Porsche Carrera: Facelift spaltet Fans

Weil mit dem aktuellen 911er-Facelift der Baureihe 991 die Ära der Saugmotoren zu Ende geht und nun alle Carreras per Turbolader zwangsbeatmet werden, ist von dem berühmten Sauger-Röcheln und dem aggressiven Fauchen ungebremsten Abgases nicht mehr viel übrig.
| (pet/spot)
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München - Immer wenn Porsche seinen Klassiker modernisiert, kommt zwar mehr Fahrleistung heraus, aber diesmal - hier trauert der wahre Elfer-Fan - nun erstmals auch weniger von jenem Sound, der Gänsehaut macht(e) und Schauer der Entzückung über den Rücken laufen ließ.

 

Beeindruckendes Fahrwerk: In schnellen Kurven wie auf Schienen Foto:Porsche AG

 

Wenn im Sauger-Carrera ein Tunnel zu durchfahren ist und ein Fenster geöffnet wird, dann schießt für die Besitzer des "alten" Carreras der mit kurzen Gasstößen maximierte Wohlklang eines kraftvollen Porsche-Treibsatzes ins Fahrzeuginnere. Diesen Klang auf die Ohren zu kriegen, wird/wurde zu einem ganz besonderen Genuss. Sagen wir's ehrlich: Es ist nichts mehr davon übrig. Im Sport-Modus und in der Sportauspuffanlage klingt zwar ein wenig die Vergangenheit durch, was den Sound-Symposern zu verdanken ist, die Schallwellen vom Motor- in den Innenraum übertragen. Es klingt aber nicht intensiv genug. Ein Trost bleibt: Wer einen 911er ohne Turbo will, dem bleibt vorläufig noch der GT3 und GT3 RS. Alle anderen Elfer müssen sich strengeren Emissions-Grenzwerten unterwerfen, und diese seien nur mit kleinerem Hubraum und Turbo zu erfüllen, sagen die Ingenieure.

 

Carrera-Innenraum: An der Komfortgrenze angelangt Foto:Porsche AG

 

Was für Sound- und Sauger-Fetischisten wichtig ist, spielt für die Dynamik-Fans nicht die dominierende Rolle. Für einige ist Fahrdynamik sogar alles. Die kaufen dann auch den für 2020 angekündigten Elektro-Elfer. Diesen Kunden ist es wichtiger, schnell durch eine Kurve fahren zu können und blitzartig aus ihr heraus zu beschleunigen. Das kann der neue Carrera zweifellos besser als sein Vorgänger: Der auf drei Liter Hubraum geschrumpfte Sechszylinder produziert dank zweier Turbolader im Carrera S immerhin 420 PS bei 6.500 U/min und macht den "S" bis zu 308 km/h schnell. Den Sprint von 0 auf 100 km/h meistert der "S" mit PDK und dem aufpreispflichtigen Sport-Chrono Paket per Launch Control in 3,9 Sekunden, wo der Bereich der Super-Sportwagen beginnt.

 

Turbo-Loch? Gibt es nicht mehr!

 

Sauger kontra Turbo: Der Sauger lässt sich angeblich präziser um eine Kurve zirkeln, weil die Kraftentwicklung nicht plötzlich, sondern kontrollierbar und kontinuierlich ansteigt. Ein Vorurteil. Im neuen Carrera mit Doppel-Turbo ist von einem Turbo-Loch nichts zu spüren. Das bullige Drehmoment von maximal 500 Newtonmeter steht im Carrera S zwischen 1.700 und 5.000 U/min zur Verfügung. Vom Gefühl her entwickelt der Motor ein extrem lineares Powerband, das bis 7.500 U/min reicht, ohne dass oben heraus die Leistung abzufallen scheint. So geht Turbo! Die Entwickler haben alles gegeben, das Turbo-Loch einzuebnen.

Der neue Carrera bleibt ein Sahnestück. Auch wenn im Laufe der Entwicklung die Attribute eines reinen Sportwagens immer mehr vom Komfort-Gedanken abgeschliffen wurden. Die Elfer früherer Zeiten waren nicht dafür gemacht, entspannt von München nach Hamburg zu fahren. Das gelingt in den neuen Carreras dagegen mühelos. Bleibt zu hoffen, dass am Ende nicht nur noch an Komfort geachtet wird. Klar ist, dass der neue Carrera in kaum einer Situation den geübten Fahrer erfordert. Selbst beim Abrufen der vollen Leistung kann man kaum etwas falsch machen.

 

Wieviel Komfort darf ein Sportwagen haben?

 

Dieses Plus an entspanntem Charakter ist manchmal auch ganz angenehm. Mit der optionalen Hinterradlenkung (2249 Euro) fährt der Carrera selbst in sehr schnellen Kurven wie auf Schienen. Und schnell heißt hier wirklich schnell. Das klingt banal, ist aber ungemein beeindruckend. Die Traktion beim Herausbeschleunigen einer scharf angebremsten Kurve ist fantastisch. Auch der Fahrspaß wird hier per Turbo beschleunigt.

Neu ist auch das PCM mit Apple Car Play und live traffic. Allerdings stellt sich die Frage, ob man nicht doch gleich zum iPhone greift, denn alle App-Funktionen stehen auf dem Bildschirm nicht zur Verfügung. Die Bedienung des Navis ist deutlich einfacher geworden, die hoch aufgelöste Darstellung tut gut. Dass das Navi nun serienmäßig an Bord ist, freut den Kunden, da ist der deutlich gestiegene Grundpreis psychologisch besser zu verkraften. Auch beim Einstellen der Fahrmodi per Drehschalter am Lenkrad findet man sich sofort zurecht. Das Lenkrad ist etwas dicker geworden (sehr angenehm), die Schaltwippen sind etwas zu kurz geraten (schade).

Wie immer bei einer Porsche-Modellüberarbeitung bietet auch der neue Carrera mehr Leistung bei weniger Verbrauch. Allerdings ist der Normverbrauch mit knapp neun Litern deutlich unter der Wirklichkeit angesiedelt. Aber angesichts der Fahrleistungen sind auch die bei unserer durchaus scharf angegangen Ausfahrt angezeigten elf bis zwölf Liter sparsam zu nennen. Der Abschied vom Saugmotor ist alles in allem kein Drama. Die Kundschaft wird den 911er weiter lieben. Und die gebrauchten Sauger werden im Preis weiter steigen. Das ist die Porsche-Welt, wie wir sie kennen.

 

Technische Daten Porsche 911 Carrera S

 

Zweisitziger Sportwagen/Coupé, Länge: 4,50 Meter, Breite: 1,85 Meter, Höhe: 1,29 Meter, Radstand: 2,45 Meter, Leergewicht: 1.565 Kilogramm, max. Zuladung: 460 Kilogramm, Kofferraumvolumen vorn 145 Liter, hinten 260 Liter, Tankinhalt: 64 Liter, Motor: 3-Liter-6-Zylinder-Boxermotor mit Biturbo, Leistung: 420 PS bei 6.500 U/min, max. Drehmoment: 500 Newtonmeter zwischen 1.700 - 5.000 U/min, 0 - 100 km/h (launch control): 3,9 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit: 308 km/h, Durchschnittsverbrauch: 8,7 Liter Super Plus/100 km, CO2-Emission: 199 g/km, Basis-Preis: 110.766 Euro.

 

 

 

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