht. Er selbst raucht nicht, trotzdem erzürnt ihn das Ergebnis „Ein Viertel, dass seinen Wirt verhungern lässt, sollte sich was schämen.“ In der Maxvorstadt, wo das „Miro“ liegt, haben 64 Prozent der Münchner für das Rauchverbot gestimmt.

Aufgegeben hat Marika Bango noch nicht. Seit 14 Jahren serviert sie im „Schwabinger Bierstüberl“ Bier und Spirituosen, der Zigarettenautomat hängt neben der Theke. Um 11 Uhr sind schon die ersten Gäste an der Bar. Man kann sich das kleine Stüberl mit den braunen Stofflampenschirmen und Flipperautomaten ohne Aschenbecher und blauen Dunst im Schummerlicht schwer vorstellen. Deshalb war Marika Bango war Sonntag auch die erste im Wahllokal. Über das Ergebnis ist sie „nur traurig“. Wie es jetzt weiter geht, weiß sie nicht, aber sie wird kämpfen – um jeden Stammgast: „Natürlich kommt du auch weiterhin her“, herrscht sie einen Gast liebevoll an, der mit gerunzelter Stirn am Tresen sitzt. Abgestimmt hat er nicht, sauer ist er trotzdem. Seit Jahren kommt er täglich hierher – sein Bier ohne Zigarette – unvorstellbar.

Weniger Stammgäste kann in Zukunft ein Vorteil sein, meint Katarina Majic vom „William Shakespeare“ in der Seidlstraße. „Hier kommen vor allem Touristen, die sind das Rauchverbot gewöhnt“, sagt die Wirtin. Aber auch sie ist wütend: „Die Frage war von den Politikern so gestellt, dass man, wenn man das nicht gut durchgelesen, hat einfach „Ja“ ankreuzen musste“, meint sie. Sie selbst durfte wegen ihres kroatischen Passes nicht abstimmen. Sie fürchtet sich vor allem die Kontrollen. „Die wollen alles wissen, wohin wir gehen, mit wem wir schlafen und wo wir rauchen. Wenn das so weiter geht, wandere ich aus.

Johanna Jauernig

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