50.000 neue Wohnungen in München: Herr Krause, halten Sie Ihr Versprechen?
AZ: Herr Krause, wie sind Sie heute in die AZ-Redaktion gekommen: mit dem Auto im Stau gestanden oder im Ersatzbus gedrängelt, weil die U-Bahn nicht fährt?
DOMINIK KRAUSE: Ich bin geradelt. Und zum Glück gab es keinen Stau, nur um die Wiesn-Baustelle musste ich rum.
Die Baustellen sind für viele Münchner in diesem Sommer ein großer Aufreger. Können Sie Besserung versprechen für die nächsten Jahre?
Wir hoffen, dass wir die Organisation der Baustellen straffen können, für mich ist das ein zentrales Thema. Es ist schwer verständlich, dass eine Baustelle abgesperrt ist und dann zwei Wochen nichts passiert. Oder eine weg ist und dann kurz danach direkt daneben die nächste beginnt.
Das Problem ist also erkannt. Aber?
Wir machen unsere Hausaufgaben. Aber hier zu versprechen, dass morgen alle Baustellen weg sind – das wäre nicht ehrlich. Große Teile der Münchner Verkehrsinfrastruktur wurden in den 70er Jahren gebaut und sind jetzt sanierungsbedürftig. Das ist ein Grund, warum sich gerade so viel ballt.

In München sind 900.000 Autos zugelassen, man hat fast die höchste Kfz-Dichte in Deutschland. Frustrierend für einen grünen OB?
Ich finde, wir sollten da nicht moralisierend drauf schauen. Die Leute sollen selbst entscheiden, wie sie unterwegs sein wollen. Der Großteil der Münchnerinnen und Münchner will mehr Aufenthaltsqualität, mehr Grün. Der Stau kommt vor allem daher, dass die Stadt immer voller wird, deshalb müssen wir den Straßenraum effizienter aufteilen.
Aber Sie selbst fahren immer Rad.
Ich bin zwar mit dem Radl da. Aber ich bin auch ein Schönwetterradler. Wäre ich eine halbe Stunde später hierher losgefahren, hätte es geregnet. Dann hätte ich auch ein anderes Verkehrsmittel genommen.

Mit Ihrer Wahl ging eine positive Aufbruchsstimmung einher. Inzwischen gibt es auch ganz andere Stimmen. Die Berliner „Taz“ etwa schrieb in Zusammenhang mit der Intendanz der Kammerspiele, Sie hätten „gar keine Haltung und das genügt, wenn die einzige Agenda sparen ist“. Haben Sie Sorge, dass die Stimmung kippt – und Sie nur noch als Sparkommissar wahrgenommen werden?
Ja, wir haben uns als Koalition das Sparen vorgenommen. Aber: Wir sparen ja auch, um wieder Handlungsspielräume zu haben. Wir wollen Dinge vorantreiben. Und das klappt auch. Ich hätte nicht gedacht, dass wir zum Beispiel beim Wohnen nach 100 Tagen schon so viel angeschoben haben.
Olympia soll München beim Ausbau der Infrastruktur helfen
Na ja, also bis zu den versprochenen 50.000 Wohnungen ist schon noch ein weiter Weg zu gehen.
Das ist schon richtig. Aber wir haben beispielsweise die Umbauagentur beschlossen. Ich bin im Wahlkampf belächelt worden, als ich gesagt habe, wie viele Büroflächen wir in Wohnraum umwandeln wollen. Jetzt haben wir die Rahmenbedingungen dafür, der Bund hat sogar ein Förderprogramm für Umwandlungen aufgelegt und bei mir hat sich schon jetzt eine zweistellige Zahl an Eigentümerinnen und Eigentümern gemeldet, die das auf den Weg bringen wollen.
Und was ist mit den 50.000? Die waren zu ambitioniert, oder?
Ich finde, die politische Mitte darf nicht aufhören, ambitionierte Ziele zu formulieren. Politik muss einen Gestaltungsanspruch haben. Ich habe nicht versprochen, das Wohnungsproblem komplett zu lösen. Ich habe versprochen, das Thema von Tag 1 an mit Hochdruck anzugehen. Und das tue ich auf allen möglichen Ebenen.
