Click & Meet: Für Münchner Händler mehr Frust als Chance - mit Ausnahmen

Das Einkaufen nach Absprache ist angelaufen in der Stadt, auch kleine Boutiquen, Secondhand-Läden oder Antikhändler in den Vierteln machen mit. Wie viel bringt das? Die AZ hat mit sechs kleinen Händlern gesprochen.
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Christian Hacke in seinem "Living Colour"-Laden in der Hohenzollernstraße – umgeben von Gute-Laune-farbiger Frühlingsware.
Christian Hacke in seinem "Living Colour"-Laden in der Hohenzollernstraße – umgeben von Gute-Laune-farbiger Frühlingsware. © Sigi Mueller

München - Eine kleine Öffnung ist besser als keine Öffnung? Kommt drauf an, wie gut es läuft. Denn wenn der Umsatz auch nur ein kleines bisschen zu hoch ist, fallen die Hilfen flach – aber die Einnahmen reichen nicht zum (Über-)Leben.

Münchens kleine Händler in den Vierteln sind dennoch ins Experiment "Click & Meet" (Shoppen nach Terminabsprache) gestartet. Einige kommen bisher halbwegs gut durch die Krise, andere schlafen schlecht, weil ihnen die Puste bald ausgeht. Und wieder andere machen das Geschäft ihres Lebens. Die AZ hat sich umgeschaut.

Permanentes Rechnen und Herumkalkulieren: "So weit, so scheiße"

Gleich an der Eingangstür hat Christian Hacke einen kleinen Tisch aufgebaut, ein Zettel liegt drauf und ein Stift, mit dem man Name, Telefon und die Uhrzeit des Shoppingtermins einträgt fürs "Living Colour" in der Hohenzollernstraße. Wie zuletzt in den Restaurants, als die noch geöffnet waren.

Und, wie geht’s? "So weit, so scheiße", sagt Hacke nicht ganz ohne Frohsinn im Gesicht. Es sind ziemlich trübe Wochen gewesen, ein permanentes Rechnen und Herumkalkulieren. Wie viel von seinen Rücklagen, die eigentlich fürs Alter gedacht waren, muss er noch in sein Geschäft stecken? Wann langt’s nicht mehr für die Ladenmiete? Ein Großteil der Hilfsgelder für den ersten Lockdown sind erst im Oktober gekommen. Für den zweiten ist noch gar nichts da. Sowieso gibt es nur Hilfen für die Betriebskosten (wie Ladenmiete, Strom, Telefon), aber keinen Cent für die private Miete und all das andere.

Ein Segen also, dass seit Montag immerhin Termin-Shoppen wieder erlaubt ist, auch wenn’s noch langsam anläuft. "Die Leute kommen noch spärlich, weil sie sich nicht mehr auskennen, was eigentlich erlaubt ist und was nicht", sagt er. Ein Glück aber, dass er diese gute Lage und viel Luft im Laden hat. Man sieht von draußen, dass im Prinzip geöffnet ist, und dass es leicht ist, auch spontan einen Termin zu bekommen. Lange Schlangen sind nämlich nicht da.

Der Münchner Laden zeigt sich schon in Frühlingsfarben

Dabei glänzt der Laden schon ganz in heiteren Frühlingsfarben (die Winterware liegt natürlich unverkauft und verpackt im Lager). Neue coole Lampen und Stühle sind da, bunte Kissen und Obstschalen, Kaffeetassen und Frühlingskleider. Die Frühjahrsware hat Christian Hacke schon im Juli bestellen müssen. "Hätte ich die jetzt nicht abgenommen, müsste ich 20 bis 50 Prozent Stornogebühren zahlen." Auch keine Lösung. Ein Viertel eines Vor-Corona-Umsatzes hat die erste Click & Meet-Woche wohl gebracht. Hauptsache, nicht wieder zumachen müssen. Der Laden soll ihn ja bis zur Rente noch ernähren, das sind halt aber noch elf Jahre.

