Interview

Chef des Wohnungsamts: "Es gibt nicht genug Sozialwohnungen"

Wie läuft die Vergabe von Sozialwohnungen? Wie lange müssen Bewerber warten? Ein Interview mit dem Chef des Wohnungsamts.
| Paul Nöllke
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Schlange stehen für eine Sozialwohnung: im Wohnungsamt München in der Franziskanerstraße.
Schlange stehen für eine Sozialwohnung: im Wohnungsamt München in der Franziskanerstraße. © imago/Michael Westermann

München - Zehn Jahre lang sucht Mara B. mit ihren Kindern bereits nach einer Sozialwohnung - vergeblich. Die AZ berichtet und bekommt viel Resonanz und viele Fragen. Höchste Zeit also für ein Interview mit dem Chef des Wohnungsamts. An wen gehen die Sozialwohnungen in München? Und wie lange dauert es, eine Wohnung zu bekommen?

Der 59-jährige Gerhard Meyer ist Leiter des Münchner Amts für Wohnen und Migration.
Der 59-jährige Gerhard Meyer ist Leiter des Münchner Amts für Wohnen und Migration. © ho

AZ: Herr Mayer, wieso wird man Chef des Wohnungsamts? Da muss man doch schon sehr leidensfähig sein.
GERHARD MAYER: Als ich mich beworben habe, war mir klar, dass diese Stelle nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig ist (lacht). Aber ich wollte diese Herausforderung annehmen. Ich will Menschen in Not unterstützen. Deshalb habe ich mich auf die Stelle beworben.

16.000 Berechtige, aber nur 3.400 Wohnungen

Glauben Sie, dass die Leute, die sich auf eine Sozialwohnung bewerben, zufrieden sind mit der Arbeit Ihres Amts?
Das System macht es schwer, dass jemand gleich zufrieden ist. Sogar, wenn alles glatt geht, werden die Leute sagen "das hat aber lange gedauert".

Woran liegt das?
Wir haben rund 16.000 Berechtigte auf der Warteliste aber nur etwa 3.400 Wohnungen pro Jahr zu vergeben. Es gibt nicht genug Sozialwohnungen. Die durchschnittliche Wartezeit für eine Sozialwohnung in München sind fünf Jahre.

Die Protagonistin unseres Artikels hat mit ihren zwei Kindern allerdings zehn Jahre keine Wohnung gefunden.
Das ist ein Einzelfall. Grundsätzlich haben wir mehrere Hundert Berechtigte, die eine ähnliche Bedarfssituation haben, die sich um entsprechende Wohnungen bewerben.

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Gehen die Münchner Sozialwohnungen alle an Flüchtlinge?

Menschen, die sich über das Vergabesystem ärgern, sagen oft, als Münchner könne man gar keine Sozialwohnung bekommen. Die gingen alle an Flüchtlinge. Stimmt das?
Nein, natürlich nicht. Was aber stimmt, ist, dass wir bei der Vergabe Leute, die lange in München gelebt haben, nicht mehr mit Extrapunkten bevorzugen dürfen.

Bonus für langjährige Münchner bei Sozialwohnungsvergabe?

Finden Sie, das ist eine gute Regelung?
Nein, eigentlich nicht. Ich fände es gut, Leuten, die lange in München gelebt haben, auch einen Bonus bei der Dringlichkeit einzuräumen. Man muss gar nicht Geflüchtete als Beispiel nehmen. Stellen Sie sich vor, jemand zieht für ein paar Monate von Düsseldorf nach München. Nach kurzer Zeit verliert er in München seine Wohnung und die Person meldet sich wohnungslos. Nun hat sie die gleiche Dringlichkeit, also Punkte wie ein wohnungsloser Münchner, der bereits seit 30 Jahren in München lebt und hier sein gesamtes Umfeld hat. Einziger Vorteil des Münchner Haushaltes: Haben sich beide auf ein Wohnungsangebot beworben und könnten aufgrund ihrer identischen Dringlichkeit ausgewählt werden, wird der Haushalt mit der längeren Anwesenheitszeit ausgewählt. In diesem Beispiel also der Münchner Haushalt.

Auf solche Regelungen haben Sie also keinen Einfluss?
Nein. Diese Regel kommt vom Gesetzgeber.

Was können Sie regeln?
Eine neue Regelung, auf die ich stolz bin, ist, dass die meisten unserer registrierten Haushalte nicht mehr jedes Jahr, sondern nur noch alle zwei Jahre einen neuen Antrag stellen müssen. Das nimmt wirklich viel Frust und Arbeit für die Wohnungssuchenden.

"Es gelangen die Fälle an die Zeitung, die nicht gut verlaufen sind"

Wenn wir über Frust sprechen: Es wird auch berichtet, dass manche Ihrer Mitarbeiter Bewerber unfreundlich behandeln. In unserem Artikel soll eine Mitarbeiterin der Bewerberin gesagt haben, sie solle keine Kinder bekommen, wenn sie sich keine Wohnung leisten kann...
... das sollte selbstverständlich nicht vorkommen. Es gelangen nun einmal die Fälle an die Zeitung, die nicht gut verlaufen sind. Ich habe 1.200 Mitarbeiter. Da kann ich nicht für jeden die Hand ins Feuer legen, dass es hier im Stress zu so etwas kommt, die meisten sagen, so etwas aber sicher nicht. Wenn so etwas passiert, ist es natürlich wichtig, solche Fälle aufzuklären.