Welche Rolle spielt die Olympia-Bewerbung?
Eine große. Noch so ein Punkt, wenn kritisiert wird, es würde nur ums Sparen gehen. Olympia ist doch das beste Beispiel, dass wir eine gemeinsame Erzählung entwickeln, wo es hingeht. Neben den Sport-Veranstaltungen haben wir in unserem Olympia-Konzept auch formuliert, was für die Zukunft unserer Stadt notwendig ist: der Ausbau der U-Bahn oder die Entwicklung neuer Wohnungs-Areale.
Eine riskante Strategie. Es kann auch passieren, dass sich all das in ein paar Wochen erledigt hat – wenn München nicht den Zuschlag bekommt, deutsche Bewerberstadt zu werden. Was würde dann eigentlich passieren?
Dann würden wir trotzdem an den Infrastrukturprojekten festhalten – sie sind ja nötig für die Zukunft Münchens. Aber so ehrlich muss man sein: Dann würde uns der zeitliche Turbo fehlen und auch die finanzielle Unterstützung. Es würde dann deutlich schwieriger, Dinge auf den Weg zu bringen.
Nußbaumpark: Krause fordert Drogenkonsumräume
Stichwort Nußbaumpark, der jetzt umgebaut wird, wo die Polizei Kameras aufstellt, der Kontrolldruck erhöht werden soll. „Wo sollen wir denn hin?“, hat ein Suchtkranker dazu der AZ gesagt. Die Frage würden wir gerne an den OB weitergeben – und ergänzen: Was ist gewonnen, wenn die Leute verdrängt werden und dann am Alten Südfriedhof stehen?
Meine Antwort darauf ist in erster Linie, dass wir Drogenkonsumräume brauchen, wo die Menschen aus der Sucht heraus begleitet werden. In München sind wir uns da ja auch bis zur CSU einig, leider stellt sich die Staatsregierung quer und verbietet das.
Und deshalb setzt man nur auf Kontrollen?
Im Nußbaumpark gibt es große Probleme, einen hohen Handlungsdruck. Dass ein Pfarrer angegriffen wurde, ist nur ein Beispiel. Deshalb gibt es dort jetzt auch Videoüberwachung durch die Polizei. Als Stadt intensivieren wir gleichzeitig Streetwork. Es ist klar, dass dort ein Teil der Menschen kriminell ist, aber eben auch viele suchtkrank. Diesen Menschen wollen wir helfen.
Sprechen wir über die Kulturpolitik. In wenigen Wochen endet die Zwischennutzung Fat Cat im Gasteig. Droht dort am Ende ein langer Leerstand, bei dem man denkt: Hätte man die Künstler doch drin gelassen?
Nein.
Wie geht es konkret weiter?
Ende des Jahres muss alles leergeräumt sein, dann kann die Schadstoffsanierung beginnen, auf die folgt dann die Generalsanierung.
Glauben Sie ernsthaft an die angestrebte Eröffnung des neuen Gasteigs zum Silvesterkonzert 2032?
Ich freue mich darüber, dass der Geschäftsführer einen ambitionierten Zeitplan hat. Dass es gelingen kann, hat er beim Bau der Isarphilharmonie schon einmal unter Beweis gestellt, da wurde der Kosten- und Zeitplan eingehalten. Aber man muss schon auch zugeben, dass es bei solchen Großprojekten immer zu Unwägbarkeiten kommen kann.
Fat Cat: Wohin können die Künstler ausweichen
Kann die Stadt den bisherigen Fat-Cat-Nutzern etwas anbieten?
Die Kulturbürgermeisterin ist in einem intensiven Austausch mit den Nutzern. Grundsätzlich gibt es zwei naheliegende Orte, für die beide aber der Freistaat verantwortlich ist: das Strafjustizzentrum und das BR-Hochhaus. Viele in der Kulturszene finden diese Standorte sehr interessant. Unabhängig davon versuchen wir als Stadt natürlich auch, Räume zur Zwischennutzung für Kultur zu identifizieren.
Was muss die neue Leitung der Kammerspiele können, was die bisherige Intendantin nicht konnte?
Ich vertraue auf das Urteil, das die Findungskommission fällen wird. Aber ich bin kein Teil von ihr.

