Brandrat bei der Berufsfeuerwehr: "Mal ein Tag ohne Corona"

Christof Dörner (54) ist Brandrat bei der Berufsfeuerwehr und Vater zweier Mädchen. Die Pandemie verfolgt ihn auf Schritt und Tritt beruflich wie privat.
| Ralph Hub
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Christof Dörner bei seinem Einsatzfahrzeug.
Christof Dörner bei seinem Einsatzfahrzeug. © ho

München - In den zehn Münchner Feuerwachen tragen alle Mund-Nasen-Schutz, sie desinfizieren sich regelmäßig die Hände und achten auf Abstand. Das gehört zum bayernweiten Hygienekonzept des Landesverbandes. Doch in den Einsatzfahrzeugen hocken die Feuerwehrler dicht gedrängt, Schulter an Schulter. Abstand halten ist hier nicht so einfach.

"Für die Kollegen ist das ein komisches Gefühl", sagt Christof Dörner, "weil man es eigentlich mittlerweile gewohnt ist, Abstand zueinander einzuhalten." Im Sommer hofften alle, man habe das Schlimmste überstanden, jetzt sitzen die Feuerwehrler, wie alle anderen auch, im zweiten Lockdown und alles geht von vorne los. Bei Rettungseinsätzen, Bränden oder Unfällen ist es schwer, auf die Regeln der Pandemie Rücksicht zu nehmen. "Wenn Menschen Hilfe brauchen", so der Brandrat, "kann man nicht auf Distanz gehen. Das ist nicht drin. Wir müssen das Risiko eingehen, das gehört zu unserem Job."

Angst um die eigene Gesundheit machen sich er und die Kollegen natürlich auch. Sie versuchen aber, sich so gut es geht, vor einer Infektion zu schützen. Der beste Schutz wäre der schwere Atemschutz, eine luftdicht sitzende Gesichtsmaske mit separater Sauerstoffversorgung. "Da bist du wie unter einer Käseglocke von der Außenwelt abgeschirmt", sagt Christof Dörner. Allerdings hält man es unter der Maske nicht lange aus. Einerseits wiegt die komplette Ausrüstung etwa 20 Kilo. "Das geht ordentlich auf die Kondition, deshalb ist man nicht böse, wenn das Gerät wieder abgelegt werden darf." Andererseits ist der Luftvorrat je nach Belastung natürlich irgendwann aufgebraucht.

Zusätzliche Aufgaben für die Berufsfeuerwehr durch Corona

Feuerwehrler arbeiten nach exakt ausgearbeiteten Dienstplänen mit Namenslisten, daher ist nach jedem Einsatz genau erfasst, wer mit wem in welchem Team zusammengearbeitet hat. Dadurch können bei Corona-Verdachtsfällen die Betroffenen schnell isoliert und Infektionsketten durch Quarantänemaßnahmen unterbrochen werden. Ein System, das die bayerischen Feuerwehren bisher gut durch die Krise gebracht hat. Außerdem desinfizieren die Feuerwehrleute mehrfach täglich ihre Fahrzeuge, die Ausrüstung und die Arbeitsplätze. Kontaktflächen wie Lenkrad, Armaturenbrett, Türgriffe - alles wird speziell gereinigt. Das Prozedere findet auch bei jedem Schichtwechsel auf der Wache statt.

Corona hat der Berufsfeuerwehr viele zusätzliche Aufgaben beschert. Beispielsweise die Lagerung und Verteilung von medizinischer Ausrüstung, Masken und vieles mehr. Aber auch bei der Organisation von Teststellen waren die Helfer beteiligt. Dörner und ein Kollege waren seit April dafür verantwortlich mit anderen Mitarbeitern der Stadt Testungen zu koordinieren. Das umfasste auch die Kontaktaufnahme mit Betroffenen, wenn es darum ging nachzuvollziehen, wo das dringend benötigte Testergebnis bleibt.

