Neobroker: Wird Wertpapier-Handel mit der App bald teurer?

Fintechs wie Trade Republic oder Scalable sind vor allem bei jungen Anlegern beliebt. Aber hält das Geschäftsmodell auch, was es verspricht? Die EU-Kommission könnte der Branche einen Strich durch die Rechnung machen.
| Veronika Csizi
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Der Wertpapier-Handel per App wird gerade unter jungen Leuten und Neuligen immer beliebter. (Symbolbild)
Der Wertpapier-Handel per App wird gerade unter jungen Leuten und Neuligen immer beliebter. (Symbolbild) © Cris Faga/ZUMA Press Wire/dpa

Sie sind gerade bei jungen Anlegern beliebt, werben mit sehr niedrigen Kosten, kostenlosen Sparplänen und einfachem Handel von Aktien: Neobroker. Junge Fintechs wie Scalable, Trade Republic, Smartbroker, Finanzen.net zero oder Justtrade haben in den vergangenen zwei Jahren die Finanzbranche auf den Kopf gestellt und Hunderttausende Kunden gewonnen.

Drohen bald Preiserhöhungen?

Doch nun droht massiver Gegenwind: Die EU-Kommission hat gerade den Entwurf einer Richtlinie vorgelegt, der das Provisionsmodell der jungen Fintechs komplett verbieten will. Stimmt das Parlament zu und wird die Richtlinie Realität, könnten auf die Kunden also erhebliche Preiserhöhungen zukommen. Denn die Provisionen finanzieren die Kostenlos-Modelle gegen.

Der Hintergrund: Das Geschäftsmodell der Neobroker beruht vor allem auf dem sogenannten "Payment for Orderflow". Sie verdienen daran, dass sie die Handelsmöglichkeiten ihrer Kunden auf meist einen oder zwei Handelsplätze beschränken und für die Vermittlung der Order ihrer Kunden (den "Orderflow") von den Handelsplätzen Provisionen erhalten.

Enge Handelsmöglichkeiten sind das Geschäftsmodell

Kaufen Kunden des Berliner Neobrokers Trade Republic etwa eine Aktie oder einen ETF, dann ist dies nur bei Lang & Schwarz - beziehungsweise als Backup bei Tradegate - möglich. Die Hamburger Plattform LS Exchange, die Lang & Schwarz gemeinsam mit der Hamburger Börse anbietet, zahlt Trade Republic eine Provision für jede Order. Die Verengung der Handelsmöglichkeiten lenkt damit besonders viele Kunden auf die Systeme von Lang & Schwarz.

Die Münchner Konkurrenz Scalable leitet die Order ihrer Kunden an das elektronische Handelssystem der Börse München, Gettex, weiter, gegen Aufpreis ist auch Handel auf der führenden und sehr liquiden Plattform Xetra möglich.

Smartbroker wiederum wirbt ebenfalls mit dem kostenlosen Handel, bietet diesen jedoch nur an, wenn der Kunde über Gettex handelt und mindestens 500 Euro investiert. An anderen Marktplätzen werden Gebühren fällig.

Für alle Neobroker gilt daher: ein beträchtlicher Teil ihrer Einkünfte basiert auf den Provisionen von Handelsplätzen. Trade Republic etwa hatte im Geschäftsjahr 2019/2020 Provisionserträge von 27 Millionen Euro, für das Geschäftsjahr 2020/21 rechnen Branchenexperten mit 50 Millionen Euro.

Provisionen spielen nicht überall eine große Rolle

Scalable möchte die Höhe seiner Provisionserträge nicht nennen. Auch andere Broker wie Comdirect oder die Consorsbank erhalten Provisionen, doch repräsentieren diese dort nur einen kleinen Anteil an den Einkünften.

Ein Beispiel: Für den Kauf von 500 Lufthansa-Aktien via Tradegate zum Gegenwert von rund 3.000 Euro erhält die Comdirect vom Handelsplatz eine Zahlung von 85 Cent. Insgesamt werden 15,92 Euro Gebühren für den Kauf fällig. Bei Trade Republic kostet der Kauf einen Euro, denn das Unternehmen erhält von Lang & Schwarz eine Provision, die im Schnitt bei drei Euro liegt. Der Kunde kann die Kosten und Provisionen bei allen Banken und Neobrokern vor der Orderabgabe abrufen.

Unternehmen könnten Kunden ausnutzen

Die Provisionen jedoch schaffen nach Meinung der europäischen Wertpapieraufsicht ESMA Interessenkonflikte: Unternehmen könnten die Order ihrer Kunden nicht zu den Börsenplätzen mit den besten Kursen weiterleiten beziehungsweise den Kunden die Wahl lassen, sondern zu jenen mit den höchsten "Payments of Orderflow".

