Babylon unterm Münchner Stachus: 50 Jahre unterirdisch einkaufen

Vor 50 Jahren wurde die schöne neue Unterwelt eröffnet - und seither wird unterm Karlsplatz immer wieder saniert. Ein Rückblick.
| Karl Stankiewitz
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Am Tag der Eröffnung sitzen die Münchner schon im neu eröffneten, unterirdischen Café - und Passanten staunen.
Am Tag der Eröffnung sitzen die Münchner schon im neu eröffneten, unterirdischen Café - und Passanten staunen. © Stadtarchiv

München - Nach fast fünf Jahren Bauzeit wurde am 27. November 1970 die größte unterirdische Ladenstadt Europas eröffnet: das "Stachus-Untergeschoss".

Die amtliche Bezeichnung verbarg Größe und Bedeutung. Damit bekam die Olympiastadt quasi eine neue City. Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel (SPD) scheute sich nicht, den fünfstöckigen Tiefbau bei der Feier mit der Cheopspyramide zu vergleichen, während Julius Kardinal Döpfner in den Dimensionen der schönen neuen Unterwelt sogar ein neues "Babylon oder Jerusalem" erkannte.

"Stachus-Untergeschoss": Eine kleine Stadt mit künstlicher Luft und künstlichem Licht

Anfang der 1960er Jahre galt der meist Stachus genannte Münchner Karlsplatz als verkehrsreichster Platz Europas; täglich wurden hier gezählt: 3.400 Trambahnen, 96.400 Kraftfahrzeuge, 21.000 Zweiräder und 900.000 Fußgänger. Wiederholte Eingriffe am kranken Herzen der jungen Millionenstadt konnten das tägliche Verkehrschaos nicht meistern. 1965 beschloss der Stadtrat einen grundlegenden Umbau und bewilligte dafür 13,5 Millionen Mark. Unter der Erde sollte eine kleine Stadt mit künstlicher Luft und künstlichem Licht entstehen, 14.200 Quadratmeter groß. Etwa 200 Firmen schafften es nur mit Kosten treibender Verzögerung. Der Bau erwies sich als Loch ohne Boden.

Am 18. April 1966 stattet der damalige Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel dem Stachus zum Baubeginn einen Besuch ab.
Am 18. April 1966 stattet der damalige Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel dem Stachus zum Baubeginn einen Besuch ab. © Stadtarchiv

OB Vogel, der kein "Profitopolis" wünschte, wurde von der CSU zum Rücktritt aufgefordert. Er ordnete eine Untersuchung des "Stachus-Skandals" an; die mit einer Rüge für Stadtbaurat Edgar Luther endete. U-Bahn-Referent Klaus Zimnick, dem das Projekt nach der Fehlkalkulation übertragen wurde, sprach nach dessen Fertigstellung von einer "in der Welt einzigartigen Größenordnung": Eine halbe Million Kubikmeter Erde wurde bewegt, die Gesamtfläche auf mehr als 100.000 Quadratmeter vergrößert, die Baukosten vermehrten sich am Ende auf 163 Millionen Mark.

Schöne neue Unterwelt: 46 Rolltreppen verzahnen die einzelnen Etagen

Systematisch sollte das Bauwerk zum wichtigsten Verkehrsknoten Münchens und seiner Region entwickelt werden. In einer Länge von 270 Metern erstreckte es sich weit über den Karlsplatz hinaus. Denn es sollte das Bahnhofsviertel unterirdisch mit der noch im Bau befindlichen Fußgängerzone verbinden. 46 Rolltreppen verzahnten die einzelnen Etagen und führten zu den Straßenbahn-Inseln, zur tiefer gelegenen S-Bahn und zur U-Bahn, die hier erst später angeschlossen wurde.

Als "Markt und Galleria zugleich" kennzeichnete Chefgestalter Professor Paolo Nestler die Idee. Gleich in Betrieb genommen wurden 44 private Ladengeschäfte mit einer Schaufensterfront von einem Kilometer. Außerdem ragten zwei, später drei große Kaufhäuser und ein Hotel mit unterirdisch ausgebauten Geschäftsräumen in das Stachus-Bauwerk hinein. Für die Münchner und die vielen Fachleute, die zur Besichtigung kamen, war eine schöne neue Unterwelt entstanden.

Die Gestalter wollten, dass die Passanten einen "Großraum in Bewegung" erleben. Rasterformen und Lichtbänder lenkten die Passanten-Ströme und vermittelten überschaubare Informationen. Unter einer Lichtkuppel plätscherte ein Brunnen. Ein zehn Meter hoher "Luftturm" in Popfarben steuerte die Klimaanlage, die allein über acht Millionen Mark verschlungen hatte. Sie sollte für einen "Flair ewigen Frühlings" sorgen. Lautsprecher verströmten ständig "funktionelle Musik" in die transparente Unterwelt.