Living Colour Concept Store, Hohenzollernstraße 39, Termine: 089 39 56 61

Click & Meet im Secondhand-Geschäft: "Rücklagen und viel Glück"

Designer-Taschen aus zweiter Hand, aber mit Sicherheit Originale und supergepflegt – am Schaufenster von Sylvie Estners Secondhand-Geschäft "Taschenliebe" am Schwabinger Kurfürstenplatz haben sich in den Lockdown-Wochen Frauen sehnsüchtig die Nasen platt gedrückt. Vor allem Louis Vuitton gibt es hier (von der kleinen Speedy bis zur Keepall-Reisetasche), aber auch andere Labels, die ins Geld gehen. Hier bekommt man sie etwa ein Drittel unterm Neupreis.

Sylvie Estner in ihrem Edel-Secondhand-Geschäft „Taschenliebe“ am Kurfürstenplatz.
Sylvie Estner in ihrem Edel-Secondhand-Geschäft „Taschenliebe“ am Kurfürstenplatz. © iko

Online-Shopping ging hier all die Monate nicht. "Mach ich nicht", sagt Sylvie Estner, "meine Stücke müssen die Kundinnen ja anfassen können und anschauen. Da muss man auch dran schnuppern dürfen, wie soll das gehen über ein Foto und anonym im Internet?" Und wie soll sie denn die Geschichte einer Tasche erzählen können, wenn sie nicht mit der Kundin im Laden steht?

Bei Estner sind schon Hilfsgelder für die zweite Schließung ankommen

Kurzum, die Taschenliebe war komplett ohne Einnahmen in beiden Lockdowns, und dass Sylvie Estner noch immer gute Laune hat, liegt daran, dass bei ihr schon Hilfsgelder angekommen sind. Nicht für die erste, aber für die zweite Zwangsschließung. "Für Januar und Februar bekomme ich 90 Prozent der Betriebskosten wie Miete und Strom, die Hälfte ist schon da." Der Rest werde nach einer weiteren Prüfung ausgezahlt. Ihr persönliches Einkommen freilich ist weggefallen, da gibt es keine Hilfsgelder. Das ist hart für viele Händler.

"Aber ich habe Glück", sagt sie, "dass ich nach elf Jahren hier Rücklagen habe plus einen Mann, der für mich sorgt, bis ich wieder Geld verdienen darf." Seit einer Woche nun darf man mit Termin shoppen bei ihr – immer nachmittags (Mo-Sa, 14.30-18 Uhr). Draußen ist dann wie am Vormittag auch die Ladentüre zu. Aber wer sich am Schaufenster die Nase platt drückt, ruft einfach das neue Ladenhandy an, dessen Nummer in der Türe hängt. Wenn gerade kein Kunde drinnen ist, gibt’s einen Termin auch sehr schnell.

Taschenliebe – Second Hand, Belgradstraße 3, Termine: 0152/ 37 23 19 98

 

Seit einem Jahr fließt Erspartes ins Geschäft: "Ich muss noch durchhalten"

"Taschenliebe"
"Taschenliebe" © Sigi Mueller

"Gerade weiß ich nicht, wie es weitergehen soll", sagt Bärbel Weinert. Seit 41 Jahren hat sie ihre Damenmodeboutique Bärbel Moden, seit bald zehn Jahren am jetzigen Standort in der Balanstraße. Seit gut einem Jahr, seit dem ersten Lockdown, fließt ihr Erspartes ins Geschäft. Im vergangenen Frühjahr bekam sie 5.000 Euro Hilfe, seitdem nichts mehr. Doch die Unkosten bleiben. Miete, Ware, Steuer – für einige fixe Posten konnte sie immerhin Stundungen vereinbaren. "Auf der Winterware ist man größtenteils sitzengeblieben", sagt sie. "Mein Lager ist voll."

