Interview

Christian Ude: "Makaber, wie tot die Stadt ist"

Alt-OB Christian Ude spricht zum Jahresende in der AZ über sein Leben als Teil der Risikogruppe, Sorgen um sein München-Gefühl, die Corona-Demonstranten - und ein bisserl Hoffnung für seine SPD.
von  Felix Müller
Plötzlich sehr viel daheim - da bleibt auch Zeit, um selbst zu kochen: Christian Ude in der heimischen Küche.
Plötzlich sehr viel daheim - da bleibt auch Zeit, um selbst zu kochen: Christian Ude in der heimischen Küche. © Daniel von Loeper

München - AZ-Interview mit Christian Ude: Der 73-jährige SPD-Politiker ist gebürtiger Schwabinger. Er war von 1993 bis 2014 Oberbürgermeister.

AZ: Herr Ude, schon durch Ihr Alter gehören Sie zur Risikogruppe. Was macht das mit Ihnen?
CHRISTIAN UDE: Ich habe das nicht als sehr beunruhigend empfunden, weil ich mich von Anfang an ganz streng an die Regeln gehalten habe. Meine Frau, die noch einer höheren Risikogruppe angehört, hat das erst recht. Wir haben Kontakte, Begegnungen, das Pflegen von Freundschaften vermisst. Aber wir haben durchaus auch genossen, unendlich Zeit füreinander zu haben. Das war das erste Mal seit meiner Schulzeit der Fall.

"Nicht nach Mykonos, das war für mich der schwerste Verzicht"

Sie sprechen Freundschaften an, haben Sie die auch über Videokonferenzen zu pflegen gelernt?
Nein, im Privaten habe ich das nicht gemacht. Aber im Ehrenamtlichen. Ich bin ja in vielen Stiftungsvorständen und Beiräten, Kuratorien. Da macht man das nur noch. Und das finde ich extrem praktisch, aber auch anstrengend - und menschlich nicht befriedigend. Technische Daten, Zahlen, Fakten kann man austauschen, Termine vereinbaren, all das geht praktisch. Aber es ist einfach nicht dasselbe wie die persönliche Begegnung.

Sie hätten sich wahrscheinlich nicht vorstellen können, als Rentner einmal einen ganzen Herbst nicht auf Mykonos zu sein. Wie war das?
Das war der schwierigste Verzicht. Wir haben München nicht verlassen. Andererseits war das Jahr davor für uns ein extremes Reisejahr mit ganz vielen Veranstaltungen, Lesungen, kabarettistischen Auftritten. Darauf folgte jetzt ein Ruhejahr. Ich konnte das gut aushalten. Aber Künstlerfreunde, die davon leben und deren Lebenselixier es ist, auch psychologisch, auftreten zu können, kommunizieren zu können, Resonanz zu haben, Texte und Stücke testen zu können, für die war es wirklich ein brutales Jahr.

Was fällt Ihnen auf Schwabings Straßen im Lockdown auf, was machen die Einschränkungen mit Ihrem Stadt-Gefühl?
Es ist eine sonderbare Situation, die wir noch nie erlebt haben. Im Sommer haben wir die Schanigärten wirklich schamlos genossen. Wir hatten hier gleich fünf, sechs in der direkten Reichweite. Es war ein heller Genuss, Biergarten-Atmosphäre um die Ecke zu haben und auf der Straße das Münchner Leben zu genießen. Jetzt, mit dem zweiten Shutdown, ist schon makaber, wie tot die Stadt wirkt.

Was war vergleichbar?
Ich kannte als Kind die Ruinenlandschaft, aber da war klar, die Häuser sind zerstört, man muss wahnsinnig die Ärmel hochkrempeln, dass es wieder eine richtige Stadt wird. Aber eine richtige Stadt, die trotzdem tot ist - sowas habe ich noch nie erlebt.

Wie groß ist Ihre Sorge um die Struktur in den Stadtvierteln, dass zum Beispiel die kleinen Münchner Buchläden reihenweise sterben?
Um die Buchläden hat es mir jetzt sehr weh getan im Dezember. Ich rege mich ja eh schon gerne über die Lieferdienste auf. Wenn man im Erdgeschoss wohnt wie ich, wird man ja fünf Mal am Tag rausgeklingelt, um irgendeinen USB-Stick für irgendeine Mietpartei anzunehmen.

So schlimm wie in diesen Wochen war es wahrscheinlich noch nie mit dem Rausgeklingeltwerden, oder?
So schlimm war es noch nie! Irgendwer braucht offenbar immer noch eine DVD. Und alle Boten klingeln schamlos einfach im Erdgeschoss. Dass man das jetzt auch noch unterstützen muss, indem man Bücher zum Liefern bestellt, weil der Buchhandel nicht offen ist, das tut doppelt weh. So wird man zum Mittäter eines unerwünschten Strukturwandels, den ich gerade bei Buchhandlungen sehr bedauere.

