Interview

Ambulanz-Gründer Peter Aicher: "Man sollte auf der Wiesn impfen"

Peter Aicher hat mit seinem Rettungsdienst die Branche verändert. Heute betreibt er das Impfzentrum. Ein Gespräch über fehlende Vakzine, schlimme Erlebnisse - und seine Leidenschaft, das Trambahnfahren.
| Paul Nöllke
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Peter Aicher vor seinem Fuhrpark. Er setzt sich auch mal selbst hinters Steuer.
Peter Aicher vor seinem Fuhrpark. Er setzt sich auch mal selbst hinters Steuer. © Sigi Müller

AZ-Interview mit Peter Aicher. Der 62-Jährige gründete 1985 die Aicher Ambulanz Union.

Vor dem Interview zieht sich Peter Aicher um. "Ich wollte Sie nicht in Trambahnfahrerkleidung begrüßen", sagt er. Vor ein paar Stunden fuhr der Chef der Aicher Ambulanz Union noch die 29er-Tram durch München, nun sitzt er in seinem Konferenzraum und erzählt: Vom Impfstopp, dem Einsatz beim OEZ-Anschlag, und wie der gebürtige Giesinger vom Verkehrsmeister bei der MVG zum Chef des zweitgrößten Rettungsdiensts in Bayern wurde.

AZ: Herr Aicher, 2018 haben Sie die medizinische Versorgung auf der Wiesn übernommen, jetzt haben Sie Ihr eigenes Zelt auf der Theresienwiese. Allerdings nicht zum Bierausschenken, sondern zum Corona-Testen. Wie kam es dazu?
PETER AICHER: Die Stadt München hat sich letztes Jahr an uns gewandt und gefragt, ob wir eine Corona-Teststation aufbauen können. Erst hatten wir auf der Theresienwiese mehrere kleinere Zelte zum Testen, doch dann kamen die Herbststürme und die Zelte wären uns fast weggeweht. Da haben wir beschlossen, in einem großen Bierzelt zu testen. Das funktioniert sehr gut.

"Als wir den Auftrag bekamen, war das auch für uns eine Überraschung"

Sie betreiben nicht nur Teststationen in Bayern, sondern auch Impfzentren in Bad Tölz, Wolfratshausen, Kelheim und an der Münchner Messe. Wie kommt es, dass die Stadt Sie als privates Unternehmen für diese wichtigen Projekte beauftragt?
Die Stadt München hat über die Jahre gute Erfahrungen mit uns gemacht, ob bei der Flüchtlingskrise, als wir die Asylsuchenden am Hauptbahnhof versorgten oder auf der Wiesn.

Als Ihnen die medizinische Versorgung auf der Wiesn anvertraut wurde, war das ja allerdings ein kleiner Skandal ...
Das Bayerische Rote Kreuz (BRK) hatte seit 130 Jahren für die medizinische Versorgung auf der Wiesn gesorgt. Als wir den Auftrag bekamen, war das auch für uns eine Überraschung.

Wie haben Sie sich gegen das BRK durchgesetzt?
Die Stadt hat die Vergabe mit einer europaweiten Ausschreibung geregelt, in der ausschließlich der Preis ausschlaggebend war. Der günstigere Anbieter bekommt also den Auftrag. In dem Fall waren das wir. Eigentlich ist es auch nicht ungefährlich, so etwas über den Preis zu vergeben, es könnten auch Unternehmen den Auftrag erhalten, denen unsere Bedingungen in München nicht bekannt sind, solange sie die Günstigsten sind.

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So argumentierte das BRK und beantragte noch eine Nachprüfung, weil es an Ihrer Leistungsfähigkeit zweifelte, aber Sie bekamen recht.
Solche Hürden waren wir aus der Vergangenheit gewohnt. Als ich die Aicher Ambulanz 1985 gründete, mussten wir 47 Prozesse führen, um arbeiten zu können. Wir gewannen alle bis auf einen.

Wie kamen Sie überhaupt dazu, einen eigenen Rettungsdienst zu gründen?
Die Idee kam, als ich beim BRK in der Rettungsleitstelle arbeitete. Damals mussten Patienten oft Stunden warten, bis ein Krankentransport sie ins Krankenhaus zu einer Operation fuhr. Außerhalb von Bayern gab es schon private Krankentransporte, hier aber nicht.

Sie kauften also einen Krankenwagen und fuhren los?
Nicht ganz. Nach meiner Arbeit beim BRK arbeitete ich erst als Verkehrsmeister bei der Stadt. Ich hatte eine junge Familie und dort verdiente ich mehr als in der Rettungsleitstelle. Doch die Idee vom Krankentransport ließ mich nicht los, ein Freund bekräftigte mich, mein Unternehmen zu gründen.

"Mein Onkel sagte, der Bub ist verrückt geworden"

Was sagte Ihre Familie, als Sie den sicheren Job bei der Stadt aufgaben, um einen Krankentransport zu gründen?
Meine Mutter war schon stolz, aber mein Onkel sagte, der Bub ist verrückt geworden.

