So gelingt der Einstieg an der Börse

Die Deutschen haben ihre Liebe zur Aktie - neu - entdeckt. Einige Fallstricke bei der Geldanlage können jedoch viel Lehrgeld kosten. Die AZ zeigt, wie vor allem Anfänger sie vermeiden können.
| Hubert Obermaier
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Zahlen und Kurven: Für Anfänger ist der Aktienmarkt oftmals ein großes Rätsel. Wer einsteigen möchte, sollte sich gut informieren.
Zahlen und Kurven: Für Anfänger ist der Aktienmarkt oftmals ein großes Rätsel. Wer einsteigen möchte, sollte sich gut informieren. © imago images/Panthermedia

München - Zwar ist seit Beginn der Corona-Krise im Frühjahr 2020 der Trend zu mehr Kleinanlegern so stark gestiegen wie seit 20 Jahren nicht mehr und der Einstieg dank neuer Apps auch für Laien nicht mehr schwer.

Dabei werden aber oft die Risiken der Börse in den Hintergrund geschoben. Damit es gut an der Börse läuft, sollten ein paar einfache, aber wichtige Punkte befolgt werden. Die AZ zeigt, welche:

Sich nicht selbst überschätzen

Die Verhaltensökonomie zeigt, dass Menschen sich Erfolge selbst zuschreiben, während sie für Misserfolge eher andere verantwortlich machen. Das ist nur zu menschlich, kann aber bei der Geldanlage fatale Konsequenzen haben. Wer mit einer Aktie viel Geld verdient hat, führt dies oftmals auf seine schlaue Aktienauswahl und das perfekte Timing zurück - auch wenn es ein Zufallstreffer war.

Allzu leicht wird dabei Glück mit Urteilsvermögen verwechselt. Der Erfolg stärkt das Selbstbewusstsein, und dann wird es gefährlich: Wer sich mehr zutraut, geht meist höhere Risiken ein. Bei hohen Gewinnen am Kapitalmarkt sollte also ein kritischer Blick auf sich selbst erfolgen, ob man wirklich so gut analysiert - oder einfach nur Glück gehabt hat.

Strategie entwickeln

Es macht wenig Sinn, wahllos Aktien zusammenzukaufen. Am besten überlegt man sich als Einsteiger eine Strategie und setzt diese um. Hier gibt es ganz verschiedene Ansätze. Manchen drehen sich um die Dividende, andere wie das berühmte Allwetterdepot um eine möglichst stabile und sichere Rendite. Für Anfänger besonders gut verständlich und nachvollziehbar ist die Fußball-Strategie. Dabei geht es darum, das Aktiendepot wie eine Mannschaftsaufstellung zu betrachten.

Man braucht einen sicheren Rückhalt im Tor, eine stabile Abwehr und trickreiche Angreifer. Nach dieser Devise kauft man Aktien ein und muss dabei die Balance zwischen Defensive und Offensive wahren. Aber nicht übertreiben: Eine Mannschaft ist komplett mit elf Spielern und einer Ersatzbank.

Niemals Aktien auf Kredit kaufen

Denn dann dienen diese der Bank als Sicherheit. Bricht der Kurs der Aktien ein, ist die Bank berechtigt, sie zu verkaufen. Deshalb: Nur Geld investieren, das man langfristig entbehren kann. Schließlich braucht man auch noch Geld für Einkäufe, die Miete und unerwartete Ausgaben, zum Beispiel für den Kauf einer neuen Waschmaschine oder eine Autoreparatur.

Ein weiterer Grund: Wenn man Pech hat, kann es passieren, dass man gezwungen ist, seine Aktien in schwachen Börsenphasen zu niedrigeren Kursen zu verkaufen und muss damit hohe Verluste erleiden.

Faustregel: Nettogehalt von drei Monaten zur Seite legen

Um dafür gewappnet zu sein, besagt eine Faustregel, dass sich Anleger drei bis vier Nettomonatseinkommen als Puffer beiseitelegen sollten. Von diesem Geld lässt sich so gut wie alles bezahlen, was im Alltag anfällt. Jeden darüber hinaus gesparten Euro kann man in Aktien oder andere Anlagen investieren.

Nicht alles auf eine Karte setzen

"Lege nie alle Eier in einen Korb, denn es könnte ein Loch darin sein", lautet ein Ratschlag erfahrener Börsianer an den Neueinsteiger. Wer mit Aktien langfristig Vermögen aufbauen will, darf niemals alles auf eine Karte setzen. Fachleute empfehlen, das Risiko breit zu streuen. So lässt sich verhindern, dass das eigene Vermögen zu sehr von der wirtschaftlichen Situation einzelner Unternehmen abhängt.

Der Fall Wirecard zeigt, wie schnell sich das Blatt an der Börse wenden kann. Daher sollten Anleger in verschiedene Branchen investieren und auch Aktien aus anderen Ländern ins Depot nehmen.

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Stiftung Warentest empfiehlt Einsteigern ein Depot aus mindestens zwei Fonds - ein Aktienfonds für die Rendite und ein Fonds aus sicheren Anlagen wie einem Rentenfonds. Wichtig ist ebenfalls ein langfristiger Anlagehorizont. In der Vergangenheit ließen sich im langjährigen Durchschnitt Renditen von sieben bis acht Prozent erzielen, doch die Schwankungen in kleineren Zeiträumen sind erheblich.

Nicht das ganze Geld auf einmal investieren

Gerade als Anfänger empfiehlt es sich, klein anzufangen. Erstens tasten diese sich so vorsichtig auf neues Terrain und lernen, damit umzugehen. Zweitens sind sie besser gegen plötzliche Aktienbewegungen geschützt.