Im Artikel 39a zur Reform der Europäischen Finanzmarktordnung (Mifir) heißt es deshalb: Investmentunternehmen, die im Auftrag von Kunden handeln, dürfen künftig weder Gebühren noch Provisionen noch nichtfinanzielle Vorteile dafür erhalten, dass sie Kundenaufträge an Drittparteien weiterleiten. Die Abstimmung im Parlament ist für das erste Quartal 2022 geplant.

Branche begrüßt die steigende Transparenz, hat aber auch Sorgen

Die Neobroker geben sich trotz der zu erwartenden Einnahme-Cuts durch die EU gelassen. Man begrüße die steigende Transparenz in der Debatte um Provisionen, so Christian Hecker, Chef von Trade Republic. "Eine Regulierung träfe fast alle Broker. Durch unsere Technologie wird Trade Republic weiter das beste Angebot am Markt bleiben", sagt Hecker. Man stehe auch erst am Beginn eines "langen legislativen Prozesses".

Christian Hecker, Chef von Trade Republic.
Christian Hecker, Chef von Trade Republic. © Trade Republic

Klar müsse aber sein: "Ein Verbot der Payments of Orderflow würde am Ende mehr Kosten für die Kunden bedeuten, während die große Börsen mehr Geld verdienen. Das ist das Gegenteil von dem, was man erreichen will." Trade Republic habe eine Million Kunden, von denen 50 Prozent zuvor noch nie mit Aktien gehandelt hätten. Man wolle "vor allem Menschen mit kleinem Einkommen die Möglichkeit bieten, an der Börse Vermögen aufzubauen", so Hecker.

Ein Verbot ist auch in den USA ein Thema

Auch bei Scalable hält man sich mit Kritik an dem EU-Richtlinien-Entwurf zurück. Man begrüße die Reform der Richtlinie, so Scalable-Sprecherin Ina Froehner, könne aber "aktuell keine verbindliche Einschätzung" zu den Folgen abgeben. Scalable werde "seinen Kunden weiter sehr gute Konditionen bieten".

Die sogenannten Kickbacks von Handelsplätzen an Broker stehen nicht nur in der EU auf dem Prüfstand. Auch in den USA überlegt die Börsenaufsicht SEC ein Verbot, was vor allem dem US-Neobroker und Platzhirsch Robinhood zu schaffen machen würde. In Großbritannien, Australien und Kanada sind diese Provisionsgeschäfte bereits verboten.

Aktuell bieten Neobroker eine konkurrenzlos günstige Produktpalette an, schränken dabei allerdings, anders als die teureren Vollsortimenter, die Handelsmöglichkeiten ein beziehungsweise verlangen für Leistungen jenseits des normalen Geschäfts zum Teil höhere Gebühren.

Kosten variieren stark, je nach Unternehmen

Bei Trade Republic etwa können Anleger zwar zum hauseigenen Nulltarif plus ein Euro Fremdgebühr alle Aktien, ETF und Derivate (etwa Optionsscheine) von drei Banken handeln, die Lang & Schwarz im Portfolio hat.

Zudem sind Sparpläne mit 1.500 ETF und 2.500 Aktien gebührenfrei. Dafür jedoch kostet beispielsweise die Anmeldung zu einer Hauptversammlung 25 Euro, die Eintragung von Namensaktien zwei Euro oder das freiwillige steuerliche Reporting 25 Euro. Zudem gilt bei Trade Republic: Aktiv gemanagte Fonds sind gar nicht handelbar, auch Anleihen nicht.

Scalable wiederum bietet ebenfalls kostenlose Sparpläne, dazu für den Handel mit ETF und Aktien drei verschiedene Flatrates an. Der normale Kauf von Aktien schlägt im billigsten Modell mit 99 Cent zu Buche, im etwas teureren mit einer Monatsgebühr ab 2,99 Euro ist er kostenlos. Auch wer ETF und Derivate kauft, zahlt maximal 99 Cent, allerdings nur bei Papieren ausgewählter Partner.

Teils gibt es Extragebühren pro Order

Kritiker vermuten, dass es sich hier um die Papiere von Unternehmen handelt, die die höchsten Provisionen fließen lassen. Dafür gilt bei Scalable: Geschäftskonten, Konten für Minderjährige, Fremdwährungskonten oder Mehrfachkonten sind nicht möglich. Auch wer Aktien zeichnen, sich also an einem Börsengang beteiligen will, ist bei Scalable fehl am Platz.

