Interview

So wird der Urlaub der Corona-Zukunft - "Wir müssen flexibler werden"

Der Münchner Experte Markus Pillmayer spricht in der AZ über realistische Ziele, Tipps fürs Buchen während der Corona-Krise und über die langfristige Zukunft der Branche.
| Rosemarie Vielreicher
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Urlaub am Strand wie hier in Bali? Viele dürften davon träumen, der Reise-Experte Markus Pillmayer allerdings glaubt für 2021 nicht daran.
Urlaub am Strand wie hier in Bali? Viele dürften davon träumen, der Reise-Experte Markus Pillmayer allerdings glaubt für 2021 nicht daran. © Firdia Lisnawati/AP/dpa

München - Der gebürtige Münchner Markus Pillmayer ist Dozent an der Fakultät für Tourismus der Hochschule München. Er ist unter anderem auch im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Tourismuswissenschaft e.V.

AZ: Herr Professor Pillmayer, schmieden Sie schon Urlaubspläne für 2021?
Markus Pillmayer: Ja, ich schmiede schon Pläne, wobei sich diese nach dem Infektionsgeschehen vor Ort und möglichen Reisewarnungen richten werden. Eine gewisse Flexibilität wird in diesem Zusammenhang schon gefordert sein.

Welche Ziele sind aus Ihrer Sicht denkbar?
Entweder ins europäische Ausland oder innerhalb Deutschlands. Ich habe gerade jetzt in Deutschland Urlaub gemacht, woran ich vorher nie gedacht hätte: in der Saale-Unstrut-Region in Sachsen-Anhalt. Ich war sehr positiv angetan und überrascht - ich würde auf jeden Fall wieder dorthin reisen.

"Ausgewählte europäische Urlaubsziele werden möglich sein"

In Deutschland gibt es also noch etwas zu erkunden, solange man nicht wirklich sicher weiter entfernte Reisen machen kann?
Absolut! Deutschland ist ein unglaublich vielseitiges Reiseland, das es zu entdecken gilt und das auch entdeckt werden möchte. Sie müssen eigentlich gar nicht in die Ferne schweifen, weil es schöne Regionen auch vor der eigenen Haustür gibt.

Markus Pillmayer ist Dozent an der Fakultät für Tourismus der Hochschule München.
Markus Pillmayer ist Dozent an der Fakultät für Tourismus der Hochschule München. © privat

Wie schaut es mit Fernreisen im nächsten Jahr aus?
Wie gesagt: Ausgewählte europäische Urlaubsziele werden möglich sein. Bei weiter entfernten Zielen, die nur mit dem Flugzeug erreicht werden können, bin ich eher pessimistisch.

Davor steht nun noch der Herbsturlaub in diesem Jahr an. Ihre Prognose: Wie wird dieser ausfallen?
Ich gehe davon aus, dass sich die Beobachtungen und Erfahrungen der vergangenen Wochen fortsetzen werden. Das heißt, dass Touristen ihr Umland und näher gelegene Ziele bereisen werden.

Aber auch die Lage in den unmittelbaren Nachbarländern wie Tschechien oder Österreich spitzt sich wieder zu.
Wir werden - ob es uns gefällt oder nicht - eine gewisse Flexibilität beibehalten müssen.

Haben Sie noch den Überblick, was aktuell als Risikogebiet gilt?
Ad hoc nicht. Das kann sich von heute auf morgen ändern. Sie steigen ins Auto oder in den Zug, heute ist noch alles in Ordnung und morgen kann die Welt schon wieder ganz anders ausschauen. Dessen müssen wir uns bewusst sein.

"Der Wunsch nach spontanem Reisen steht bei den Deutschen ganz oben"

Wie planbar und verlässlich wird das Reisen in Zukunft noch sein?
Reisen wird auf jeden Fall stattfinden, weil es ein existenzielles Gut ist, das tief in uns verwurzelt ist. Wir müssen uns nur etwas umstellen. Der aktuelle Freizeitmonitor hat im Übrigen gezeigt, dass der Wunsch nach spontanem Reisen ganz oben auf der Wunschliste der Deutschen steht, also ist mir hier nicht bange.

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Welche touristischen Regionen und Länder werden gewinnen, welche verlieren?
Pauschal lässt sich das nicht sagen, es hängt viel vom tatsächlichen Infektionsgeschehen ab. Ein Beispiel: Die Reisewarnungen für Wien, Amsterdam, Budapest und die Region Prag - gestern waren diese Reiseziele noch Gewinner und heute gehören sie unter Umständen zu den Verlierern. Gefragt wird ein gewisses Improvisationstalent sein. Aber ich kenne meine Branche und ich weiß, dass das vorhanden ist.

Apropos: Improvisation. Was halten Sie von Plexiglas-Scheiben am Strand, wie sie Spanien und Italien vor ein paar Monaten angedacht haben?
Für ungewöhnlich halte ich das schon, aber die Pandemie lehrt uns, dass wir uns selbst keine Denkverbote auferlegen dürfen und uns die Fähigkeit behalten müssen, im Kopf auch mal umzuparken. Wir müssen flexibler werden.

"Die Freizeit- und Tourismusbranche weiß mit der Pandemie umzugehen"

Schaffen die Krise vor allem große Betriebe und die kleinen bleiben auf der Strecke?
Das ist keine Frage der Größe, sondern der Einstellung und des Wollens.