Heuer hat Ihr Schwabinger Stammlokal zugemacht, die Friesische Teestube am Pündterplatz. Wie oft haben Sie in diesem Jahr gedacht: Mei, die Teestube fehlt?
Oft. Immer wenn ich mich mit Journalisten verabrede zum Beispiel. Wenn die fragen, ob es eine Möglichkeit gibt, mich in meiner Nähe zu treffen, dann muss ich sagen: Die gab es. Sie war traumhaft, aber das ist zu Ende. Und ich fürchte, dass man das noch über viele kleine Läden sagen wird. Neben Buchhandlungen zum Beispiel auch viele kleine Restaurants, die den Sommer gerade noch gemeistert haben mit Essen to go und Schanigärten. Aber jetzt - in einem der wichtigsten Konjunkturmonate - total leeres Haus haben.

Sie klingen nachhaltig besorgt um die Münchner Struktur.
Das war ich am Ende des Sommers nicht, da habe ich gestaunt, wie clever viele über die Runden gekommen sind. Aber jetzt, die zweite Welle, die ist in ihren strukturellen Auswirkungen wirklich sehr bedenklich.

Was ist Ihre Botschaft an die Corona-Demonstranten? Haben Sie ein gewisses Verständnis?
Nein. Die Demonstranten sind doch letztlich pro Corona. Wer einem Virus eine freie Entfaltung wünscht, ist kein Anti-Corona-Demonstrant, sondern ein schwachsinniger Pro-Corona-Demonstrant. Er schafft dem Virus freie Bahn. Das ist geradezu aberwitzig bei den Infektions- und Todeszahlen, die wir jetzt täglich um die Ohren gehauen bekommen.

Das Rathaus wird jetzt wieder Grün-Rot regiert. Wo sehen Sie Unterschiede zu den Ude-Rot-Grün-Jahren?
Die Gewichte haben sich verschoben. Früher war es fast ein Verhältnis von 4:1 zugunsten der SPD, jetzt sind die Grünen der stärkere Partner. Das wirkt sich natürlich am sichtbarsten bei Personalentscheidungen aus. Aber es wird sicher auch bei Umweltfragen sogar eine positive Rolle spielen. Bei finanzpolitischen Fragen aber eher negativ. Und die Grünen setzen sehr ausschließlich auf Klima- und Umweltthemen und haben für die sozialen Aspekte nicht dieselbe Sensibilität wie die SPD.

Jetzt zeichnet sich eine große Haushaltskrise deutlich ab. Wenn Sie das sehen: Sind Sie froh, noch in den fetten Jahren regiert zu haben, als man so richtig Geld ausgeben konnte?
Das ist eine retrospektive Sicht, die nur das letzte Jahrzehnt im Auge hat. Rot-Grün musste 1990 mit dramatischen Sparentscheidungen beginnen, hat viele Durststrecken gehabt, zum Beispiel wegen der Deutschen Einheit oder der Auswirkungen der Steuerpolitik - und dann noch einmal die Auswirkungen der Finanzkrise 2008. Uns ging es zeitweise schon finanziell sehr schlecht und wir mussten sparen, weshalb mich auch manchmal geärgert hat, dass dieser Sparzwang im Nachhinein geleugnet wurde und so getan wurde, als ob diese fetten Jahre zwei Jahrzehnte gedauert hätten.

"Die Absage der Wiesn? Keiner ist deshalb psychisch abgestürzt"

Aber?
Aber die letzten Jahre waren finanziell durch die Gewerbesteuereinnahmen natürlich gute Jahre für die Stadtkasse. Das wird jetzt mit einer Dramatik anders, die, glaube ich, noch nicht bei allen Stadtrats-Mitgliedern angekommen ist.

Was sagen Sie denen: Auf welche Ausgaben kann die Stadt gut verzichten?
Gut verzichten, ist immer leicht gesagt, weil einem manche Lebensbereiche näher sind und andere ferner. Aber für die betroffene Bevölkerungsgruppe ist jede Kürzung schmerzhaft. Trotzdem habe ich auch meiner Fraktion kürzlich gesagt: Unabweisbare Investitionen sollte man nicht auf die lange Bank schieben, weil sie nur noch teurer werden. Aber neue Investitionen sollte man sich noch einmal überlegen, weil der Betrag natürlich anderswo eingespart werden muss. Die Kürzungen werden dramatisch sein.

