Vom Dachbodenversteck zur TV-Legende: Wie der vor 20 Jahren verstorbene Rudi Carrell das Fernsehen prägte

Seine Shows hatten unvorstellbare 30 Millionen Zuschauer, seine Hits werden bis heute gespielt: Der Fernseh-Entertainer aus Holland wurde in Deutschland zur Fernsehlegende. Was machte ihn zur Legende?
Christoph Drießen |
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Rudi Carrell und Beatrice Richter beim Spaghetti-Essen in einer Szene von Carrells "Tagesshow" (1982).
Rudi Carrell und Beatrice Richter beim Spaghetti-Essen in einer Szene von Carrells "Tagesshow" (1982). © picture-alliance/ dpa/dpaweb

Vor 20 Jahren, am 7. Juli 2006, starb Rudi Carrell, einer der erfolgreichsten Entertainer der Nachkriegszeit, in Bremen. Er wurde 71 Jahre alt. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen ist er auch heute noch unvergessen, denn er war ein absolutes Original. Rudi war Rudi, ein Mann mit großem Talent, eiserner Disziplin - und durchaus auch einigen Abgründen.

Rudi, das Kriegskind

Rudi Carrell lernte die Deutschen zunächst von ihrer unangenehmsten Seite kennen - nämlich als Nazis. 1940 waren die Niederlande von Hitler-Deutschland überfallen und besetzt worden - eine Schreckensherrschaft begann. Rudis Eltern versteckten fast ein Jahr lang eine Jüdin, Tante Jo, auf dem Dachboden ihres winzigen Hauses in Alkmaar - dafür hätten sie selbst ins KZ kommen können.

1942 dann ein folgenschweres Missgeschick: Der acht Jahre alte Rudi stürmt ins Haus und ruft: „Tante Jo, komm mal runter!“ Zu spät bemerkt er: Im Nebenzimmer hält sich gerade ein Nachbar auf, der nun Verdacht schöpft. Deshalb wird Tante Jo schweren Herzens weggeschickt - sie überlebt die Besatzung in einem anderen Versteck.

Der Showmaster Rudi Carrell freut sich in Berlin über die Goldene Kamera für sein Lebenswerk.
Der Showmaster Rudi Carrell freut sich in Berlin über die Goldene Kamera für sein Lebenswerk. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Rudi, der Modernisierer

Nach dem Krieg ging Rudi Carrell - der eigentlich Rudolph Wijbrand Kesselaar hieß - bei seinem Vater, dem Alleinunterhalter Andries Kesselaar, in die Lehre, machte im niederländischen Fernsehen Karriere und kam 1965 nach Deutschland. Dort war Fernsehunterhaltung noch eine Mischung aus buntem Abend und Bildungsbürgerquiz. Der holländische Schlaks mit den vorstehenden Zähnen und dem zerknautschten Gesicht änderte dies von Grund auf.

Seine Samstagabend-Show „Am laufenden Band“ hatte in den 70er Jahren bis zu 30 Millionen Zuschauer. Am Montagmorgen konnte man sich mit so ziemlich jedem Kollegen und jedem Mitschüler darüber unterhalten - es gab schlichtweg kaum jemanden, der sie nicht gesehen hatte.

Der niederländische Entertainer Rudi Carrell bei seiner "Rudi-Carrell-Show" in Köln (1988)
Der niederländische Entertainer Rudi Carrell bei seiner "Rudi-Carrell-Show" in Köln (1988) © picture-alliance/ dpa

Rudi, das Arschloch

Rudi Carrell war alles andere als ein „lockerer Holländer“. Im Gegenteil, er selbst bezeichnete sich als klassischen Preußen. Damit meinte er seine Arbeitswut und Disziplin. Von seinem Stab erwartete er vollen Einsatz, regelmäßig riss ihm der Geduldsfaden. Seine Wutausbrüche waren so schlimm, dass das Aufnahmeteam von „Am laufenden Band“ einmal sogar in den Streik trat - wenige Tage vor der nächsten Show. „Daraufhin hat er uns alle in ein Top-Lokal eingeladen und sich entschuldigt“, berichtet Thomas Woitkewitsch, damals einer seiner engsten Mitarbeiter. Carrell selbst bekannte im Rückblick: „Ich war im Studio ein widerliches Arschloch.“

Rudi Carrell besprüht den Kaberettist Kalle Pohl (re.) 2003) während der ARD-Live-Sendung "Verstehen Sie Spaß?" in Offenburg mit einem Mund voll Wasser.
Rudi Carrell besprüht den Kaberettist Kalle Pohl (re.) 2003) während der ARD-Live-Sendung "Verstehen Sie Spaß?" in Offenburg mit einem Mund voll Wasser. © picture-alliance / dpa/dpaweb

Rudi, der Kettenraucher

Rudi Carrell rauchte bis zu zwei Packungen Zigaretten am Tag. Sein Büro war immer völlig verqualmt, der Aschenbecher quoll über. Die Ursache dafür war Stress. Alle Spiele für „Am laufenden Band“ wurden erst in der Woche davor erdacht und umgesetzt, man sprach von den „Bremer sechs Tagen“, weil alles bei Radio Bremen stattfand, auch wenn der WDR in Köln das meiste Geld zahlte. Die Texte für Rudis Eröffnungslied wurden sogar manchmal erst Minuten vorher fertiggestellt. „Für mich war „Am laufenden Band“ die Hölle“, sagte er später. „Die absolute Hölle.“

Das Grab von Rudi Carrell auf dem Friedhof Heiligenfelde bei Wachendorf.
Das Grab von Rudi Carrell auf dem Friedhof Heiligenfelde bei Wachendorf. © picture alliance / Db Michael Bahlo/dpa