Wer bekommt eigentlich die Sozialwohnungen. Der mit den meisten Punkten?
Nicht unbedingt. Natürlich hat jemand mit 140 Punkten größere Chancen auf eine Wohnung, als jemand der nur 90 Punkte hat. Aber dennoch bekommt auch jemand mit weniger Punkten mal eine Wohnung angeboten. Insgesamt versuchen wir, auch immer eine gemischte Einwohnerschaft zu haben. Familien, Alleinstehende und so weiter. Auch das spielt eine Rolle bei der Vergabe.

Weiteres Problem: Die Leute wollen immer mehr Quadratmeter

Das große Problem Ihres Amts ist der Mangel an Wohnungen. Hat da die Stadtpolitik versagt?
Das kann man so nicht sagen. München hatte eine lange Zeit die gleiche Zahl an Einwohnern, die Leute wollten aber immer mehr Platz. So hat die Stadt auch gebaut. Würden wir noch auf so wenigen Quadratmetern leben, wie in den 70ern, hätten wir gar kein Problem. Aber das ist heute natürlich anders.

Was ist also die Lösung?
Mehr bezahlbare Wohnungen bauen. Aber das sind langwierige Prozesse. Ein Beispiel: Als Stadtrat war ich an der Planung des Neubaugebiets Freimann beteiligt. Das war 2018. Erst 2032 werden die ersten Leute einziehen. Da liegt fast eine Generation dazwischen.

Wenn wir über Neubauprojekte sprechen, fallen einem in München zum Beispiel die Hochhäuser an der Paketposthalle ein. Lösen solche Projekte Münchens Wohnungsproblem?
Jede Wohnung, die bezahlbar ist, ist gut. Nun gibt es in München auch Leute, die teure Wohnungen bezahlen können. Wenn diese Leute sich ihre Wohnungen über den freien Markt organisieren, habe ich da gar kein Problem mit. Zudem baut der Investor ja über die von der Stadt eingeführten "Sozialen Bodennutzung", die Sobon, auch günstigere Wohnungen.

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Wie kommt Ihr Amt an Sozialwohnungen? Durch Neubau?
Nein, tatsächlich kaufen wir auch Belegrechte an. Wenn ein Vermieter das will, bekommen sie Wohnungsbewerber von uns vorgeschlagen. Die Vermieter bekommen eine Prämie und wir bekommen für zehn bis fünfzehn Jahre die Belegrechte der Wohnung.

Sozialwohnung: Vermieter bekommen eine Prämie

Wie hoch ist diese Prämie?
Das ist abhängig von der gewählten Bindungsdauer, vom gewählten Modell und von der Größe des Haushalts, mit dem die Wohnung belegt wird und liegt zwischen 10.000 und maximal 46.500 Euro. Wir arbeiten dabei in München sogar mit einem großen privaten Immobilienkonzern (Vonovia d. Red.) zusammen. Da gibt es Kritiker, aber ich bin froh über jede zusätzliche Wohnung.

Zum Schluss noch eine positive Frage. Was war denn Ihr schönstes Erlebnis in Ihrer Zeit als Chef des Wohnungsamts?
Wir haben ein Projekt, in dem wir Geflüchtete auf dem Übergang von der Unterkunft in die eigene Wohnung begleiten. Zu sehen, wie gut das klappt und wie motiviert die Mitarbeiter sind - das ist wirklich schön!

Wer bekommt in München Sozialwohnungen?

An wen gehen eigentlich die Sozialwohnungen in München? Die AZ hat nachgefragt und die Zahlen für dieses und vorheriges Jahr ausgewertet. Im vergangenen Jahr gingen 42 Prozent der Sozialwohnungen an Haushalte mit Kindern, knappe zehn Prozent an Schwangere. Insgesamt hatte das Amt 2020 nur 3.325 Wohnungen zu vergeben, darauf kamen etwa 16.000 Bewerber. Bei der Vergabe der Wohnungen versuche das Amt immer, eine gemischte Mieterschaft zu erreichen, erklärte Wohnungsamtchef Mayer im Interview. Das sei wichtig, denn so soll eine Ghettobildung vermieden und eine gute Nachbarschaft erreicht werden.

Komplett wohnungslose Bewerber bekamen 2020 nur ein knappes Viertel, also 22,5 Prozent aller vergebenen Wohnungen. Anders sieht das in diesem Jahr aus: Bis zum September 2021 hat die Stadt bereits 2.657 Sozialwohnungen vergeben. Die meisten gingen heuer an wohnungslose Bewerber und Haushalte mit Kindern (jeweils 32 Prozent). Die meisten vergebenen Wohnungen waren allerdings recht klein: Ganze 44 Prozent der vergebenen Sozialwohnungen gingen an Einzelhaushalte. Doch es gab auch eine "große" Ausnahme: Eine Wohnung wurde 2021 an einen Haushalt mit neun Personen vergeben.

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