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Die Businessfrauen unter ihren Kundinnen sind im Homeoffice und brauchen gerade nicht viel. "Und wenn, nur Oberteile", sagt Weinert. Immerhin die Frühjahrsware, die normalerweise im Februar geliefert wird, konnte etwas nach hinten geschoben werden. Ebenso die Zahlungsfristen dafür. "Aber irgendwann muss man ja zahlen", sagt Weinert. "Das dicke Ende", so glaubt sie, komme noch, "die Großhändler sind ja auch betroffen". Allein im Dezember hatte sie durch die Schließung 60 Prozent weniger Umsatz, sagt Weinert, seit Click & Collect (bestellen und abholen) sind es 50 Prozent weniger. Click & Meet funktioniere so gut wie gar nicht. Was helfen würde?

Nur eine Kundin darf ins Geschäft

So schnell wie möglich ganz normal aufmachen. Natürlich mit den üblichen Hygienemaßnahmen. "Es darf ohnehin nur je eine Kundin in meinen Laden", sagt sie. Weinert hofft auf den Sommer, und dass dann wieder mehr Laufkundschaft kommt. Sie hat ernsthaft ans Aufhören gedacht. "Aber ich will und muss noch ein bisschen durchhalten."

Bärbel Moden, Balanstraße 13, Termine: 089 4484685 oder 0170/2722322

Über 40 Jahre hat Bärbel Weinert ihr Geschäft in Haidhausen.
Über 40 Jahre hat Bärbel Weinert ihr Geschäft in Haidhausen. © my

"Manche nennen mich Krisengewinnler"

In die offene Eingangstür des Kult-Antiquitätenladens "Antik 92" in der Türkenstraße hat Florian Mühlbauer beherzt einen aufgespannten Regenschirm gelegt. "Geschlossen", steht da drauf – aber nur, damit die Kundschaft nicht hereinrumpelt, ohne sich bitte mit Termin angekündigt zu haben. Man kann es kaum glauben, aber während drinnen ein älterer Herr in den alten Goldmünzen stöbert, klingelt nonstop das Telefon, draußen winken Passanten über den Schirm herein, "bei mir ist die Hölle los", sagt der Antiquitätenhändler, "Mails, Telefon, Ebay, Onlineshop, es brummt noch viel mehr als vor Corona."

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Äh, wie das? "Die einen haben die Lockdown-Wochen genutzt, um die Häuser ihrer verstorbenen Großeltern auszuräumen, und bringen mir jetzt die Sachen", sagt er, "die anderen haben Geld übrig zum Einkaufen, weil sie es ja Monate nicht ausgeben konnten." Ergibt Sinn. Aber das ist es nicht allein. Florian Mühlbauer (seit 40 Jahren im Geschäft) hat vor Jahren schon erkannt, dass ein Laden allein nicht sein Überleben sichert – auch wenn er in der quirligen Türkenstraße in der Maxvorstadt liegt. Und dass die Zukunft des Antiken im Internet zu finden ist. "Wer sich nicht bewegt hat, geht jetzt unter", sagt er, "schon deshalb wird es viele im Viertel derbröseln."

Vermieter kommt mit der Miete nicht entgegen

Er habe nicht jetzt in der Krise einen Webshop aufbauen müssen für Raritäten zwischen alten Armbanduhren, Fotografien aus Hollywood und Meißner Porzellan. "Mein Ebay-Shop lief einfach vorher schon. Und jetzt nennen mich manche Kollegen Krisengewinnler." Sei’s drum, bleibt ihm eh nichts anderes übrig, als zu gewinnen. Sein Vermieter jedenfalls ginge keinen Cent herunter von den rund 3.000 Euro, die der Laden monatlich verschlingt. Also auf geht’s, weitermachen.

