Christian Springer: "Herr Straubinger, entschuldigen Sie sich!"

Der Kabarettist Christian Springer ist entsetzt über die Äußerung des Parlamentarischen Geschäftsführers der CSU, der Flüchtlinge nach Syrien abschieben will, und schreibt ihm in der AZ.
| Natalie Kettinger
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Dieses Bild ist vergangenen Donnerstag in einem Flüchtlingslager an der syrisch-jordanischen Grenze entstanden: Die Bundeswehr hat drei Feldküchen aufgestellt, Christian Springer erklärt den Flüchlingen, wie man damit kocht.
Orienthelfer e.V. 2 Dieses Bild ist vergangenen Donnerstag in einem Flüchtlingslager an der syrisch-jordanischen Grenze entstanden: Die Bundeswehr hat drei Feldküchen aufgestellt, Christian Springer erklärt den Flüchlingen, wie man damit kocht.
Christian Springer mit syrischen Kindern in einem Flüchtlingslager in Jordanien.
Orienthelfer e.V. 2 Christian Springer mit syrischen Kindern in einem Flüchtlingslager in Jordanien.

München/Berlin - Krieg, Terror, Tod – in Syrien herrscht Chaos. Die schrecklichen Bilder aus dem vom „Islamischen Staat“ gebeutelten Land gehen täglich um die Welt. Doch der Bundestagsabgeordnete Max Straubinger scheint das alles nicht so schlimm zu finden.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU fordert in einem Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland wörtlich: „Nicht überall in Syrien wird gekämpft. Aleppo ist nicht Damaskus. Es gibt auch in Syrien Regionen, in denen man leben kann. Deutschland muss da, wo es geht, Flüchtlinge zurückschicken, andernfalls droht in der Bundesrepublik ein abruptes Ende der Hilfsbereitschaft in Deutschland.“

Eine Äußerung, die den Kabarettisten Christian Springer entsetzt - so sehr, dass er einen offenen Brief an den CSU-Politiker schreibt:

Sehr geehrter Herr Straubinger,

ich bitte Sie höflichst, sich für Ihre Äußerung zu entschuldigen. Als Kabarettist wäre es jetzt meine berufliche Pflicht, Sie satirisch ordentlich in die Mangel zu nehmen. A gscheite Watschn, und ois is wieder gut. Das ist es nicht. Ich bin sprachlos, wütend und entsetzt. Daher hört der Spaß jetzt auf.

Vielleicht sitzen Sie gerade im Flieger von oder nach Berlin oder Sie probieren gerade den neuen Trachtenjanker für das kommende Oktoberfest an, und deshalb erwische ich Sie im falschen Moment. Und Sie sagen: Wofür entschuldigen?

Ich erkläre es Ihnen. In Syrien ist Krieg. Ein Krieg von einer Grausamkeit, die hoffentlich keiner von uns jemals erleben muss. Am letzten Samstag kam ich aus den libanesischen Bergen zurück. Mit einem kleinen Häuflein von meinen Orienthelfern stand ich vor syrischen Frauen, die mit Schlappen knapp 2000 Meter hohe Berge überquert haben, um in Sicherheit zu sein.

Sicherheit? Ja, es wird nicht geschossen. Aber Sie haben nichts zu essen und keine Heizung. Wohnung? Schule für die Kinder? Winterklamotten? Alles Fehlanzeige. Aber das Schlimmste: Sie mussten daneben stehen, als sämtliche männliche Verwandten erschossen wurden. Ebenso die Söhne, wenn sie über 14 Jahre alt waren.

Herr Straubinger, Ihre Unterscheidung von Aleppo und Damaskus ist falsch. Alleine im August brachten die Angriffe der syrischen Luftwaffe in Ghouta 556 Zivilisten um. Wo ist das? Damaskus.

Aber all das wissen Sie. Und deshalb sind Ihre Worte ziemlich entsetzlich. Menschen in den Krieg zurückzuschicken, ist nicht nur grausam, sondern verboten. Sie stellen sich mit Ihrer Forderung gegen das geltende Asylrecht, damit gegen das Grundgesetz. Andere Menschen, die das absichtlich tun, werden im Normalfall sofort ausgewiesen.

Lesen Sie hier: Hasselfeldt zu Straubinger: Keine Abschiebung in Bürgerkriegsgebiet

Aber Ihre Partei rügt Sie nicht, sondern hat Sie mit knapp 99 Prozent der Stimmen zum Geschäftsführer der Landesgruppe gewählt. Ein Zufall? Plant die CSU, mit Ihnen Wähler vom rechten Rand zu gewinnen?

Das wäre gefährlich. Wie Sie wissen, sind Rassisten keine Demokraten, sondern wollen Ausländer in unserem Land töten. Diese Kriminellen sollte die CSU verfolgen und nicht an die Wahlurnen locken.

Herr Straubinger, Sie brauchen doch keine Aufmerksamkeit mehr. Sie kennt man doch. Leider Gottes haben Sie uns mit Ihren Anträgen nicht vor Gammelfleisch geschützt und Sie haben auch keine Milchbauern vor der Pleite gerettet. Sie sind berühmt geworden durch Ihren Prozess, mit dem Sie verhindern wollten, dass Ihre Wähler von Ihren ganzen Nebeneinkünften bei der Allianz und der Münchner Agrarversicherung erfahren.

Sie haben Pech mit mir. Ich passe nicht in das Klischee der roten Socke. Ich kenne und schätze etliche Leute innerhalb der CSU, das sind Menschen, die ich mag, die ihr Herz am rechten Fleck haben und die sich mit mir sehr für die Sache der Flüchtlinge einsetzen. Das ist gut, denn es hilft den Ärmsten. Das bringt sogar ein bisschen Frieden.

Durch Ihre Aussagen spalten Sie das Land. Sie polemisieren, indem Sie Stammtischparolen gesellschaftsfähig machen. Das bringt Unfrieden in unsere Gesellschaft.

Sie und etliche Ihrer CSU-Kollegen bringen in der Flüchtlingsproblematik seit Monaten falsche Zahlen unter die Leute. Warum bleiben Sie nicht bei der Sache, sondern zündeln? Ich mag das nicht.

Lasst uns alle an einem Strang ziehen. Menschen werden zu uns kommen, in großen Mengen. Und sie werden das Land verändern, nicht zum Schlechteren sogar. Sie kommen, egal wie tief das Meer und wie hoch der Stacheldraht ist.

Heute noch leben Nachkommen von sechs Millionen Deutschen in Amerika, eine Million in Brasilien, eine weitere in Südafrika. Unsere Groß- und Urgroßväter waren Migranten ersten Ranges. Wirtschaftsflüchtlinge, würden Sie heute sagen. Doch die haben dem Land nach 1945 Care-Pakete geschickt.

Ein Letztes: Sagen Sie im Bierzelt doch einfach mal, wie viel uns jemand aus dem Kosovo wirklich kostet. Wissen Sie’s? Ich sag’ es Ihnen. Ein Mensch aus dem Kosovo kostet jeden Bayern im Monat: 2 Cent. Daran gehen wir nicht zugrunde. Oder sehen Sie das anders?

Um keine Antwort wird gebeten,

Christian Springer

Der Münchner Kabarettist gründete 2012 den Verein „Orienthelfer“, mit dem er seitdem die Opfer des syrischen Bürgerkrieges unterstützt. Weitere Infos und ein Spendenkonto finden Sie hier.

 

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