Sie versuchten es trotzdem. Wie fingen Sie an?
Mit einem Krankenwagen und einem hauptamtlichen Mitarbeiter. Den Krankenwagen habe ich selber gefahren. Am Anfang war es nicht leicht, die Krankenkassen wollten uns nicht bezahlen, wir hatten 700.000 Mark in ausstehenden Rechnungen. Da hat man schlaflose Nächte. Aber am Ende haben wir uns durchgesetzt, bald durften wir nicht nur Krankentransporte fahren, sondern wurden auch in den öffentlichen Rettungsdienst der Stadt eingebunden.

Gibt es Einsätze, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?
Da gibt es mehrere. Es gibt natürlich Highlights, wie auf dem Nockherberg oder bei den Spielen der Löwen Sanitätsdienst machen zu dürfen, als Giesinger ist das eine Ehre! Auch ein toller Moment war, als ich auf der Wiesn den Schlüssel zum Behördenhof bekam, und dort das Tor öffnen durfte. Aber es gibt auch andere Einsätze, die einem ganz schön nahe gehen.

Zum Beispiel?
Unser Einsatz beim rassistischen Attentat am OEZ. Ich habe da einen Rettungsbus gefahren, unsere Aufgabe war es, Menschen aus einer Tankstelle zu evakuieren. Da fuhr dann auch ein Ehepaar mit, welches seinen Sohn vermisste. Ich sprach mit ihnen und versuchte, sie zu beruhigen. Weil sie nicht wussten wohin, nahmen wir sie auf weiteren Evakuierungsfahrten mit. Keiner konnte uns sagen, was mit ihrem Sohn geschehen war. Dann bekam ich einen Funkspruch, ich sollte das Ehepaar zur Betreuungsstelle für Angehörige fahren. Dort haben wir dann erfahren, dass ihr Sohn mit 15 Jahren erschossen worden war. So etwas lässt einen nicht kalt, egal wie lange man schon in dem Job arbeitet.

"Trambahnfahren ist für mich Entspannung"

Wie entspannt man sich in so einem belastenden Job?
Ich fahre Trambahn. Das ist für mich Entspannung. 2019 hat mir ein Bekannter geraten, mich doch einmal als Trambahnfahrer zu bewerben. Ich hatte ihm erzählt, dass ich die neuen Trambahnzüge so toll fand. Früher, als ich noch bei der Stadt gearbeitet hatte, war ich schon einmal als Trambahnfahrlehrer tätig gewesen. Ich habe mich also beworben und hatte einen Tag vor meinem 60. Geburtstag mein Vorstellungsgespräch - und wurde genommen. Wenn ich Tram fahre, muss ich mich ganz auf die Fahrt konzentrieren, das nimmt einem den Stress.

Viel Stress dürften Sie auch jetzt haben. Sie organisieren das Impfzentrum in München.
Allerdings. Man steht permanent in der Öffentlichkeit und darf sich keine Fehler erlauben. Der Druck ist seit Monaten enorm.

Was ist die größte Herausforderung für das Impfzentrum?
Wir hatten anfangs nur wenig Impfstoff. Dazu kommt, dass es sehr schwer ist, Impfungen zu planen. Wenn zum Beispiel die Impfung mit Astrazeneca gestoppt oder verändert wird, müssen wir alle bereits vereinbarten Termine sehr kurzfristig umplanen. Übrigens müssen die Impfstoffe unterschiedlich gelagert und transportiert werden.

"Nach der Pandemie laden wir alle ein, die uns unterstützt und geholfen haben und feiern!"

Haben Sie Vorschläge, wie die Stadt besser impfen könnte?
Mein Vorschlag wäre, auf der Theresienwiese zu impfen. Nicht nur die Aicher Ambulanz Union, sondern auch andere Hilfsorganisationen. Jede hätte ein Zelt, in dem sie impfen könnte. Wie auf dem Oktoberfest. Die Theresienwiese ist ja auf große Massen von Leuten ausgelegt und gut zu erreichen.

Man hört viel Negatives über das Impfen, gibt es denn auch Dinge, die sehr gut laufen?
Auf jeden Fall! Die Zusammenarbeit vor Ort zum Beispiel. Das sind wir ja schon von der Wiesn gewohnt, aber es ist trotzdem beachtlich, wie gut wir mit der Stadt, der Messe, der Kassenärztlichen Vereinigung, der Branddirektion und dem MKT-Krankentransport zusammenarbeiten. Zudem ist die Hilfsbereitschaft allgemein sehr groß. Genauso wie die Dankbarkeit der Geimpften. Das ist sehr schön.

Wie feiern Sie, wenn die Pandemie vorbei ist?
Dann mieten wir eine Party-Tram und fahren mit ihr durch München. Das haben wir auch schon nach der Wiesn gemacht, die Tram schmücken wir immer selbst. Nach der Pandemie laden wir alle ein, die uns unterstützt und geholfen haben und feiern!

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