Der erste Schultag für die beiden Zwillinge Emma-Mia (links), Lotte-Sofie (rechts), Mutter Anne-Katrin und ihren Mann Christof Dörner.
Der erste Schultag für die beiden Zwillinge Emma-Mia (links), Lotte-Sofie (rechts), Mutter Anne-Katrin und ihren Mann Christof Dörner. © privat

Als Ingenieur ist Dörner Experte für vorbeugenden Brand- und Gefahrenschutz und Vizechef der Abteilung für Veranstaltungssicherheit. Seit Anfang November sind nahezu alle Freizeitvergnügungen wieder verboten: Gaststätten, Cafés und Restaurants geschlossen, Kinos und Konzerthallen dicht. "Gastronomen, Eventorganisatoren, Messebauer, Künstler - vielen steht das Wasser bis zum Hals", sagt der 54-Jährige. "Wir haben zu den meisten ein enges Verhältnis. Wir alle hoffen, dass es mit der Branche bald wieder aufwärts geht." Mit Blick in eine Zukunft wird an großen und kleinen Veranstaltungen gefeilt. So ist man dabei, die ausgefallene EURO 2020 und die Durchführung der European-Champioships 2022 zu planen.

Corona - von morgens bis abends 

Dörner ist zudem bei Bauprojekten für vorbeugenden Brandschutz zuständig. Gebaut wird auch in der Krise, die Arbeit geht nicht aus. Doch auch hier hat sich alles verändert. Früher standen acht bis zehn Leute um einen Tisch, sahen sich Pläne und Konzepte an. "Die fehlenden sozialen Kontakte ziehen einen auf Dauer ganz schön runter", sagt Christof Dörner. Denn inzwischen finden die Meetings nur mehr als Video- oder Telefonkonferenzen statt. Ganz selten trifft man sich persönlich und wenn doch, "darf man sich nicht einmal die Hand geben", sagt Christof Dörner.

Corona - von morgens bis abends dreht sich alles um das Virus. "Ich möchte einmal wieder einen Tag erleben, bei dem Covid-19 keine Rolle spielt", wünscht sich Christof Dörner. Seine Frau ist Lehrerin. Wenn sich früher ein Schüler weh getan hat, hat man das Kind getröstet und in den Arm genommen. "Das geht nicht mehr", erzählt seine Frau. Die Schutzmaßnahmen zwingen sie dazu, handeln würde sie gerne anders.

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Das Ehepaar hat zwei Mädchen. Die sechs Jahre alten Zwillinge kamen im September in die Schule. Normalerweise ist der erste Schultag für Familien ein riesiges Fest. Man sitzt zusammen, feiert, lacht. "Wir haben das Beste draus gemacht und hatten unterm Strich einen schönen Tag. Trotzdem, das war alles anders, distanzierter und irgendwie ein bisschen traurig, alle mussten Abstand halten", sagt Christof Dörner. Was den Familienvater noch mehr bedrückt: "Inzwischen müssen die Kinder in der Schule permanent Masken tragen, das ist wirklich schlimm."

In der Freizeit sind die Möglichkeiten stark beschränkt

Auch in der Freizeit sind die Möglichkeiten stark eingeschränkt. Seine Kinder können sich nach der Schule nicht unbeschwert mit Freunden treffen, Freizeitangebote fallen weg. "Selbst ein Besuch im Zoo ist momentan nicht drin", sagt der Familienvater traurig. Am letzten Tag, bevor der "Lockdown Light" landesweit in Kraft trat, ist die Familie ins Kino gegangen. Die Mädchen haben sich riesig über den Film gefreut, doch die Eltern konnten die Vorstellung nicht so richtig genießen. "Zu wissen, dass es vorerst das letzte Mal ist, war für uns einfach frustrierend", sagt der 54-Jährige.

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Corona zermürbt auf Dauer selbst robustere Naturen. Der Stress im Beruf und im privaten Bereich macht vielen zunehmend zu schaffen. Wobei sich Christof Dörner durchaus eines großen Vorteils für sich und seine Familie bewusst ist. Er und seine Frau sind beide Beamte und müssen sich zumindest um ihren Job keine Sorgen machen. Christof Dörner: "Es gibt viele, denen geht es derzeit ganz anders! Und das kann eine große Belastung und Herausforderung sein! Hoffentlich ist die Corona-Krise bald rum!"

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