Auf die Wiesn – was sonst?

Richard Süßmeier feiert seinen 80. und kehrt aufs Oktoberfest zurück – als Raucher. Dort präsentiert er zum 200. Jubiläum die Sonderbriefmarke. Die AZ gratuliert dem frechsten Wiesnwirt aller Zeiten
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Richard Süßmeier
Ronald Zimmermann Richard Süßmeier

Richard Süßmeier feiert seinen 80. und kehrt aufs Oktoberfest zurück – als Raucher. Dort präsentiert er zum 200. Jubiläum die Sonderbriefmarke. Die AZ gratuliert dem frechsten Wiesnwirt aller Zeiten

Wenn einer raucht auf dem Oktoberfest, dann der Richard Süßmeier. Und damit ist auch gleich die Frage beantwortet: Jawohl – er, der Jubilar, gönnt sich die Jubiläums-Wiesn. Beim 200. Fest wird sich Münchens ewiger Wirte-Napoleon mittags in einen passenden Zeltgarten setzen, sein OP-reifes Knie schonend strecken und zur frischen Maß eine Sumatra paffen. Das ist dann vier Wochen nach seinem Achtzigsten, den er diesen Sonntag, am 22. August im Kreise treuer Freunde in der Gaststätte Großmarkthalle feiert. Die AZ gratuliert!

Man darf gespannt sein, was den Rednern zu diesem Zwölfender der Branche einfällt. Vor allem dem Jubilar selbst, wenn er das obligate Biertragl erklimmt, das Mikrofon zu sich herabzieht und mit angeborener Schlitzohrigkeit seine hinterkünftigen Glanzlichter setzt. Er ist halt ein Komödiant von höchsten Graden. Oder wie Christian Ude, ein konkurrierender Entertainer, sagt: „Einer der drei besten Redner der Stadt – ich lasse offen, wer der dritte ist.“

Die „lose Goschn“ hat den jungen Richard schon zeitig vorangebracht. Der „Wirtsbua“, grad mal 18, musste sich nach dem Tod des Vaters im Straubinger Hof ja erst mal durchsetzen. Mit 25 sorgte er im Vorstand vom Gastwirtsmetzgerverein „Zerstreuung“ für eben solche. Gern auch bei Beerdigungen: „Prost, er lebe hoch!“ rief er einem Gastro-Granden beim Leichenschmaus nach. Besonders der Fasching war sein Revier. Beim hauseigenen Schnallenball führte er als „Puffmutter Ricarda“ ein Lotterregiment über seine Flitscherl, Schnallen, Freier und Voyeure. Motto: Prost, Prösterchen, Prostitution!

Trotz aller Gaudi – auch mit dem Beruf ging's bergauf. Schon mit 27 war Richard Süßmeier auf dem Gastro-Olymp, als Wiesn-Wirt. Mit zwei bockenden Eseln war er 1958 ins „Kleine Winzerer Fähndl“ eingezogen. Sechs Jahre darauf hieß die Baracke „Armbrustschützenzelt“ und war eine Festhalle. Hier scharmierte er Hollands Königin Beatrix mit einem Lebkuchenherz, drückte Operndiva Maria Callas einen Trachtenhut aufs streng gescheitelte Haar und kassierte kaltblütig Roman Polanski ab – per Mahnung zwar, aber mit Erfolg.

So einer musste natürlich Wirtesprecher werden. Und bei schönem Wetter lachten die Kollegen ja auch gerne über seine Sprüche. Vor allem, wenn er juxte: „Nach 14 Tagen bleibt dem Wirt gar nichts. Weil aber das Oktoberfest 16 Tage dauert, bleibt dann doch a bisserl was hängen.“ Doch als dann 1984 dunkle Wolken aufzogen, machten sie sich hinter ihrem ohnehin kurzen Richard ganz klein. Hätte er doch besser auf die Leier der Braubosse gehört: „Süßmeier, des hast schön gsagt. Aber des hast des letzte Mal gsagt.“

Er sagte halt wieder was, frei nach George Orwells Big Brother: „Gauweiler sieht Dich!“ Plakate mit diesem Text zierten seine Vor-Wiesnkonferenz. Peter Gauweiler, seit zwei Jahren schon Münchens Ordnungschef und oberster Scharfmacher, hatte strenge Kontrollen angedroht. Und was tat Süßmeier? Als „Schwarzer Peter“ mit aufgeklebtem Schnauzer ließ er vor versammelter Presse den Schankkellner Biwi ein Hendl tranchieren – in drei Teile! Ich höre mich und die Kollegen immer noch johlen. War uns ein schlampig gezapftes Bier tatsächlich wurscht? Natürlich nicht. Aber wenn uns etwas echt zuwider war, dann brachialer Ordnungswahn.

Gauweiler blieb sich treu. Gleich am Eröffnungstag rückten Kontrolleure an. Sie notierten, dass aus einem 152-Liter-Fass 198 Liter Bier gezapft wurden. Am Montag darauf dann Razzia: 23 illegale Hiwis werden abgeführt. Was nützte Monate später dann der richterliche Freispruch? Aus dem Fass waren auch Radler-Maßn gefüllt worden! Was nützt die Einstellung des Verfahrens wegen der illegalen Helfer gegen eine freiwillige Geldbuße von 100000 Mark. Zelt und Konzession waren weg. Der Wirt nach eigenen Worten „verbannt in alle Ewigkeit“.

Verbannt, doch niemals verkannt! Die Münchner hielten ihrem Wirte-Napoleon auch nach dessen Waterloo die Treue. Als er, der Geschasste, sich aus dem „Spöckmeier“ ins „Forsthaus Wörnbrunn“ zurückzog. Als ihn die Frau, eine Pschorr-Tochter, verließ, als das Wirtshaus brannte. Sie grüßen ihn respektvoll, wenn sie ihn an einem seiner vielen Stammtische sehen. Und sie jubeln entzückt, wenn er ihnen wieder mal vom Biertragl herab seine typischen Pointen serviert – von hinten mitten durch die Brust.

Auch die Kollegen, von denen mancher vorsichtig auf Distanz gegangen war, schmücken sich wieder mit ihm. Wirtesprecher Toni Roiderer hat ihn sogar in einer alten Rolle reaktiviert.

Am 8. September wird Richard Süßmeier im Hofbräukeller für die Festhallen-Fürsten die Sondermarke zum 200. Wiesn-Jubiläum vorstellen. An der Seite des Finanzministers. Wenn das nicht ein Comeback in Ehren ist . . .

Gerhard Merk

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