90-Jährige darf in ihrem Haus bleiben
Seit 71 Jahren wohnt Rosa Stock im Westend – bis ihr der Vermieter kündigte.Die AZ berichtete über den Fall. Jetzt darf die 90-Jährige in dem Haus wohnen bleiben.
München -Rosa Stock kämpft gegen die Kündigung ihrer Wohnung im Westend. Die AZ berichtete. Seit 71 Jahren wohnt sie in dem Haus in der Bergmannstraße, seit 54 Jahren in der gleichen Wohnung.
Jetzt will der Hausbesitzer ihre Wohnung mit der Nebenwohnung zusammenlegen, den Dachstuhl darüber umbauen und so eine größere Wohnung weiter vermieten. Gekündigt wurde Rosa wegen „Hinderung an einer angemessenen wirtschaftlichen Verwertung des Grundstücks”.
Das hieße: durch die niedrige Miete, die Rosa Stock seit Jahren zahlt, wird der Hausbesitzer daran gehindert, angemessenen Profit mit seinem Haus zu machen. Rosa Stock zahlt für ihre 50 Quadratmeter zurzeit 250 Euro warm.
Dagegen steht allerdings die soziale Härte, einer 90-Jährigen Frau mit kleiner Rente nach Jahrzehnten die Wohnung zu kündigen.
Für die alte Dame ist die Wohnung zentraler Lebensmittelpunkt. Nachbarn unterstützen die alleinstehende Frau bei Einkäufen oder jetzt nach einer Schulteroperation. Dass sie ausziehen soll, war für Rosa Stock ein Schock.
Vor Gericht argumentiert ihr Vermieter nun vor allem mit der Statik des Hauses. Die Statik des Dachstuhls sei nicht mehr gewährleistet, es müsse dringend umgebaut werden, sonst müsse er als Hausbesitzer haften. In dem ersten Kündigungsschreiben, das Rosa Stock bekam, war von der Statik allerdings noch keine Rede gewesen, da ging es nur um die Wirtschaftlichkeit. Rosa Stocks Anwälte kontern: „Wenn das Haus so einsturzgefährdet ist, müssten wir ja sofort evakuieren!”
Die Richterin kürzt die Sache ab: „Die Frage der Statik müsste ohnehin ein Sachverständiger klären.” Statt dessen versucht sie, auf die Kompromissbereitschaft beider Parteien einzugehen.
Der Vermieter hatte der Frau bereits eine Ersatzwohnung im gleichen Haus angeboten – allerdings war sie zu teuer für sie, die nach einem langen Arbeitsleben als Bedienung nur eine kleine Rente zur Verfügung hat. Jetzt ist der Hausbesitzer bereit, mit der Miete weiter runter zu gehen. Zuletzt wird um 100 Euro gefeilscht – für Rosa Stock ist das viel Geld. Schließlich lenkt der Vermieter ein. Sein Angebot: 200 Euro kalt plus 120 Euro Nebenkosten.
Die neue Wohnung hat zurzeit zwar nur eineinhalb Zimmer, es soll nun aber eine Trennwand eingezogen werden, so dass Rosa Stock wie früher eine kleine Küche, ein Wohnzimmer und ein Schlafzimmer hat. Auch die Kosten für den Umzug übernimmt der Hausbesitzer. „Mir geht es nicht um das große Geld. Ich habe Frau Stock immer wieder Kompromissangebote gemacht”, sagt der Hausbesitzer zur AZ. Rosa Stocks Anwältin Silke Ackermann sieht das anders. „Wenn er Kompromisse gewollt hätte, hätte er ja keine Klage einreichen müssen.”
Sie will jetzt aber mit ihrer Mandantin in Ruhe die Ersatzwohnung ansehen und dann mit ihr besprechen, ob man den Vergleich annimmt. Vor allem um ihr die Strapazen eines langen Rechtsstreits zu ersparen, der sich dann wohl vor allem um die Statik des Hauses drehen würde.
Nach der Verhandlung sitzt Rosa Stock erschöpft im Gang des Amtsgerichts. „Ich hab’ mir halt immer gewünscht, dass ich der Wohnung bleib, bis ich sterbe”, sagt sie. „Das Ziel hab ich nicht erreicht. Ich muss mich jetzt mit dem Gedanken befassen, dass ich nochmal umziehen muss.”
Ihre Anwältin sagt: „Es wäre juristisch durchaus interessant, das durchzufechten. Aber wir müssen Rücksicht nehmen auf Frau Stock, darauf, was sie sich zutraut und was sie letztlich möchte.”
Aber heute wirkt Rosa Stock so, als wolle sie nur noch in Frieden leben. „Das muss ja ein End’ haben.”
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