700 Jahre Münchner Stadtfinanzen: Der Gehaltszettel des Henkers

Vor 700 Jahren wurden erstmals Münchens Finanzen schriftlich fixiert. Das historische Dokument erzählt viel über die damalige Zeit - zum Beispiel, was ein Henker die Münchner kostete.
| Florian Zick
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Mittelalterliche Buchführung: Die älteste Kammerrechnung der Stadt stammt aus dem Jahr 1318. In ganz Deutschland ist keine ältere erhalten. Mit sauberen Tabellen hatte man es damals freilich noch nicht so.
Stadtarchiv, ZIM-45-1; dpa Mittelalterliche Buchführung: Die älteste Kammerrechnung der Stadt stammt aus dem Jahr 1318. In ganz Deutschland ist keine ältere erhalten. Mit sauberen Tabellen hatte man es damals freilich noch nicht so.

München - Man stelle sich mal vor, Münchens Kämmerer Ernst Wolowicz (SPD) würde sich einfach einen kleinen Privatkredit geben. Ein fünfstelliger Betrag aus dem Stadtsäckel – nur, weil er sich gerne ein neues Auto leisten würde oder sein Wohndomizil etwas aufhübschen möchte. Heute absolut undenkbar.

Früher war das freilich anders. Mathematik gehörte im späten Mittelalter noch nicht zu den weit verbreiteten Begabungen. In der Regel stellten deshalb die an Buchführung gewohnten Kaufmannsgeschlechter die Stadtkämmerer. Und die scheuten sich keineswegs davor, öffentliche Gelder auch für ihre privaten Handelsunternehmen zu verwenden.

Woher man das so genau weiß? Ganz einfach: Diese sogenannten Kämmererschulden stehen in der ältesten erhaltenen Kammerrechnung der Stadt. Diese stammt aus dem Jahr 1318. Heuer ist es also genau 700 Jahre her, dass man in München erstmals nachweislich einen städtischen Haushalt aufgestellt hat.

Seit 1294 darf München Steuern erheben

Zu diesem Jubiläum hat sich ein Team, bestehend aus der Historikerin Bettina Pfotenhauer, Stadtarchivar Michael Stephan und Gesine Beste von der städtischen Kämmerei, das historische Dokument noch einmal genau angeschaut.
Besagte Kammerrechnung ist ein in rotes Schafsleder eingebundenes Geheft, 29 mal 22 Zentimeter groß und vier Zentimeter dick. Einige Seiten sind im Laufe der Zeit verlorengegangen. Die verbliebenen Blätter wissen aber eine durchaus interessante Geschichte zu erzählen.

München war Anfang des 14. Jahrhunderts eine aufstrebende Stadt. Mit seinen knapp 10.000 Einwohnern war das Isarmetropölchen zwar deutlich kleiner als Regensburg, Augsburg oder Nürnberg. Im oberbayerischen Raum aber hatte München schon ordentlich Gewicht. So zahlte die Stadt dem Herzog schon damals etwa doppelt so viele Steuern wie Ingolstadt.

1294 hatte Herzog Rudolf der Stadt mit der Rudolfinischen Handfeste das Recht eingeräumt, selbst Steuern zu erheben. Um eine ordentliche Buchführung kam man in München fortan also kaum mehr herum. Es begann die Zeit der Kämmerer. Die Finanzbeamten arbeiteten damals noch weitgehend ehrenamtlich. Bis 1414 betrug der offizielle Sold jährliche drei Pfund Pfennige sowie eine Ration Gänse, Käse und Lebkuchen. Gemessen am Aufwand war das aber eine überaus schlechte Entlohnung.
Die Kämmerer hatten dafür allerhand Bevollmächtigungen. Sie verliehen das Bürgerrecht, erließen Verordnungen, verhängten Bußen und Strafen – und trieben natürlich die Steuern ein.

Sold für den Henker und den Feuerwächter

Einnahmen in Höhe von 45 Pfund und 55 Pfennige wies die Bilanz für das Jahr 1318 auf. Mit diesem Geld wurden einige Ausgaben finanziert, die man in den städtischen Büchern heute vergebens suchen würde. So ist in der Kammerrechnung unter anderem der Sold für einen Henker und für Feuerwächter aufgelistet, die vom Alten Peter aus Ausschau hielten. Der Bürger bekam vom städtischen Haushalt damals freilich noch recht wenig mit. Die Rechnungslegung der Kämmerer erfolgte geheim vor einem Ausschuss des Rates, in dem fast ausschließlich die mächtigen Münchner Patrizierfamilien vertreten waren.

Beim Volk auf der Straße sorgte dieses Machtgeklüngel zunehmend für Misstrauen und Empörung. 1398 kam es deshalb zur Revolution. Die Aufständischen besetzten das Rathaus. Es wurde ein Gemeinderat gewählt, in dem auch die einfache Bürgerschaft vertreten war. Und auch die Kämmerei wurde um einen Prüfer aus dem städtischen Plebs ergänzt.

An den Kammerrechnungen sieht man übrigens, dass städtische Finanzbeamte auch damals schon sehr redliche Leute waren. Das mit den Privatkrediten der Kämmerer kam der Bürgerschaft nämlich überaus merkwürdig vor. Nach dem Volksaufstand verfügte der Gemeinderat deshalb eine Revision auch der älteren Finanzbücher. Und siehe da: keine Beanstandungen. Die Kämmerer hatten ihre Schulden beim Stadtsäckel offenbar stets feinsäuberlich beglichen.

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