Die Kommission arbeitet halt nicht öffentlich. Deshalb fragen wir Sie: Wenn man mit Frau Mundel nicht verlängert, muss es doch etwas geben, was man sich für die Zukunft anders wünscht.
Ihre Frage fängt an der falschen Stelle an. Dieser Prozess wurde begonnen, weil der Vertrag von Frau Mundel regulär ausläuft und deshalb eine Nachfolge gesucht wird. Ganz am Ende wird die Entscheidung beim Stadtrat liegen.
Aus der Kulturszene heißt es, die Stadtspitze würde sich nur sehr selten in kulturellen Einrichtungen blicken lassen. Wann waren Sie denn das letzte Mal in den Kammerspielen?
Ich war das letzte Mal dort bei Play Auerbach, ein Stück, das sich mit Antisemitismus beschäftigt. Das Thema bewegt mich politisch und ich finde gut und wichtig, dass die Kammerspiele auch ein politischer Ort sind. Insgesamt gehe ich sehr gerne ins Theater, ins Kino, in Museen. Muss aber zugeben, dass das mit dem Kalender eines Oberbürgermeisters nicht mehr so oft vereinbar ist.
Vor dem ersten Wiesn-Anzapfen: Krause will keinen Versprecher
Das Deutsche Theater ist im Koalitionsvertrag gelandet, hier will man sparen. Ist das nicht grotesk – wenn am Ende die Ballsaison und Veranstaltungen für die Stadtgesellschaft gestrichen werden könnten, der Silbersaal nicht mehr bespielt würde, es nur noch ein reines Musicaltheater wäre?
Stadträte und der Aufsichtsrat beschäftigen sich gerade intensiv mit der Zukunft des Deutschen Theaters. Ich kann versichern, dass es in allen Fraktionen beherzte Kulturpolitiker*innen gibt. Und ich persönlich finde, dass das Deutsche Theater aus der Stadt nicht wegzudenken ist. Wir sollten froh sein, dass wir diesen Ort haben.
Also kein Anlass zur Sorge um die traditionellen Faschingsbälle?
Auch im Stadtrat und an der Stadtspitze gibt es große Faschingsfans.

Zur Wiesn: Sie sind ins Anzapf-Training eingestiegen. Üben Sie auch vor dem Spiegel „Ozapft is!“ zu rufen?
Nein, aber ich hoffe natürlich, dass mir kein Versprecher passiert wie einem meiner Vorgänger, der „Izapft os!“ gerufen hat.
Was ist, wenn beim ersten Anzapfen was schief geht?
Christian Ude hat mir geraten, es so zu sehen: Wenn es viele Schläge sind, dann bin ich zumindest in aller Munde. Über zwei spricht doch keiner. Ude hat beim ersten Mal übrigens sieben Schläge gebraucht.
Kölsch auf der Wiesn? Krause sagt Nein
2025 gab es ein Gedränge, das fast in einer Katastrophe geendet wäre, Teile des Festgeländes wurden überhastet geräumt. Jetzt sind Sie OB, wie sehr vertrauen Sie den Sicherheitsmaßnahmen?
Ich finde, es hat letztes Jahr zu lange gedauert, bis man Fehler eingestanden und mit der Aufarbeitung begonnen hat. Dann aber hat man das sehr ernsthaft getan. Jetzt geht es vor allem darum, Dynamiken auf dem Gelände rechtzeitig zu erkennen und dann unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen. Ich werde mir das Konzept selbst nochmal vor Ort auf der Wiesn zeigen lassen.
Wir fürchten, Ihr Lieblingszelt verraten Sie uns nicht.
Da haben Sie recht.
Wiesn-Wirte halten Kölsch und Guinness für eine große Gefahr für die Wiesn. Würden Sie ein Kölsch nehmen?
(lacht) Im Allgemeinen finde ich, dass man auch sehr gut mal ein Kölsch trinken kann. Aber ich finde auch, dass es nicht auf die Wiesn gehört. Die ist ein Fest des Münchner Bieres und das ist auch gut so und soll so bleiben.
Wie viele Lederhosen haben Sie?
Gute Frage.
Klingt nach sehr vielen.
(lacht) Nein, vielleicht drei.



