CSU-Urgestein über Münchens neuen OB: "Wirkliche Krisen werden kommen"
Natürlich hat er wieder keine Einladungen verschickt. Wenn Hans Podiuk Geburtstag hat, das Urgestein der Münchner CSU, dann weiß man das in seinem Freundes- und Kollegenkreis. Dann kommt man einfach vorbei in seinem Haus in Waldtrudering. 80 Menschen waren das zu seinem Siebzigsten, als er noch in Amt und Würden war – Freunde, Vereinskollegen und politische Weggefährten.
Heute nun wird der Rekord-Stadtrat und langjährige CSU-Fraktionschef 80 Jahre alt, ist seit über sechs Jahren raus aus dem politischen Geschäft. "Aber es wird nicht viel ruhiger", sagt er schmunzelnd, "ich gehe davon aus, dass auch dieses Jahr wieder Leute kommen."
Hans Podiuk wird 80: Ein CSU-Urgestein zwischen Rathaus und Ruhestand
An einem sonnigen Septembermittag sitzt er gut gelaunt und mit neuer, modisch-runder Brille in seinem Garten, nah am Wald, wo er am Morgen noch die Blumen gegossen hat. Den Cappuccino hat er selber aus der Küche geholt, seine Frau Hannelore stellt Wasser auf den Tisch.

Wie es ihm geht als Polit-Pensionär, kurz vor dem Jubeltag? "Mein Gott, 80", sagt er, "ich hadere schon ein bisserl mit der Zahl. In meiner Vorstellung in der Jugend sah das so aus, dass ich bis dahin keine Haare mehr hab und mit dem Hacklstecka herumlaufe. Stimmt Gott sei Dank nicht."
Er steht jeden Tag früh auf und schwingt sich auf den Hometrainer
Abgesehen von ein paar Zipperlein des Alters gehe es ihm gut. Er steht noch jeden Tag früh auf, schwingt sich auf den Radl-Hometrainer, liest die Zeitungen zum Frühstück, hält sich danach mit langen Waldspaziergängen fit. Auch die Wehmut des Abschieds aus dem Rathaus sei lange überstanden. "Mitmischen würde ich manchmal schon noch gern", sagt er lächelnd, "aber die Belastung würde ich heute nicht mehr tragen wollen."
42 Jahre, fast sein halbes Leben, hat der Diplomverwaltungswirt als ehrenamtlicher CSU-Stadtrat die Rathauspolitik mitbestimmt. 1978 noch unter dem schwarzen OB Erich Kiesl, dann während Rot-Grün in der Rathausopposition – und ab 2014 sechs Jahre lang im schwarz-roten Regierungsbündnis unter SPD-OB Dieter Reiter.
Das war, sagt er, "einer meiner Tiefpunkte"
In dieser Zeit führte er insgesamt 13 Jahre lang loyal die Fraktion, manövrierte sie durch viele Krisen, brillierte als einer, der Streit meisterhaft moderiert und in den Rathaushinterzimmern Kompromisse aushandelt. "Ein wandelndes Vermittlungsbüro" hat ihn der ehemalige CSU-Bürgermeister Seppi Schmid mal genannt.

