Astronomische Münchner Mieten: "Es braucht radikale Lösungen"

In München ist der Mietmarkt überhitzt, die Situation für Mieter wird immer dramatischer. Die AZ stellt drei Fälle vor.
| Myriam Siegert
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Der Münchner Mieterverein unterstützt die bundesweite Kampagne für einen sechsjährigen Mietenstopp. (Symbolbild)
Der Münchner Mieterverein unterstützt die bundesweite Kampagne für einen sechsjährigen Mietenstopp. (Symbolbild) © Andreas Gebert/dpa

München - Investoren, die sich Grundstücke aus der Straße herausreißen wie Raubtiere das Fleisch vom Knochen. 

Alte und Mittelständler, die zum Spielball ganz großer Immobilienpolitik werden, oder eine einfache Eigenbedarfskündigung bekommen, die noch dramatischer wird, weil sich keine neue Wohnung findet. Nur drei Beispiele für Mieterschicksale, wie sie sich in München immer öfter ereignen.

"Wohnen war schon immer ein Thema in München", sagt Simone Burger, Vize-Chefin des DMB Mietervereins München. "Aber es hat sich grundlegend etwas geändert. Die Situation ist radikal. Deshalb braucht es radikale Lösungen."

Simone Burger: "Wir fordern ein anderes Bodenrecht"

Der Mieterverein unterstützt deshalb die bundesweite Kampagne für einen sechsjährigen Mietenstopp. Der, so Burger, könne nur erfolgreich sein, "wenn die Politik in dieser Zeit arbeitet".

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"Wir fordern ein anderes Bodenrecht. Denn der Hauptpreistreiber für die steigenden Mieten sind die steigenden Bodenpreise", so Burger. Außerdem brauche es dauerhaft bezahlbaren Wohnraum. "Deshalb darf es nicht sein, dass Sozialwohnungen nach 25 Jahren aus der Bindung fallen."

Kampagne Mietenstopp: Bundesweiter Aktionstag am 19. Juni

Die Kampagne Mietenstopp, fordert außerdem mehr Neubau, eine neue Wohngemeinnützigkeit und strengere Regeln etwa für Eigenbedarf. Am Samstag findet ein bundesweiter Aktionstag statt, an dem sich 127 Initiativen aus ganz Deutschland beteiligen.


Eigenbedarf und kein Ersatz in Sicht

Susann H. setzt die Situation sichtlich zu: Seit gut sieben Monaten ist die 34-Jährige auf der Suche nach einer Wohnung für sich und ihre Kinder (9 und 4 Jahre alt). Wegen Eigenbedarf muss sie raus aus ihrer Wohnung in Berg am Laim, in der sie seit zehn Jahren lebt. Die Wohnungssuche als Alleinerziehende ist fast aussichtslos: "Bei Zwei-Zimmer-Wohnungen heißt es, die wären zu klein für uns, bei Drei-Zimmer-Wohnungen bekomme ich zur Antwort, ich würde zu wenig verdienen", erzählt H..

Susann H. sucht seit Monaten.
Susann H. sucht seit Monaten. © Sigi Jantz/Mieterverein

50 bis 60 Absagen hat sie bereits beisammen, wenn es überhaupt eine Antwort auf ihre Bewerbungen gibt. Wegen der Schule ist sie an den Münchner Osten gebunden. "Man weiß echt nicht, was man da noch machen soll", sagt sie. "Natürlich kann ich mit zwei Kindern keine 40 Stunden arbeiten. Aber ich habe einen festen Job seit über zehn Jahren." Einen kleinen Lichtblick gibt es: Gerade hat sie eine mündliche Zusage erhalten. Hoffentlich klappt's!

Investoren-Spielplatz Türkenstraße

Gentrifizierung - Verdrängung von alteingesessenen Mietern, das ist genau das, was Stefan Sasse passiert ist. 25 Jahre hat der 59-Jährige in der Türkenstraße 50 gewohnt, bis er Ende Mai nicht mehr konnte, wie andere Mieter vor ihm eine Abfindung nahm, und auszog. Zuvor hatte er zwei Monate lang als letzter Mieter in dem Haus ausgeharrt. "Eine unheimliche Angelegenheit", wie er sagt. 2019 war den einst 52 Mietparteien des Hauses der Abriss angekündigt worden, Wohnungen wurden nur noch befristet vermietet, es gab immer mehr Leerstand.