Sie haben die Lieblingsthemen der Grünen angesprochen. 2019 sind Zehntausende Münchner für mehr Klimaschutz auf die Straße gegangen. Ist das 2021 wieder denkbar - oder werden die ökonomischen Sorgen so groß, dass Öko-Themen nicht mehr die Präsenz bekommen?
Ich hoffe, dass man die gewonnenen Einsichten nicht verdrängt. Aber natürlich wird es eine schärfere Konkurrenz geben zu Themen wie den Corona-Hilfen.

Blicken wir noch mal auf 2019. Die Wiesn fiel aus. Ist das im Rückblick gar nicht wichtig, weil so viel andere, ernstere Fragen anstehen?
Wir haben es maßlos übertrieben. Das ist schon ein Schicksalsschlag, der zu verkraften ist.

Ist das eine Erkenntnis dieses Jahres: Es gibt doch Wichtigeres als die Wiesn?
Ja. Der Ausfall muss nicht nur verkraftet werden, er ist verkraftet worden. Keiner ist nervlich durchgedreht oder psychisch abgestürzt. Natürlich ist es schade, wenn etwas Schönes nicht stattfindet, aber ich habe es satirisch mal so beschrieben: All die Leute, die mir seit Jahren in den Ohren liegen, dass die Wiesn nicht mehr schön ist und sie da jetzt wirklich nicht mehr hingehen, haben zum Zeitpunkt der Absage erklärt, dass da eine Welt zusammenbricht.

Ihr Gefühl: Kommt die Wiesn, wie wir sie kennen, zurück? Vielleicht sogar schon 2021?
Ich glaube, wenn überhaupt, wird die Wiesn 2021 unter vielen Auflagen stattfinden. Ich glaube nicht, dass Corona im Sommer aus der Welt ist.

Dieses Jahr ist der große Hans-Jochen Vogel gestorben. Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?
Im Januar oder Februar haben wir uns noch mal zu einem unserer regelmäßigen Treffen der Ehepaare im Augustinum verabredet. Wir haben den Geburtstag meiner Frau und seinen Geburtstag gefeiert.

Haben Sie ihn da noch mal erlebt wie eh und je?
Ja. Putzmunter! Er erzählte, welche Spitzenpolitiker der SPD ihm die Aufwartung machen, ihn besuchen, seinen Rat einholen. Er war vollkommen klar. Die Beine machten nicht immer, was sie sollten, aber das Gedächtnis war so präzise, der politische Wille zur Einflussnahme so deutlich wie in all den Jahren zuvor. Es war unglaublich.

"Ich habe mir vorgenommen, seltener nach Berlin zu fahren"

Stichwort SPD: 2021 wird wieder der Bundestag gewählt. Werden Sie im Wahlkampf mitmischen wie 2017?
Einige Kandidaten aus München, dem Umland und Bayern haben mich schon gebeten. Ich werde mich wieder engagieren, das ist klar, aber man muss erst abwarten, ab wann wieder richtige analoge Veranstaltungen möglich sind. Ich würde nicht zweistündige Bahnfahrten auf mich nehmen, um dann vor 25 Leuten zu sprechen.

Irgendein Anlass zur Hoffnung, dass das eine gute Wahl für die SPD werden könnte?
Ich habe die Hoffnung, dass der Abwärtstrend gestoppt werden kann. In München bin ich sehr, sehr angetan von der Stadtratsfraktion und ihrem Auftritt, dem Stil und den Themen. Ich hoffe, dass es auch sonst in Bayern noch einen Prozess gibt. Nach der Halbierung einer Partei kann man nicht sagen: Weiter so!

Und im Bund?
Ich glaube, dass Olaf Scholz ein überzeugender Kandidat ist. Aber viel entscheidender als der Spitzenkandidat ist die Verfassung der SPD insgesamt, die aufhören muss, den Abschied von über der Hälfte der Wähler einfach hinzunehmen. Sie hat viel Vertrauen verloren in den letzten Jahren.

Worauf freuen Sie sich am meisten 2021? Auf ein bisschen Normalität? Oder doch auf Mykonos?
Schon auf Normalität. Dass das Kulturleben nicht nur von der Erinnerung lebt, sondern vom aktuellen Geschehen auf der Bühne bei Konzerten, in Theatern, auf Kleinkunstbühnen. Unser Reiseverhalten wird sich sicher ändern. Ich habe mir auch vorgenommen, nicht mehr so oft nach Berlin zu fahren, sondern Besuche zusammenzufassen. Ich glaube, so geht es vielen Leuten. Dass man den Massenkonsum von Flugangeboten und langen Bahnfahrten skeptischer gegenübersteht als früher. Es soll nicht genauso werden, wie es vorher war. Sondern wieder besser, aber mit den Einsichten von 2020.

Das heißt, Sie fliegen seltener nach Mykonos und bleiben dann lieber länger da?
Richtig, ja.