Was würden Sie Betrieben und Unternehmen raten?
Ruhe bewahren und keine Angst haben. Die Freizeit- und Tourismusbranche zeigt, dass sie mit der Pandemie umzugehen weiß. Dabei muss man sich und sein Konzept auch einmal kritisch hinterfragen und herausfinden, wie man seinen Gästen ein möglichst hohes Sicherheitsgefühl geben kann. Mit intelligenter Kommunikation und zum Beispiel Konzepten wie Besuchersteuerung und Abstandsregeln.

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Aber irgendwann wird es eben auch brenzlig für diejenigen, die kein großes finanzielles Polster haben.
Diejenigen, die schon vor Corona gewisse Liquiditätsengpässe hatten, leiden jetzt sehr stark. Dann muss man aber kritisch hinterfragen: Wenn es schon vor Corona schwierig war, dann wird es mit oder nach Corona nicht leichter werden. Der Staat hat sich - mittlerweile - um finanzielle Hilfen bemüht. Ich bin von daher optimistisch, dass die Branche die Krise überstehen wird. Einige Unternehmen werden sicherlich auf der Strecke bleiben und es wird in den nächsten Wochen und Monaten auch Insolvenzen geben, aber dann müssen wir genau hinschauen, was die Hintergründe sind.

Was ist mit weltweiten Zielen, die einzig und allein auf Tourismus setzen?
Diese Ziele werden weiter im Fokus der Menschen stehen. Im Moment sind sie vielleicht nicht zugänglich oder erreichbar - aufgrund der Reisewarnungen. Wobei diese ja zum 1. Oktober aufgehoben werden sollen.

"Wir wären schlecht beraten, Reisewarnungen  und -verbote zu ignorieren"

Glauben Sie daran?
Zumindest ist es im Moment der Plan. Genauso, dass das Auswärtige Amt ein Corona-Ampel-System einführen möchte. Wir fahren momentan auf Sicht und werden es auch weiterhin tun müssen.

Wird die Wirkung von Reisewarnungen und -verboten irgendwann verpuffen?
Wir wären schlecht beraten, die Reisewarnungen und -verbote, die alle ihren guten Grund haben, zu ignorieren. Wenn ich schon unbedingt in ein Risikogebiet reisen will oder muss, dann sollte ich mir über die Konsequenzen im Klaren sein. Stichwort: Verantwortung. Deswegen empfehle ich, mir im Vorfeld Alternativen zu überlegen - die gibt es nämlich.

Würden Sie heutzutage noch ohne Reiserücktrittsversicherung buchen?
Ich würde unter Berücksichtigung des R-Wertes in Erwägung ziehen, eine solche abzuschließen.

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Was braucht man noch?
Auf jeden Fall eine Auslandskrankenversicherung. Ich würde auch mit den Anbietern, bei denen man buchen will, nachfragen, wie die Storno-Regelungen im Detail sind.

Zusammengefasst: Ich buche so, dass ich zurücktreten kann, und schaue gleichzeitig nach Alternativen.
Genau.

"Man kann nicht den Staat für alles verantwortlich machen"

Weiter zur Reiserückkehr. Sind wir gut damit umgegangen? Es gab zig Pannen in Bayern.
Natürlich wissen wir von den Pannen und den Reiserückkehrern, die nicht mehr zuzuweisen waren. Aber ich kann ehrlich gesagt nicht den Staat für alles verantwortlich machen. Ich habe das Gefühl, dass die staatlichen Stellen ihr Bestes tun. Es läuft nicht ohne Fehler, klar. Das wäre eine Utopie. Deswegen appelliere ich an die Eigenverantwortung jedes einzelnen. Wenn ich das Gefühl habe, ich bin durchgerutscht: Dann sollte ich zum Arzt gehen, einen Test machen, mich beim Gesundheitsamt melden. Grundsätzlich sollte man sich überlegen: Muss ich jetzt unbedingt in ein Risikogebiet fahren?

Wie wird sich der Tourismus langfristig entwickeln? Wird es Massentourismus wie in Venedig oder Mallorca überhaupt noch geben?
Mallorca versucht schon seit Längerem, sich zu einem qualitativeren Tourismus hinzuentwickeln. Aber auch da dürfen wir nicht naiv sein: Die Schinkenstraße wird weiterhin existieren und es wird Menschen geben, die dieses Angebot wahrnehmen möchten.

Wird der Tourismus dann zumindest nachhaltiger, wenn man nicht so viel fliegen kann?
Ich würde es mir wünschen. Denn: Muss ich wirklich drei Tage Christmas-Shopping in New York machen? Nein! Das ist nicht nachhaltig. Diese Frage hätte man sich übrigens auch schon vor Corona stellen müssen. Ich hoffe, dass diese Art von Tourismus irgendwann auch so verpönt ist wie das 99-Cent-Schnitzel. Auf der anderen Seite wissen wir auch, es wird immer dieses Angebot geben. Vielleicht setzt aber ein nachhaltigerer und naturnaherer Tourismus ein.

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Nun waren natürlich die deutschen Strände und Seen überfüllt. Wie lässt sich das besser kanalisieren?
Eine digitale beziehungsweise App-basierte Lösung könnte sicherlich hilfreich sein, aber für die ganze Leistungskette. Nicht, dass am Ende des Tages eine Person vor Ort nur dafür abgestellt wird, die Autos händisch zu zählen. Diese Beispiele gibt es nämlich - im Jahr 2020, wo wir doch von Digitalisierung sprechen.

Was gehört im Jahr 2021 in den Reisekoffer?
Waren es früher Fotoapparat, Sonnencreme und -hut, gehört heute Maske und Desinfektionsmittel dazu. Auf gut Bayerisch: Huift nix!

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