Als Faustregel empfiehlt es sich für Anleger, die Summe, die man anlegen möchte, in drei oder vier Teile zu splitten und im Abstand von einem halben Jahr in die seiner Meinung nach vielversprechendsten Aktien und Fonds zu investieren.

Nur kaufen, was man kennt und versteht

Aktionäre erwerben einen Anteil am Unternehmen. Um das Risiko richtig einzuschätzen, sollte man daher genau wissen, was das Unternehmen herstellt und wie der Markt für dieses Produkt aussieht. Zudem muss man sich mit der Geldanlage wohlfühlen. Also Produkte meiden, die man nicht beurteilen kann.

Das A und O an der Börse ist Wissen. Über Unternehmen. Über Geschäftsmodelle. Und über Markttrends. Das grundlegende Prinzip gilt für Anlegerprofis genauso wie für Einsteiger: Wer mit Aktien erfolgreich sein will, muss sich auskennen. Aktieneinsteiger handeln klug, wenn sie sich zunächst solide Grundkenntnisse über Wertpapiere und den Kapitalmarkt aneignen und dann ihr Wissen kontinuierlich erweitern.

Hin und Her macht Taschen leer

Kaum eine Börsenweisheit ist so unumstritten wie diese. Auf der Jagd nach der höchsten oder doch zumindest einer höheren Rendite schichten viele Anleger ihre Depots immer wieder um.

Was ist schlecht daran, so oft zu handeln und umzuschichten? Ganz einfach: Es kostet viel Geld, das erst wieder mit außergewöhnlichen Renditen reingeholt werden muss (ganz abgesehen von dem ganzen Stress, den man davon hat). Daher sollte man konsequent bei seiner Strategie bleiben.

Das heißt: das Depot so lassen wie es ist, egal, ob an der Börse Sommer oder Winter herrscht. "Wer nicht bereit ist, eine Aktie zehn Jahre zu behalten, sollte sie auch keine zehn Minuten besitzen", meint Starinvestor Warren Buffet.

Enttäuscht ein Unternehmen öfters, muss man handeln

Bei eindeutigen Fehlentwicklungen ist es jedoch ein Muss, das Depot umzuschichten und die Verluste zu begrenzen. Handlungsbedarf besteht etwa, wenn der Gesamtmarkt einen klaren Abwärtstrend etabliert oder wenn ein Unternehmen seinen bisherigen Gewinnpfad verlässt und wiederholt enttäuscht.

Gewinne laufen lassen

Einfach in einem steigenden Markt zu verkaufen, ist menschlich - aber meist ein Fehler. Und verschenktes Geld, denn leichter als in einer solchen Börsenphase lassen sich Gewinne nicht erzielen. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein etablierter Trend weiter geht, ist größer, als dass er endet. Ob die steigenden Kurse noch fundamental zu begründen sind, ist dabei zweitrangig. Recht hat am Ende immer nur einer - der Markt.

Der einfachste Rat: Nerven behalten und den Gewinn sichern - und zwar ohne zu verkaufen. Das kann sich als äußerst gewinnbringend erweisen. Das wichtigste Werkzeug dafür sind nachziehende "Stop-Loss-Orders". Wenn der Kurs steigt, wird das Limit entsprechend angehoben.

Verluste begrenzen

Wenn der Kurs einer Aktie abstürzt, verkaufen! Anleger sollten sich "Stop-Loss-Limits" setzen: Fällt die Aktie unter einen bestimmten Kurs, sollte sie verkauft werden. Manche Börsenexperten setzen etwa grundsätzlich unterhalb von zehn bis 15 Prozent ihres Einstiegskurses einen Stopp.

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Wenn sich die Aktie nicht in die gewünschte Richtung entwickelt und der Kurs auf diese Marke fällt, werden die Aktien automatisch verkauft.

Nicht vom Hype blenden lassen

Als Einsteiger ist man versucht, sein Geld in die Aktien der Stunde zu stecken. Schließlich steigt man doch an der Börse ein, um ein Vermögen aufzubauen, oder nicht? Das stimmt zwar. Doch in der Regel ist man besser beraten, wenn man seine Anlage langfristig betrachtet. Viele Hypes sind schnell wieder vorbei, zahlreiche Blasen schon geplatzt.

Emotionen kontrollieren

An der Börse gilt es, rational zu bleiben. Angst oder Gier können zu eingeschränktem Beurteilungsvermögen und damit zu Fehlentscheidungen führen. Letztlich verhält es sich nämlich so, dass die Kursentwicklungen der Wertpapiere auf realen Zahlen und objektiven Faktoren basieren. Ausschließlich auf ein Bauchgefühl zu hören, ähnelt im Zusammenhang mit der Börse schon sehr dem Glücksspiel.

"Einer Straßenbahn und einer Aktie darf man nicht nachlaufen"

Und: Nicht der Herde hinterherrennen, nur weil eine Nachricht gerade über die Ticker läuft. Der Börsenguru André Kostolany († 1999) hat einmal den treffenden Satz formuliert: "Einer Straßenbahn und einer Aktie darf man nie nachlaufen. Die nächste kommt bestimmt."

Je früher, desto besser

Einen "richtigen" Zeitpunkt zum Kauf oder Verkauf von Aktien gibt es nicht - sonst wären ja alle Anleger steinreich. Grundsätzlich gilt: je früher, desto besser. Grund dafür ist der Zinseszins-Effekt. Die Zinsen, die auf einen angelegten Betrag gezahlt werden, werden wiederum zusammen mit dem Ertrag investiert.

Fast jeder Anleger kennt den Rat von Kostolany: "Kaufen Sie Aktien, nehmen Sie Schlaftabletten, und schauen Sie die Papiere nicht mehr an. Nach vielen Jahren werden Sie sehen: Sie sind reich." Langfristig, so suggeriert der Spruch, kann da wenig schiefgehen.

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