Christian Ude: "Unter uns: Es waren gute 70 Jahre"

Christian Ude ist mit der AZ aufgewachsen, hat oft für sie geschrieben – und als Oberbürgermeister auch mal unter ihr gelitten. Hier zieht er eine persönliche (und versöhnliche) Bilanz.
| Christian Ude
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AZ-affin: Christian Ude als Leser – und als AZ-Verkäufer bei einem Fest zum 50-jährigen Bestehen.
Ralf Hirschberger/dpa/AZ-Archiv/AZ AZ-affin: Christian Ude als Leser – und als AZ-Verkäufer bei einem Fest zum 50-jährigen Bestehen.

München - Immer wieder außer sonntags kommt die Erinnerung: Richtig, der Tag beginnt mit der AZ! Schon in aller Herrgottsfrüh' liegt sie vor der Tür. Dass das nicht so selbstverständlich ist, wie wir Leser finden und verlangen, bekamen wir 2014 zu spüren.

"Unsere" Abendzeitung, unsere tägliche Portion München-Gefühl, unser täglicher "Hallo-wach"-Weckruf mit einer kleinen Überdosis an Aufregung und Klatsch, unser täglicher Adrenalin-Stoß mit seiner Mischung aus kulturellem Interesse und politischer Aufregung hätte ja auch von der Bildfläche verschwinden können. Ein Horror-Gedanke!

Aber das Ende war nur nah, fand dann doch nicht statt. Wir sind noch einmal davongekommen. Nicht ungerupft, aber schon noch quicklebendig. Puh, das war knapp. Manches blieb auf der Strecke, vor allem die Größe der Redaktion, auch namhafte Journalisten wie die fabelhafte Angela Böhm im Maximilianeum. Aber das Blatt blieb, und der Lokalteil, der in anderen Zeitungen nach hinten gerutscht ist, als ob München nichts Besonderes wäre, hat sich sogar auf die allerersten Seiten vorgekämpft.

Die AZ bildet sich nicht ein, dass München der Nabel der Welt sei, aber sie weiß halt aus 70 Jahren Lebenserfahrung, dass es so ist. Mir geht das übrigens genauso. Also München. Nicht nur als Erscheinungsort (was für ein feierliches Wort: Ort des Erscheinens,), sondern auch als unerschöpfliches Lebensthema. Und von dem versteht die AZ was.

70 Jahre, 70 Schlagzeilen: Was München bewegte

Sie ist des Bayerischen mächtig, nicht nur des Dialekts, sondern auch der Sicht- und Lebensweise, die der Herr Hirnbeiß, vom Leben und von Franziska Bilek gezeichnet, wunderbar grantelnd auf den Punkt bringt. Und sie kennt das Münchner Lebensgefühl, das schon mal gerne Sterne an die Hochkultur vergibt, aber auch in der gut erträglichen Seichtigkeit des Lebens gut zurechtkommt.

Und sie hat ein Faible für Schwabing, zumindest dafür, wie es einmal war. Wie hat die AZ Jahrzehnte lang die Leopoldstraße als Catwalk für Schwabinchen aller Art gepriesen, für den Erhalt des Leopoldpark und der Seidl-Villa plädiert, für die Freihaltung der Münchner Freiheit gekämpft. Chapeau!

Dort, auf der Münchner Freiheit, wurde ihrem Verlegenheitslösung-Filmkritiker Helmut Fischer sogar ein Bronze-Denkmal gesetzt – nicht direkt wegen seiner AZ-Rezensionen, sondern wegen seiner Kult-Rolle als allseits geliebter ewiger Stenz, als Monaco-Franze halt.

Aber er hat in der AZ karge Jahre lang über das Geschehen in Münchens Kinos geschrieben – und ist nicht der einzige AZ-Mitarbeiter (und auch nicht der einzige Stenz), dem ein Denkmal gesetzt wurde: Sigi Sommer bekam seines auf halber Strecke zwischen dem Rathaus und dem damaligen AZ-Haus in der Sendlinger Straße, wo er so gerne flanierte und im Gehen Hof hielt.

Seine AZ-Kolumne "Blasius der Spaziergänger" ist ins kollektive Gedächtnis der Stadt eingegangen. Seine Kindheit in Sendling und in den Isar-Auen, seine Schauplätze wie Hinterhöfe, Vorstadtkneipen, Badeanstalten, Tennisplätze, Biergärten und Faschingshochburgen sind gegenwärtig und lebendig geblieben.

Ein Mitschüler klärte auf: "Der Ponkie ist ein Weib!"

Von den allerersten Jahren der jetzt 70-jährigen AZ habe ich als nur geringfügig älterer naturgemäß nur wenig mitbekommen, als Schüler aber dann schon eine ganze Menge. Ein Großteil des Lebens spielte sich damals im Kino ab, so wie später im Fernsehen und jetzt im Netz.

Was man anschauen sollte, erfuhren wir von Ponkie in der AZ. Ponkie schrieb so frech, so witzig, so respektlos, so wortschöpferisch, dass wir uns hinter diesem Pseudonym nur einen aufmüpfigen jungen Mann vorstellen konnten, wie wir nach dem Abitur auch einer werden wollten.

Eines Tages fing ein Mitschüler an, in der Klasse herum zu prahlen, dass er Ponkie auf einer Party kennengelernt habe, dass das ein "dufter Typ" sei, dass der alle Leute vom Film kenne und dass er mit dem zusammen die tollsten Filmsternchen aufreißen könne, demnächst bei den Festspielen in Cannes, wo sich die heißesten Hasen Europas versammeln.