Und das war längst nicht alles. Fast täglich, auch am Wochenende hielt Hans Podiuk Grußworte, Ansprachen und Reden. Bei 35 Vereinen, in denen er Mitglied ist, hat er sich regelmäßig sehen lassen, von den Trachtlern bis zur Feuerwehr. Und ein Mal, 2002, ist er – völlig aussichtslos – als Oberbürgermeisterkandidat für seine CSU eingesprungen, weil der vorgesehene Kandidat nach einem Plakatskandal mitten im Wahlkampf hingeschmissen hatte. Das war, sagt er, "einer meiner Tiefpunkte".
Wie er den neuen grünen OB Dominik Krause findet
Sein Rathaus-Abschied im März 2020 war leise, nicht einmal eine Feier gab es mitten im Lockdown. Und seine Ankündigung, leise zu bleiben und sich fortan nicht mehr in die Stadtratsarbeit einzumischen, hat Hans Podiuk wahrgemacht. "Ich gebe keine guten Ratschläge von der Seitenlinie", sagt er in seinem Garten – und schaut tiefenentspannt aus dabei. "Erstens fehlt mir der tägliche Flurfunk im Rathaus. Ohne das Hintergrundwissen kannst du nicht nachvollziehen, warum eine Fraktion zu einem Thema so oder so entschieden hat. Fanden die das richtig? Oder war es ein Retourschlag gegen jemanden, der einen vorher geärgert hat?" Zweitens? "Hätte ich mir das auch nicht gefallen lassen, dass mir ein alter Hase reinredet."

Wie er den neuen grünen OB Dominik Krause findet, dazu sagt er dann doch ein bisserl was: "Man muss ihm eine faire Chance geben, sich zu beweisen." Einen einfachen Start habe Krause nicht, bei den Sparmaßnahmen, die die Stadt gerade ergreifen muss. "Aber ein echtes Bild machen kann ich mir von ihm erst, wenn wirkliche Krisen kommen. Und sie werden kommen."
Über Nacht werde der Spardruck der Stadt sich dann verstärken
Man stelle sich nur mal das Szenario vor, dass "ein großes Autounternehmen in München so in die Schieflage gerät, wie andere deutsche Autohäuser es schon sind", sagt Hans Podiuk, dem als Verwaltungs- und Finanzexperte ein solider städtischer Haushalt immer wichtig war. Dann komme "von dort sehr schnell sehr viel weniger Gewerbesteuer". Über Nacht werde der Spardruck der Stadt sich dann verstärken.

"Was macht die Stadt", sagt Podiuk, "wenn es wirtschaftlich noch schlechter wird? Da musst du eine Idee haben, was du dann machst. Dafür hat der neue OB hoffentlich einen Notfallplan in einer Geheimschublade."
Falls sich übrigens jemand fürchtet vor den Memoiren, die das politische Urgestein schreiben könnte – auch über all die Strippenziehereien und Ränkespiele, die er erlebt hat, innerhalb und außerhalb seiner Partei. Podiuk bleibt dabei: "Es wird keine geben. Die müsste man ja Jahrzehnte unter Verschluss halten." Lieber arbeitete er an anderen Dingen. An Texten und Reden für den Bund der Steuerzahler, zum Beispiel, wo Podiuk noch immer Chef des Verwaltungsbeirats ist.
Zum 80. Geburtstag richtet die Stadt für Hans Podiuk einen Empfang aus
Und dann ist da noch diese Geschichte mit seinen Nachbarn. Hans Podiuk und seine Frau haben vor vier Jahren eine ukrainische Familie mit drei Kindern aufgenommen, nebenan in ihrer Einliegerwohnung. Das kleinste Geschwisterkind war damals drei Jahre alt. "Sie sind immer noch da und warten auf das Kriegsende in ihrer Heimat", sagt Podiuk.
Über die Zeit sei man vertraut geworden, längst mache er Hausaufgaben mit den Kindern, übe mit ihnen lesen, schreiben, rechnen. "Und Aufsätze schreiben", sagt er schmunzelnd, "das macht Freude."
Zum 80. Geburtstag richtet die Stadt für Hans Podiuk einen Empfang aus. Auf der Wiesn, in der Ratsboxe im Schottenhamelzelt. "Weil ich ja auch Ehrenbürger bin." Das freue ihn sehr, weil er dort wohl eine Reihe Gefährten aus seinem politischen Leben treffen wird.
Aber passt denn seine Lederhosn noch? Da lacht er schon wieder. "Die ist mir etwas zu groß geworden", sagt er, "ich komme da inzwischen etwas zu leichtgewichtig heraus." Noch so ein Vorteil des Pensionärslebens.
