"Man muss das doch leben!" – München feiert den CSD

Bei 36 Grad in einer Betonwüste wie der Ludwigstraße mit 300.000 Anderen über den fast glühenden Asphalt federn? Na merci! Wer sich das am Samstag, dem bislang heißesten Tag des Jahres, tatsächlich antut, statt in irgendeinem kühlen Keller auszuharren, der hat eine wichtige Lektion gelernt, nämlich die hier: Lebensfreude kennt keine Temperatur.
Da kann der Planet herunterbrennen wie er will: Die queere Community lässt sich von so etwas doch nicht aufhalten. Da hat man schon ganz andere Probleme bewältigt. Und damit willkommen beim Christopher Street Day! Oder wie es in der Szene heißt: "Happy pride!"
Bill Kaulitz in gelben Cowboyboots
Noch nie hat der CSD drei Tage gedauert, noch nie war er so groß, und ob er schon mal so bunt war? Die als stets als farbenfroh gepriesene Wiesn wirkt jedenfalls dagegen wie eine fade Schwarz-Weiß-Veranstaltung. Fotograf möchte man an diesem Tag nicht sein, weil einem wegen der hunderttausend Motive wohl die Synapsen einen Streich spielen würden. Allein Bill Kaulitz, der in gelben Cowboyboots und mit knielangen Glitzershorts auf dem "Hans im Glück"-Wagen mitfährt, dürfte tausendfach abgelichtet worden sein. "Glamming vor CSD Munich" hatte er zuvor auf Instagram gepostet – hat geklappt.

"Unsere Vielfalt. Unsere Stärke": OB Krause feiert mit seinem Verlobten
Dezent dagegen der Schirmherr: OB Dominik Krause. In Polo-Shirt und heller Shorts führt er die Pride-Parade an, von der Fraunhoferstraße zum Sendlinger Tor, von dort über die Sonnenstraße bis zur Pride-Meile auf der Ludwigstraße. Neben ihm: sein Verlobter Sebastian Müller, den er gleich zu Beginn der Parade fast demonstrativ küsst. In Händen tragen die beiden, die von der Zweiten Bürgermeisterin Mona Fuchs und Bernd Müller von der Rosa Liste eingerahmt werden, ein Banner mit dem CSD-Motto: "Unsere Vielfalt. Unsere Stärke".

Vielfältig ist der kunterbunte Tross allemal. Da ist zum Beispiel Andi aus der Oberpfalz, der die "maue bis ausbaufähige Community" in seiner Heimat beklagt: "Bei uns gibt‘s so was nicht. Man muss das doch leben!" Oder das Mutter-Tochter-Duo mit Regenbogenflagge und Sonnenschirm: ein Paradebeispiel, wie sich Eltern zum queeren Nachwuchs verhalten sollten. "Ich habe es von Anfang an gewusst", erzählt die Mutter, "aber wir sind alle so, wie wir sind. Alles ist möglich."
Wasserpistolen und Sprühflaschen sorgen für Abkühlung
Wohl wahr. Wenn Extrem-Bedingungen angesagt sind, tut sich auch etwas in der Stadt: Auf der vom Odeonsplatz bis zum Siegestor reichenden Pride Mile hat die Feuerwehr zig Sprenkleranlagen und Trinkbrunnen aufgestellt. Auch Polizei und THW stehen für den Notfall parat. Den Rest besorgen vor allem während der Pride Parade so manche Anwohner, die das quiekende Partyvolk mit Wasserpistolen und Sprühflaschen nass spritzen. Ein Spaß!
Ernst wird es, als OB Krause mit gehöriger Verspätung eine sehr bürgermeisterliche Rede hält und für Zusammenhalt und Respekt wirbt: "Lasst die Leute doch so sein, wie sie sind." Auf seinem Insta-Account als OB hatte man ihn zuvor noch mit Trinkflasche gesehen und dem Text: "Wasser sparen!" Gilt natürlich nicht für den diesjährigen CSD, ganz im Gegenteil.