Das klang zwar sehr übertrieben, irgendwie neidisch waren wir aber doch. Bis eines Tages ein besonders neidischer Mitschüler in den Unterricht hineinstürmte, mit der neuesten AZ herumfuchtelte und hämisch in die Klasse rief: "Der Ponkie ist ein Weib!" Zum Unglück unseres Sternchen-Jägers hatte die AZ alle ihre Redaktionsmitglieder erstmals mit Bild vorgestellt. Ende einer Legende.

Jahrzehnte später saßen meine Frau und ich oft mit Ponkie und ihrem damaligen Kritiker-Adlatus Helmut Fischer zum sonntäglichen Frühstück auf der Münchner Freiheit, ihren 90. Geburtstag feierten wir bei uns im Keller. Aber nach Cannes durfte ich sie nie begleiten.

OB Ude und die AZ: Zweimal hat's gekracht!

Vor einem halben Jahrhundert, im berühmt-berüchtigten 1968er-Jahr, arbeitete ich bei der "Süddeutschen Zeitung" und lernte den AZ-Lokalteil von seiner besten Seite kennen, als Schutzpatron für bedrängte Journalisten. Ich hatte gerade in einer Schwabinger Kneipe ein Interview mit dem Bürgerschreck Fritz Teufel aus Berlin begonnen, da rückte der Wirt mit einigen seiner Stammgäste an und warf uns gewaltsam hinaus, mir erteilte er sogar Hausverbot mit den Worten: "Wer mit dem Teufel kommt, ist selber einer!"

In der "SZ" durfte ich darüber nicht berichten, weil es sich für Mitarbeiter der bürgerlichen Presse nicht gehöre, sich mit "solchen Leuten" an einen Tisch zu setzen. Das erzählte ich in der gemeinsamen Handsetzerei den Kollegen der AZ - und die brachte einen riesigen Artikel samt einem gepfefferten Kommentar, wie schlecht es um die Liberalität in dieser ach so liberalen Stadt bestellt sei. Jetzt, 50 Jahre später, berichtete auch die "SZ" in ihrem 1968-Rückblick über den Vorfall. 50 Jahre Vorsprung – das ist doch was!

Den Vorschlag der SZ-Chefredaktion, doch gleich zur AZ zu gehen, habe ich aber erst später realisiert, nebenbei als OB: mit der Samstags-Kolumne "Unter uns", die sich immerhin viereinhalb Jahre gehalten hat, von Oktober 2003 bis April 2008. Kein einziges Wort ist gestrichen, kein Thema ausgeredet worden: ein Hoch auf die Meinungsfreiheit! Also nur Friede, Freude, Eierkuchen? Fast.

Denn wenn es in 24 Bürgermeister-Jahren nur zweimal rumpelt, ist das wahrlich selten. Das eine war die Kampagne der AZ gegen die Tram im Englischen Garten, die sich so anhörte, als solle künftig der ICE durch die Liegewiesen fahren. Dabei hatte sogar Ministerpräsident Seehofer ein Einsehen, als er gegen Ende seiner zehnjährigen Amtszeit in der Staatskanzlei am Rande des Englischen Gartens erstmals einen Ortstermin im Englischen Garten machte und verblüfft feststellte, dass auf der geplanten Tramtrasse ja heute schon eine Straße mit Busverkehr verläuft. Aber seine Minister, die das verschnupft anhören und akzeptieren mussten, haben nach seinem Abgang eine abermalige Kehrtwende gemacht und sind jetzt wieder dagegen. So ist jetzt noch gar nicht ausgemacht, ob sich das Trambahn-Netz oder die Trambahn-Gegner durchsetzen.

Klarer liegt da schon der zweite Konfliktfall, in dem die AZ buchstäblich einige Wochen lang – als einzige Zeitung Münchens, während alle anderen nach gründlichen Recherchen den Kopf schüttelten – einen Umweltskandal mit tödlichen Folgen behauptet hat, der von A bis Z frei erfunden war, von einem Schulmeister, der Fehlalarm gegeben hatte.

Es gab niemals den Krater, auf den angeblich eine Schule gebaut worden war, es gab niemals eine Müllgrube an diesem Ort, niemals Arsen und Quecksilber, Blei und Zink, niemals Ausdünstungen von Schadstoffen und niemals die behauptete Krebsserie – aber tatsächlich nach den entsprechenden AZ-Schlagzeilen "Wut, Angst und Entsetzen" in der Stadt, wie die Zeitung stolz meldete.

AZ: Stets für Toleranz – und gegen rechte Ressentiments

Damit will ich nicht in alten Wunden rühren, aber schon darauf hinweisen, dass auch eine sehr geschätzte und gemochte Zeitung nicht unfehlbar ist – und dass es gut ist, wenn es in einer Stadt mehrere Zeitungen gibt, die sich wechselseitig korrigieren. Mögen sie uns erhalten bleiben!

Liebe AZ! 70 ist kein Alter, um sich zurückzuziehen und Ruhe zu geben. Erhebe weiterhin Deine Stimme – für München und Münchner Lebensart, für Lebensfreude und gegen Skandale und Affären, für Toleranz und gegen rechte Ressentiments!


Der Jurist und Journalist Christian Ude war von 1993 bis 2014 Oberbürgermeister von München.

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