50 Millionen weniger für soziale Einrichtungen in München: Welche Einschnitte auf die Stadt zukommen

"Und jetzt den linken Fuß kreisen", sagt Barbara Oberhofer. Sie gibt seit 30 Jahren Gymnastikkurse für Senioren beim Verein "Zusammen aktiv bleiben" (ZAB), sie ist inzwischen selbst Anfang 70 – älter als so manche ihrer Teilnehmerinnen und trotzdem die fitteste im Raum. Um sie herum sitzen um die zehn Seniorinnen in einem Stuhlkreis, die alle ihr Bein nach oben halten, den Fuß kreisen, erst links herum, dann rechts herum.
Zwischen zehn und 15 Frauen kommen jeden Mittwochvormittag hierher für die Gymnastik. "Mit Bewegung wird man weniger krank", sagt Gertrud Cordis, 86 Jahre alt.
"Auch das soziale Umfeld ist wichtig", sagt Elke Falkenstein (83). "Hier sieht man bekannte Gesichter." Die meisten, die an dem Kurs teilnehmen, sind Witwen oder haben Männer, die die Wohnung nicht mehr verlassen.
"Es sind Freundschaften entstanden"
"Wir gehen auch mal zusammen ins Konzert oder auf den Weihnachtsmarkt", erzählt Falkenstein. "Es sind Freundschaften entstanden", fügt Gymnastiklehrerin Oberhofer hinzu. Sie mache mit ihren Teilnehmerinnen (Männer dürfen zwar auch kommen, tun sie aber nicht) Koordinations-, Kraft- und Gleichgewichtsübungen. Die Finger trainiere sie ebenfalls – das sei Demenz-Prävention. "Gehirn und Finger arbeiten eng zusammen."

Eine Gymnastikstunde kostet die Seniorinnen 4,30 Euro. Danach können sie jeden Mittwoch noch für fünf bis sechs Euro bei dem Verein mittagessen, immer drei Gänge, heute gibt es zum Nachtisch Kaiserschmarrn mit Vanillesoße.
"Auch sozial findet man bei ZAB immer einen Ansprechpartner", sagt Doris Hartner – noch eine Teilnehmerin des Gymnastikkurses. Zum Beispiel koordiniert die Kursleiterin Barbara Oberhofer einen Hilfsdienst, bei dem rüstige Rentner weniger fitte unterstützen; beim Einkauf oder bei Reparaturen. Auch bei Fragen rund um PC, Smartphone und Internet hilft der Verein. Und er bietet Vorträge, Führungen und Kurse – nicht nur Gymnastik, sondern zum Beispiel auch Aquarellmalerei, Bauchtanz, mehrere Sprachen.
"Wir versuchen mit unserem Programm, die Senioren aus ihren Wohnungen zu locken. Und wir wollen, dass sie Kontakte knüpfen, dass sie in dieser Millionenstadt nicht abgehängt werden", sagt Freddy Körner, ein Sozialpädagoge, der vor gut 40 Jahren beim ZAB als Praktikant angefangen hat und inzwischen Geschäftsführer ist.
"Münchens Angebot in der Altenhilfe ist sensationell"
Das ZAB an der Schleißheimer Straße ist nicht die einzige Einrichtung in München, die ältere Menschen unterstützt. Die Stadt fördert insgesamt 25 offene Angebote für Senioren. In München gibt es außerdem 34 Alten- und Service-Zentren, die neben Kursen und Beratung ebenfalls ein günstiges oder zum Teil sogar kostenloses Mittagessen anbieten. In zwölf Sozialbürgerhäusern arbeiten Sozialarbeiter, die für ältere Menschen zuständig sind. Und es gibt noch 17 weitere Beratungsangebote für ältere Menschen und ihre Angehörigen.
"Münchens Angebot in der Altenhilfe ist sensationell", findet Freddy Körner. Und gleichzeitig sei nichts davon zu viel: In München sind schließlich rund 270.000 Menschen älter als 65 Jahre. 35 Millionen Euro ließ sich die Stadt all ihre Angebote für Senioren kosten.