Erik Podzuweit, Gründer von Scalable.
Erik Podzuweit, Gründer von Scalable. © Scalable

Zudem muss, wer nicht beim Hauptpartner Gettex, sondern im führenden Handelssystem mit der größten Liquidität, Xetra, kaufen möchte, tiefer in die Tasche greifen. Hier fließen keine Provisionen, deshalb verlangt Scalable dann eine Gebühr von 3,99 Euro je Order plus eine Handelsplatzgebühr von 0,01 Prozent des Volumens oder zumindest 1,50 Euro.

Auch das Produktsortiment ist abgespeckt: Anleihen oder aktive Fonds sind nicht erhältlich, dafür jedoch Derivate und Kryptowährungen, die über Exchange Traded Products gekauft werden können. Auch vermögenswirksame Leistungen lassen sich bei Scalable nicht in einen Sparplan einbringen.

Ausländische Aktien können nicht überall gehandelt werden

Ähnliche Einschränkungen finden sich auch bei den anderen Neobrokern: Bei Justtrade, die mit den Handelspartnern Lang & Schwarz, Tradegate und Quotrix zusammenarbeiten, können keine französischen, spanischen und italienischen Aktien gehandelt werden, Gemeinschaftskonten sind nicht möglich. Das Mindestordervolumen liegt bei 500 Euro. Order über 50.000 Euro sind nur unter besonderen Bedingungen per Preisanfrage möglich.

Auch die deutsche Finanzmarktaufsicht Bafin hat die Provisions-Praxis der Neobroker unter die Lupe genommen. Durch das eingeschränkte Dienstleistungsangebot könnten Kunden schwer vergleichen, zudem seien Ordermöglichkeiten eingeschränkt, so die Bafin. Limit- oder Stopp-Loss-Order seien mitunter nicht möglich.

Zudem kritisiert die Bafin, dass für manche Order erst Anfragen zum Kurs an den Market-Maker zu richten seien, vor allem bei größeren Kauf-Aufträgen. Auch die Neobroker hätten jedoch die Pflicht, Kundenaufträge bestmöglich umzusetzen und sich dabei nicht von der Höhe der Rückvergütungen leiten zu lassen.

Studie soll Vorwürfe widerlegen

Trade Republic konterte die Kritik an der Verengung der Handelsmöglichkeiten mit einer Studie, die die Otto Beisheim School of Management gemeinsam mit der University of Southern Denmark für den Neobroker umgesetzt hat.

Danach hätten die Kunden von Trade Republic je 1.000 Euro Ordergröße einen Vorteil von 52 Cent gehabt, weil Lang & Schwarz günstigere Spreads als der Referenzmarkt Xetra gestellt hätte. Spreads sind die Unterschiede zwischen Kauf- und Verkaufskursen, die gerade bei wenig gehandelten Aktien oder im außerbörslichen Handel erheblich zunehmen.

Verbraucherschützer haben gemischte Gefühle

Verbraucherschützer sehen das Vorgehen der EU gegen die Neobroker mit gemischten Gefühlen: Zwar seien Provisionen "stets ein Fehlanreiz" , zumal es für die Neobroker eben darauf ankomme, viel Volumen zu generieren und die Kunden deshalb über die Apps zum häufigen Handeln zu inspirieren, sagt Christian Ahlers, Finanzmarkt-Experte beim VZBV, dem Verband der Verbraucherzentralen.

Andererseits aber sei der Preisdruck auf die Platzhirsche für den Verbraucher positiv gewesen, da sich der Kauf von Aktien und ETF verbilligt habe.

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Ahlers geht davon aus, dass sich Neobroker bei einem Verbot der Payments of Orderflow zwar verteuern würden, die jungen Fintechs aber weiter günstiger blieben als die herkömmlichen Banken und Broker. Und gerade beim Sparen mit ETF und Aktien seien niedrige Kosten wichtig für die Wertentwicklung über lange Zeiträume, so Ahlers.

Neobroker sind vor allem bei Neueinsteigern beliebt

Mehrheitlich ist der Kunde bei einem Neobroker jung, oft unter 30, männlich und hat häufig wenig Erfahrung mit Aktien. Der Handel über Smartphone-Apps mit reduzierter Komplexität habe viele erst in Aktien und ETF gelockt, so Branchenkenner. Aber auch erfahrene Anleger nutzten die Neobroker als Zweitdepot, vor allem zum günstigen Sparen mit passiven Fonds.

Klar sein müsse jedem Anleger jedoch, dass er nur in einen Ausschnitt aus dem Wertpapier-Universum investieren könne. So gibt es insgesamt 45.000 Aktien, von denen meist nur ein Neuntel bis ein Siebtel bei Neobrokern handelbar ist.

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