Marianne Ott-Meimberg und Stefan Sasse vor der Baulücke in der Türkenstraße 52.
Marianne Ott-Meimberg und Stefan Sasse vor der Baulücke in der Türkenstraße 52. © Sigi Jantz/Mieterverein

Die Mieter taten sich in einer Mietergemeinschaft zusammen. Das Haus sollte verkauft werden, den Bewohnern wurde der Auszug nahegelegt. Immer mehr gaben sich über die Jahre geschlagen. Nachdem der letzte Mieter ausgezogen ist, sollen hier nun die luxuriösen Max Höfe des Investors Legat Living entstehen. Eins von vielen Luxus-Projekten von Investoren, die sich im Viertel gerade besonders austoben. Nachbarin Marianne Ott-Meimberg wohnt seit 1975 in der Türkenstraße 54 nebenan. Seit 2008 kämpft sie um ihr Haus.

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Nur noch vier von 62 Parteien sind übrig. Das Anwesen steht noch unter Denkmalschutz, einst bildete es mit den Nachbarhäusern ein großes Gründerzeitensemble. Die anderen Häuser fielen jedoch aus der Denkmalliste und verschwanden. Die Nummer 52 zwischen den beiden Häusern etwa, die bereits abgerissen ist. Ähnlich wird es noch zwei weiteren Häusern einige Meter weiter ergehen, weiß Sasse: "In nur fünf Jahren sind dann auf gut 500 Metern Straße 125 Wohnungen verschwunden und damit etwa 350 Personen aus bezahlbarem Wohnraum verdrängt worden."

Abrissandrohung trotz Wohnrecht auf Lebenszeit

Die Mieter der Schönfeldstraße 14 können schon lange nicht mehr ruhig schlafen. Ihr Vermieter, die Dawonia, kündigte ihnen 2020 plötzlich an, das Wohnhaus abzureißen. Zuvor hatte es gut zehn Jahre lang geheißen, das Haus werde saniert, was aber nur in einzelnen Wohnungen geschah, die dann - immer nur befristet - neu vermietet wurden. Die Sanierung, so hieß es, sei aus sozialen, ökologischen und ökonomischen Gründen nicht mehr haltbar, erklärt Rudolf Schairer (60), der für die Mietergemeinschaft der 76 Parteien spricht, die sich gegründet hat.

Vom Abriss bedroht: die Mieter der Schönfeldstraße 14 in der Maxvorstadt.
Vom Abriss bedroht: die Mieter der Schönfeldstraße 14 in der Maxvorstadt. © Sigi Jantz/Mieterverein

Für das 3. oder 4. Quartal 2021 wurde der Abriss angekündigt, dann für das 3. Quartal 2022. Doch das geht überhaupt nicht. Schairer, seit 30 Jahren hier Mieter, ist durch die Sozialcharta geschützt, die beim Verkauf der früheren GBW-Wohnungen (jetzt Dawonia) vom Freistaat an eine Investorengruppe ausgehandelt wurde. Zehn Jahre Schutz für die Mieter wurde damals festgelegt. "Zuzüglich der gesetzlichen Kündigungsfrist muss ich frühestens 2024 raus", sagt Schairer. Nachbar Karl-Fritz Bohn hat mit seinem 95 Jahren sogar ein Wohnrecht auf Lebenszeit.

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Doch wo sollen die Mieter nach Ablauf der Frist hin? "Im geplanten Neubau bietet uns die Dawonia keine Wohnungen an", sagt Schairer. "Es hieß wörtlich, die würden nicht in unserer Liga spielen." Der Leerstand im Haus liegt bereits bei gut 30 Prozent, "wir haben ständig Probleme mit Legionellen und explodierende Nebenkosten", sagt Schairer. Nebenan wurde bereits neu gebaut, "dort befinden sich nun mehrere Immobilienbüros und ein Beauty-Doc, das ist wohl die Richtung, in die es gehen soll."

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