Antik92 (Ebay: Starshine1000), Türkenstraße 92, Termine: 089 280 96 94

Florian Mühlbauer in seinem "Antik92"-Geschäft in der Türkenstraße.
Florian Mühlbauer in seinem "Antik92"-Geschäft in der Türkenstraße. © Sigi Mueller

"Ich habe total draufbezahlt"

"Ich habe gewusst, dass ich raus muss, wegen des Umbaus vom Gasteig", sagt Christine Janik gleich zu Beginn. Aber: "Bis zum Sommer hätte man noch bleiben können." Durch Corona und den Lockdown kam alles anders. Ihr Laden im Gasteig, Janik & Janik, in dem sich seit 2005 neben Papeterie, auch Geschenke, Spielwaren, Dekoration und vieles mehr fanden, ist geschlossen. Was sich in Corona-Zeiten gezeigt habe: "Wenn im Haus nichts mehr stattfindet, ist auch nichts mehr los", sagt sie. "Wir haben uns schon hauptsächlich von der Klientel gespeist, die da ein- und ausgegangen ist."

Gähnende Leere: Der Laden von Christine Janik im Gasteig ist geschlossen.
Gähnende Leere: Der Laden von Christine Janik im Gasteig ist geschlossen. © my

Personal und Besucher des Gasteigs, der Volkshochschule und der Philharmonie. "Schlimm hat es uns getroffen, als nach dem ersten Lockdown auch die Gastronomie am Gasteig nicht mehr aufgemacht hat", sagt Janik. So blieb auch der Sommer, der es hätte ein wenig rausreißen können, schwierig. "Da war rundherum tote Hose. Ich habe total draufbezahlt." Und trotzdem: "Ich hatte noch Glück im Unglück", sagt Christine Janik. Sie hat ein anderes Geschäft übernehmen können, "und da bin ich systemrelevant". Janik führt nun den Sollner Schreibladen weiter, auch wenn sie vieles vom alten Sortiment hier leider nicht unterbringen kann. Immerhin: Der Onlineshop des alten Ladens läuft erst einmal weiter.

Lockdown: "Eine Katastrophe für alle, die selbstständig sind"

"Die Schließung kurz vor Weihnachten war eine Katastrophe", sagt Margareta Tannenbaum. "Das ist die wichtigste Woche im Handel, im Spielwarenhandel ganz besonders." Tannenbaum hat in Haidhausen seit 13 Jahren das Spielwarengeschäft "Sapino – Spiel, Sport und Therapie". Kuscheltiere, Holzspielzeug oder Frisbee-Scheibe, hier gibt’s alles, was das Kinderherz begehrt. Doch wie der Name verrät, geht es bei ihr nicht nur um Spielzeug, sie ist auch Sporttherapeutin: "Den größten Teil des Umsatzes mache ich zum Glück mit der Praxis, die ich daneben aufgebaut habe", sagt sie. Tannenbaum bietet Rückenschule, Rehasport und Ähnliches an: "Doch auch da darf ich gerade fast nicht arbeiten."

Bunt ist das Reich von Margareta Tannenbaum. Kinderträume werden hier sicher wahr.
Bunt ist das Reich von Margareta Tannenbaum. Kinderträume werden hier sicher wahr. © my

Münchner Händlerin: Click & Meet wird nicht angenommen

Ohne die Hilfe von Familie und Freunden "wäre ich jetzt schon pleite", sagt sie. Click & Meet werde nicht angenommen. "Die Leute haben sich einfach an das Online-Einkaufen gewöhnt." Wie der Lockdown gehandhabt wird, findet sie "eine Katastrophe für alle, die selbstständig sind". Im Frühjahr bekam sie 5.000 Euro, danach nichts mehr. "Mit diesem Mischbetrieb falle ich einfach durchs Raster."

Ein paar Angebote konnte sie auf Online-Kurse umstellen. "Diese paar Einnahmen waren dann zu viel." Zugleich reichen sie nicht, um geschäftliche und private Kosten zu decken. Dafür müssen Rücklagen aufgebraucht werden. Die ganze Zeit zuzubuttern ohne Einkommen, das gehe nicht mehr auf Dauer. Sie hofft daher auf baldige Öffnungen – natürlich unter AHA-Regeln. "Ich arbeite schon seit März nur mit FFP2-Maske", sagt sie. "Denn ich mag das, was ich tue."

Sapino – Spiel, Sport und Therapie, Balanstraße 10, Termine: 0174/7858154

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