CSD-Mahnwache für Berlin in München: "Wahnsinn, wie sich der Marienplatz gefüllt hat"
Der tödliche Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin hat auch in München eine Welle der Solidarität ausgelöst. Rund 4000 Menschen kamen am Montagabend zur Mahnwache auf den Marienplatz.
Darunter war auch Henry Frömmichen (27). Der Wahl-Münchner hat eine besondere Verbindung zu der Tragödie: Er war am Wochenende selbst beim CSD in Berlin dabei.
Wie er der AZ erzählt, war es sein allererster CSD in Berlin. Er hatte spontan nach einem Familienbesuch entschieden, die riesige Pride Parade in der Hauptstadt zu besuchen. "Ich wollte spüren und erleben, wie es in anderen Städten ist, und den CSD in der Bundeshauptstadt erleben." Dass es wenig später einen Anschlag, eine Tote, Verletzte, Mahnwachen in ganz Deutschland geben würde – konnte er zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen.
Vor dem Anschlag: "Ich hatte zu keiner Zeit ein schlechtes Gefühl"
Über seinen CSD-Besuch vor dem Angriff sagt der 27-Jährige: "Es war eine wunderbare Stimmung und viel größer als in München. Ich hatte zu keiner Zeit ein schlechtes Gefühl." Was ihm aber im Vergleich zur Veranstaltung in der Heimat durchaus aufgefallen war: "Die Polizeipräsenz und die Sicherheitsvorkehrungen habe ich bei uns in Bayern als intensiver und mehr wahrgenommen."

Er verlässt die Parade, noch bevor es zum islamistischen Anschlag kommt. "Ich war schon im Hotelzimmer und wollte ins Bett gehen. Als ich aus der Dusche kam, hat mein Handy pausenlos vibriert. Ich hatte schon 15 Anrufe in Abwesenheit und 20 bis 30 Nachrichten."
Eine Stunde vorher habe ich mich mit Freunden genau an der Stelle befunden
Als er auf diesem Weg erfährt, wo die Attacke passiert ist, muss er schlucken: "Eine Stunde vorher habe ich mich mit Freunden genau an der Stelle befunden." Sie hätten dort längere Zeit auf einen Freund gewartet und seien von dort aus auch zur U-Bahn aufgebrochen. "Man darf nicht darüber nachdenken", sagt er, spricht es dann aber doch aus: "Wenn er da schon reingefahren wäre ..."
"Gedankenkarussell, Herzrasen, ich war von der Rolle"
Abdul B. war am Samstagabend mit einem Auto in die Großveranstaltung gerast. Eine Frau wurde getötet, 31 weitere Menschen sind verletzt. Der Täter soll auch eine Machete benutzt haben.
Frömmichens Stimmung kippt von einem Moment auf den anderen: "Gedankenkarussell, Herzrasen, ich war von der Rolle. Natürlich ist man nicht persönlich betroffen, aber man denkt an Freunde und Bekannte: Geht es ihnen gut?"

Bereut er die Teilnahme, diese spontane CSD-Entscheidung? Nein. "Es kann immer etwas passieren. Deswegen nicht mehr hinzugehen, ist der total falsche Ansatz."
Warum er auf die Straße geht
Ihm ist wichtig, dass der CSD mehr ist als nur eine Party und ausgelassene Stimmung: "Man sollte immer im Hinterkopf behalten, warum man auf die Straße geht. Einerseits, um sichtbar zu sein für die freiheitlich-demokratische Lebensweise und andererseits, um für Menschen einzustehen, die es außer an diesem Tag das ganze Jahr über schwer haben, in unserer Gesellschaft nicht gesehen werden und nicht so frei sein können."
Frömmichen ist bewusst, dass die queere Gemeinschaft verwundbar ist: "Wir sind eine vulnerable Gruppe, wir stehen ganz präsent für die freie und selbstbestimmte Lebensweise ein." Die Statistiken etwa von Strong! zeigten, dass queerfeindliche Angriffe zunehmen.
Queerfeindliche Übergriffe werden mehr
Es handelt sich dabei um die LGBTIQ*-Fachstelle gegen Diskriminierung und Gewalt. Deren Zahlen zufolge gab es im Jahr 2024 in Bayern 289 queerfeindliche Übergriffe, das entspricht einer Zunahme von mehr als 80 Prozent gegenüber dem Jahr 2022 (159). Und im Jahr 2025 wurden noch mal mehr registriert: 413.
Aber das bestärkt Frömmichen bei der Antwort auf die immer wieder gestellte Frage, ob es CSDs überhaupt noch braucht. "Ja, natürlich braucht es CSDs. Man sieht ja, was alles passiert." Gleichzeitig kann er auch das teilweise Unverständnis in der Gesellschaft nachvollziehen, "weil beim CSD natürlich polarisiert wird und es auch Menschen gibt, die sich selbst darstellen wollen, um ihre persönlichen Interessen durchzusetzen".

Zurück in München hat er an der Mahnwache für Berlin teilgenommen. "Es war wunderschön. Es war Wahnsinn, wie sich der Marienplatz gefüllt hat." Die Polizei sei präsent gewesen, Poller waren aufgestellt. "Das hat ein Gefühl von Sicherheit gegeben."
Was ihn an der Mahnwache in Berlin gestört hat
Er hat den direkten Vergleich zur Mahnwache am Brandenburger Tor in Berlin, an der er ebenfalls vor seiner Heimreise teilnahm. Hier ist ihm negativ aufgefallen: "In Berlin ging es in eine links-extreme Richtung, die Polizei wurde zum Beispiel beschimpft. Das hatte mit Gedenken nicht viel zu tun, sondern es wurde instrumentalisiert."
Diese politische Vereinnahmung lehnt er ab: "Das fand ich an der Stelle grauenvoll. Es geht darum, der Opfer zu gedenken und zu trauern. Da hat Politik erst einmal keinen Platz. In München fand ich es im Gegensatz sehr schön." Auch wenn dort am Ende kurz linke, antifaschistische Rufe zu hören gewesen seien, diese seien aber schnell unterbunden worden, berichtet Frömmichen.

Der Münchner CSD-Geschäftsführer Alexander Kluge sagte: "Unsere ganze Solidarität gilt dem Berliner CSD und der queeren Community in Berlin. Heute trauern wir und wir stehen zusammen."
Münchens OB Dominik Krause (Grüne) ließ Regenbogenflaggen am Rathaus aufhängen. Er bezeichnete die Tat in einem Brief an seinen Berliner Amtskollegen Kai Wegner (CDU) als Anschlag "gegen die LGBTIQ+-Community und gegen unsere demokratische Gesellschaft".
So war die Veranstaltung in München
Frömmichen sagt am Dienstag: "Für mich persönlich war es schön zu sehen, dass es in meiner Heimatstadt so eine Solidarität gibt und eine Brücke von München nach Berlin geschlagen wird. Das war sehr bewegend und ergreifend."
Er wollte einst Priester werden, sorgte dann aber überregional für Aufsehen, weil er nach einem harmlosen Selfie mit einem Prince-Charming-Teilnehmer (ein homosexuelles Dating-TV-Format) nicht mehr weiter im Priesterseminar bleiben durfte. Mittlerweile ist er aus der Kirche ausgetreten und arbeitet als Bestattungsmeister.