Das Problem ist nur: Die Stadt kann sich das nicht mehr leisten. Die Kosten für Soziales in München sind enorm gestiegen. 2025 gab die Stadt rund 374 Millionen Euro für Zuschüsse an soziale Träger aus. Zehn Jahre zuvor lag der Betrag noch bei 147 Millionen Euro. Dass sich die Kosten so erhöht haben, liegt unter anderem an gestiegenen Personal-, Miet- und Mietnebenkosten.
50 Millionen will die Stadt kürzen
Wegen der Haushaltskrise hat sich die Stadt vorgenommen, den sozialen Trägern in allen Bereichen rund 50 Millionen Euro weniger zur Verfügung zu stellen. Um zu ermitteln, wo gekürzt wird, welche Angebote gestrichen oder welche Einrichtungen zusammengelegt werden könnten, hat die Stadt mit den sozialen Trägern einen aufwendigen Prozess gestartet.
"Zukunftssicherungsprozess" hat die Stadt diesen getauft. Die Linke lehnte das Ganze ab – weil sie einen Kahlschlag im Sozialen erwartet. Doch eine breite Mehrheit – auch die CSU – hat zugestimmt, diesen Prozess zu starten.
Wo genau gekürzt wird, weiß bislang offiziell noch niemand. Auch Karin Majewski, die Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, zu dem auch das ZAB gehört, wartet gespannt auf die Beschlussvorlage.
In den vergangenen Monaten haben sie und Vertreter anderer sozialer Träger mit der Stadt Kriterien ermittelt, wie bestimmt wird, wo Angebote gekürzt werden könnten. Eine Rolle spielt zum Beispiel, wie die Altersstruktur in dem Stadtteil aussieht, wie er wächst und welches Angebot vorhanden ist.
"Die Entscheidung trifft am Ende die Politik. Da werden wir nicht mehr beteiligt", sagt Majewski. Dass die Stadt diesen aufwendigen Prozess gestartet hat, dass nicht einfach mit dem Rasenmäher gekürzt wird, findet sie gut. Doch, ob sich die Stadt am Ende an die Kriterien hält? Das müsse man sehen, sagt Majewski.
Ursprünglich war angedacht, dass der Stadtrat im Herbst über die Kürzungen entscheidet. Jetzt kündigt das Sozialreferat gegenüber der AZ eine Beschlussvorlage für Dezember an. "Der Prozess ist wahnsinnig kompliziert. Wir wollen allen Angeboten gerecht werden", sagt SPD-Chefin Anne Hübner. Aus ihrer Sicht ist es richtig, dass sich die Stadt Zeit nimmt – denn umgesetzt sollen die Kürzungen ohnehin erst 2028 werden. Das heißt: So richtig merken werden die Münchner die Einschnitte erst in etwa eineinhalb Jahren.

Dass es nun doch etwas länger dauert, liege auch daran, dass sich die Stadt die Mietverträge der Einrichtungen genau anschauen wolle, sagt Grünen-Chefin Clara Nitsche: "Wie teuer sind die Mieten? Wann kann man Verträge kündigen?"
Am liebsten wäre es ihr natürlich, wenn es ausreichen würde, nur bei den Mieten zu sparen, sagt Dagmar Föst-Reich von der FDP. "Doch leider reicht das nicht. Am Ende werden wir harte Entscheidungen treffen und Projekte und Einrichtungen schließen müssen."
"Nicht davor drücken, Strukturen zu hinterfragen"
Welche sozialen Angebote eingestellt werden, darüber wollen die drei Politikerinnen nicht spekulieren. "Doch natürlich werden auch Dinge wegfallen, die wehtun", sagt Hübner. Ihr Ziel sei, alle demokratischen Parteien, die im Sozialausschuss sitzen, einzubinden.
Die CSUlerin Alexandra Gaßmann kündigt jedenfalls an, genau hinzuschauen: "Angebote, die Menschen in schwierigen Lebenslagen erreichen, niedrigschwellig konkrete Hilfe leisten und ihnen helfen, wieder selbstständiger zu werden, haben für uns einen besonderen Stellenwert", sagt sie. Doch: "Bei der schwierigen Haushaltslage können wir uns nicht davor drücken, Strukturen zu hinterfragen, Doppelangebote abzubauen und Bürokratie zu reduzieren."
"Mir würde es wahnsinnig wehtun"
Auch wenn sie noch nicht weiß, welche Einrichtung die Kürzungen am Ende am härtesten treffen, sorgt sie sich um das ZAB, sagt Majewski vom Paritätischen Wohlfahrtsverband zur AZ: "Mir würde es wahnsinnig wehtun, wenn da gestrichen würde. Das ist so eine besondere Organisation. Mir geht immer das Herz auf, wenn ich dort bin."
Momentan bekommt das ZAB von der Stadt für die Altenbetreuung jährlich rund 375.000 Euro. Ganz ohne städtische Zuschüsse würde seine Einrichtung nicht auskommen, sagt Körner. Doch weil er sich schon darauf einstellt, dass womöglich bald weniger Geld von der Stadt kommt, sollen die Teilnahmegebühren um rund zehn Prozent steigen, kündigt er an.
Soziallandschaft wird sich verändern
Auch mehr Spenden will er akquirieren. Doch ganz ohne Zuschuss der Stadt? Das würde seine Einrichtung nicht schaffen, da ist sich Körner sicher.
Die FDPlerin Föst-Reich würde solche Einrichtungen wie das ZAB, die sich um Sponsoren bemühen, gerne belohnen. Vorstellbar sei für sie zum Beispiel, dass die Stadt auf jeden Euro, den eine Einrichtung an Spenden einsammelt, einen oben drauf legt, um einen Anreiz zu setzen. "Ich glaube, wir müssen ganz neu denken", sagt sie. Denn sicher sei momentan nur eines: "Die Soziallandschaft in München wird, wenn dieser Prozess abgeschlossen ist, anders ausschauen als heute."