Stachus-Unterwelt im Jahr 2000: Leere Läden, leere Stühle

Schon vor der Eröffnung waren nicht nur Münchner in dichten Scharen zwischen den Handwerkern und Absperrungen in die unterirdische Wunderwelt gedrängt. Hunderttausende, prophezeite der olympisch gestimmte Vogel, würden Tag für Tag einströmen in dieses "größte Bauwerk, das je in München zusammenhängend errichtet wurde". Und die Werber vom sogenannten Stachus-Zentrum lockten: "Hier beginnt für den Verbraucher das Jahr 2000."

Das Jahr 2000 erlebten Verbraucher und Verkäufer dann aber doch anders: Leere Läden, leere Stühle in den diversen "Locations", wie man inzwischen sagte. Deprimierte Geschäftsinhaber meldeten Umsatzrückgänge von bis zu 50 Prozent.

Stachus Untergeschoß vor dem Umbau, Ende der 1990er Jahre. Nicht mehr ganz so hübsch.
Stachus Untergeschoß vor dem Umbau, Ende der 1990er Jahre. Nicht mehr ganz so hübsch. © AZ-Archiv/Schlüter

Schon lange war kaum noch etwas investiert worden, um die Untergrund-City zu modernisieren. Schmutzig und finster war es geworden in den Passagen, Parkebenen und Toiletten.

Die meisten Stachus-Passanten blieben lieber oben, wenngleich ihnen anfangs Sperren und Gitter das Überqueren der Fahrbahnen erschwerten. Mit der video-überwachten Sicherheit haperte es auch: Durch eine der Stahltüren entwischte 1976 der Kidnapper Dieter Zlof mit dem Oetker-Lösegeld von 21 Millionen Mark.

Neue Bezeichnung "Stachus-Passagen" bei einem Wettbewerb gefunden

Im März 2001 begann eine erste Sanierung. Doch es tauchten neue Probleme auf. Weil allein der Unterhalt des unterirdischen Babylon alljährlich vier Millionen Euro erforderte, blieb kaum Spielraum für städtische oder private Investitionen. Dringend nötige Modernisierungen ließen auf sich warten.

In dieser neuerlichen Notlage musste die Stadtwerke München GmbH im Oktober 2005 das Stachusbauwerk übernehmen, um es zwei Jahre später einer Tochter der Landesbank Baden-Württemberg auf 33 Jahre zu verpachten. Die wollte 30 Millionen Euro bereitstellen.

Im September 2007 beauftragte eine Jury die Münchner Architekturbüros Allmann, Sattler, Wappner mit einer großen Schönheitsoperation, die eigentlich ein erneuter Umbau war. Der Hauptvorzug der neuen Stachus-Passagen (die neue Bezeichnung wurde bei einem Wettbewerb gefunden) war nun eine wesentlich bessere Orientierung als bisher.

So wurden in den verschiedenen Gängen die Namen der oberirdischen Örtlichkeiten aufgeführt. Die einzelnen Ladeninseln wurden zu einer großen, zentralen Kreisfigur mit Abzweigung unter der Sonnenstraße zusammengefasst, das Labyrinth verschwand, die Menschenströme konnten sich einigermaßen ordnen.

Die Kreise an der Decke und die insgesamt hellere Aufmachung haben das Zwischengeschoss "entschmuddelt".
Die Kreise an der Decke und die insgesamt hellere Aufmachung haben das Zwischengeschoss "entschmuddelt". © Daniel von Loeper

Stachus-Passagen sind Europas größtes unterirdisches Einkaufszentrum

Alles ist dann klarer, heller, schöner geworden. Der flächendeckenden Ausleuchtung dienen 3.800 weiße Metallkreise an den Decken, sowie 2.300 Meter LED-Leuchten an den Wänden und den 1.000 Meter langen Handläufen, von denen 400 Meter für Sehbehinderte "greifbar" und über 90 Meter durch Blindenschrift markiert sind.

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Der Information dienen auch 240 Lautsprecher, der Sicherheit dienen 800 Brandmelder, 2.600 Sprinkler und tausend Sicherheitsleuchten. Und vor Corona wurden regelmäßig Führungen durch die immer noch verwirrende Unterstadt angeboten.

Mit 60 Geschäften und Restaurants auf einer Fläche von jetzt 7.500 Quadratmetern sind die im Mai 2012 neu eröffneten Stachus-Passagen immer noch Europas größtes unterirdisches Einkaufszentrum.


Karl Stankiewitz hat zu dem Thema auch die Bücher "Der Stachus" und "Babylon in Bayern" veröffentlicht

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