Armutsbericht: Das sind die Zahlen für München

München ist ohne Zweifel eine reiche Stadt. Jedoch: Vom Wohlstand profitieren nicht alle. Mehr als jeder Sechste ist inzwischen sogar armutsgefährdet
| Florian Zick
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Bedürftige stehen in der Großmarkthalle bei der Münchner Tafel an.
Foto: Andreas Gebert/dpa Bedürftige stehen in der Großmarkthalle bei der Münchner Tafel an.

München ist ohne Zweifel eine reiche Stadt. Jedoch: Vom Wohlstand profitieren nicht alle. Mehr als jeder Sechste ist inzwischen sogar armutsgefährdet - der Armutsbericht.

München -  Eigentlich ist München eine glückliche Stadt: hoher Lebensstandard, niedrige Arbeitslosenquote. Allerdings ist der Wohlstand alles andere als gleichmäßig verteilt. Im Gegenteil: Das Gefälle zwischen Arm und Reich wird immer größer.

Dem neuen Armutsbericht der Stadt zufolge sind mittlerweile fast 269.000 Münchner von Armut bedroht. Definitionsgemäß bedeutet das: Sie haben im Monat weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Münchner Nettoeinkommens zur Verfügung - also weniger als 1.350 Euro. Die Gefährdungsquote liegt damit bei 17,4 Prozent. Bei der bislang jüngsten Erhebung im Jahr 2011 waren es noch lediglich 14,7 Prozent (Lesen Sie hier den Armutsbericht des Bundes)

München - eine Stadt zwischen Dallmayr und Aldi

Allerdings: Nicht nur die Zahl der Armen steigt. Gleichzeitig gibt es in der Stadt auch immer mehr Bessergestellte: 34 Prozent der Münchner verdienen netto mehr als 120 Prozent des monatlichen Durchschnittsgehalts - also mehr als 2.700 Euro. Vor sechs Jahren waren es noch 30 Prozent. "Die Schere geht weiter deutlich auseinander", sagt Münchens Sozialbürgermeisterin Christine Strobl (SPD).

Die einen machen ihren Wocheneinkauf also beim Dallmayr, den anderen bleibt nur der Weg zum Aldi - das ist, überspitzt formuliert, Münchens Wirklichkeit. Gründe dafür gibt es viele: Billiglöhne, schlechte Schulabschlüsse, Arbeitslosigkeit. Grundsätzlich kann es aber jeden erwischen: Ein Unfall, eine Behinderung - schon sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt dahin.

Von Armut bedroht sind der neuen Erhebung der Stadt zufolge vor allem Ausländer und Deutsche mit Migrationshintergrund. Aber auch die Jungen und die Alten trifft es überproportional häufig. Bei den 18- bis 24-Jährigen führen den Zahlen zufolge sogar 43 Prozent ein Leben an der Armutsgrenze. Da würden die vielen Studenten die Statistik aber etwas verfälschen, sagt Münchens Sozialreferentin Dorothee Schiwy (SPD). Die hätten in aller Regel schließlich doch Aussicht auf finanzielle Besserung.

Auch die Altersarmut in München steigt

Anders sieht es bei den Alten aus. Eine Durchschnittsrente von 916 Euro : "Davon können manche in München nicht mal ihre Wohnung bezahlen", sagt Schiwy. Aus der Generation über 65 beziehen deshalb mittlerweile 14800 Münchner zusätzlich Grundsicherung im Alter. Das sind 25 Prozent mehr als noch 2011. Und das tatsächliche Ausmaß der Altersarmut ist mit dieser Zahl noch gar nicht erfasst.

Die Dunkelziffer in diesem Bereich ist hoch. Viele Senioren haben Hemmungen, Sozialleistungen zu beantragen. Sozialreferentin Schiwy kann das gut nachvollziehen: "Wer sein Leben lang gearbeitet hat, möchte am Ende nicht von der Stütze leben", sagt sie.

Die großen Instrumente zum Gegensteuern hat die Stadt allerdings nicht. Die Sozialgesetzgebung und damit auch die Armutsbekämpfung ist im Wesentlichen Sache des Bundes. Schiwy und Bürgermeisterin Strobl haben gestern deshalb gemeinsam eine Art Stoßgebet in Richtung Berlin geschickt.

Man müsse die Mutterrente reformieren, sagt Schiwy. Zeiten des Sozialbezugs müssten als Rentenzeiten anerkannt werden. Und vor allem dürfe man Mini-Jobs nicht mehr mit der Rente verrechnen. Wer sich mit Zeitungsaustragen etwas dazuverdiene, der müsse dieses Geld auch behalten dürfen, so Schiwy.

Strobl: Mindestlohn an regionale Verhältnisse anpassen

Strobl verfolgt noch ein paar andere Ansätze: So etwa fordert sie vom Bund mehr finanzielle Unterstützung beim Ausbau von Jobs für Langzeitarbeitslose. Vor allem aber müsse man den gesetzlichen Mindestlohn an regionale Verhältnisse anpassen, sagt sie. Nimmt man zum Beispiel die 1.350 Euro, die in München die Armutsgrenze definieren: "Damit kommt man im Bayerischen Wald viel weiter als in München", sagt Strobl. Reich oder arm, findet sie, sei eben immer eine Frage des Verhältnisses.

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