Rudi, der Sänger

Rudi Carrell wurde besonders geliebt wegen seines weichen holländischen Akzents. Er machte auch immer Fehler im Deutschen, selbst als er schon seit Jahrzehnten hier wohnte. Auch das fand das Publikum sehr charmant. Als klassischer Entertainer konnte er zudem auch noch singen und landete mehrere Hits, der größte war „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ Thomas Woitkewitsch dichtete den Text 1975 auf die Melodie des vier Jahre zuvor herausgekommenen US-Songs „City of New Orleans“. „Das war in einer einzigen Nacht bei einem Kasten Bier“, erinnert er sich im Interview. „Leider muss ich zugeben, dass die beste Textzeile „Denn schuld daran ist nur die SPD“ von Rudi war, der die ganze Zeit dabeisaß.“

Der Showmaster Rudi Carrell und die Moderatorin Carmen Nebel
Der Showmaster Rudi Carrell und die Moderatorin Carmen Nebel © picture-alliance / dpa/dpaweb

Rudi, der Macho

Rudi Carrell starb elf Jahre vor Beginn der #MeToo-Bewegung im Jahr 2017. Sein Verhalten gegenüber Frauen würde heute kaum noch toleriert. Anzügliche Bemerkungen gehörten für ihn zum Umgangston, mitunter kniff er sogar in Brüste. Wenn es dann Ärger gab, war seine Standard-Ausrede: „Man darf doch wohl mal einen Scherz machen!“ Seine Tochter Annemieke erzählte Carrells Biograf Jürgen Trimborn, die Emanzipation sei an ihrem Vater spurlos vorübergegangen. „Als er auf dem Sofa bei „Wetten, dass?“ neben Alice Schwarzer saß und plötzlich einen Büstenhalter aus dem Jackett zog, war ich richtig baff und konnte minutenlang gar nicht glauben, dass er das jetzt wirklich gemacht hat.“

Moderator Rudi Carrel fährt während der Proben zu seiner Show "Am laufenden Band" mit einem Gefährt durch das Fernsehstudio.
Moderator Rudi Carrel fährt während der Proben zu seiner Show "Am laufenden Band" mit einem Gefährt durch das Fernsehstudio. © picture alliance / dpa / Klar

Rudi, der Gutsherr

1975 kaufte sich Rudi Carrell ein altes Landgut bei Bremen, das in den darauffolgenden Jahren von seiner Frau Anke aufwendig hergerichtet wurde. Diese Umbau- und Renovierungsmaßnahmen finanzierte er im Wesentlichen mit den Einnahmen aus seiner Werbekampagne für eine große deutsche Supermarktkette, weshalb er das Herrenhaus gern auch als „Casa Edeka“ bezeichnete.

Rudi Carrell und Nastassja Kinski während der Proben zur großen Silvestershow von „Am laufenden Band“.
Rudi Carrell und Nastassja Kinski während der Proben zur großen Silvestershow von „Am laufenden Band“. © picture alliance/dpa

Rudi, der Ruditollah

1981 kehrt Carrell nach einer längeren Pause mit „Rudis Tagesshow“ auf den Bildschirm zurück - und landete erneut einen großen Erfolg. Das Format, in dem kurze Ausschnitte aus Nachrichtenfilmen mit einem neuen Text versehen wurden, war höchst innovativ. 1987 löste die Comedyshow allerdings eine diplomatische Krise aus: In einer nur 14 Sekunden langen Bildmontage wurde der Eindruck erweckt, als wäre der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini von begeisterten Anhängerinnen mit Dessous beworfen worden.

In Teheran demonstrierten daraufhin Tausende gegen den Frevel, zwei deutsche Diplomaten wurden ausgewiesen, und vorübergehend galt ein Landeverbot für deutsche Passagierflugzeuge. Der „Stern“ zeigte Carrell auf seiner Titelseite als „Ruditollah“. Carrell entschuldigte sich daraufhin für die Verletzung religiöser Gefühle.

Rudi Carrell während der Dreharbeiten zur Fernsehshow "Rudi kann's nicht lassen" in Bremen (Archivfoto vom Mai 1981).
Rudi Carrell während der Dreharbeiten zur Fernsehshow "Rudi kann's nicht lassen" in Bremen (Archivfoto vom Mai 1981). © picture-alliance/ dpa

Rudi, das Lästermaul

Rudi Carrell war bekannt dafür, dass er gern über Kollegen herzog. Fast jeder kam mal dran. So bezeichnete er Dieter Bohlen als „Witzfigur“ und Harald Juhnke und Hans Rosenthal als „Arschkriecher“ gegenüber den Zuschauern. Häufig taten ihm die Beleidigungen hinterher leid, und dann rief er den Betroffenen an und entschuldigte sich. Die Ausrede war immer die gleiche: Gemeine Reporter hätten ihn mit Alkohol abgefüllt und ihm dann die Schmähungen im Suff entlockt.

Zu den wenigen, die er immer nur lobte, gehörte Hape Kerkeling. Der nahm ihn seinerseits in Schutz: „Rudi hatte ja auch meistens recht mit dem, was er sagte“, führte er zu seiner Verteidigung an. Und: „Das liegt halt in seiner Natur - Holländer sind keine Duckmäuser.“

Rudi Carrell in „Die verflixte 7“.
Rudi Carrell in „Die verflixte 7“. © imago stock&people

Rudi, die Legende

Rudi Carrell lebte für die Arbeit - und blieb bis zum Schluss ein absoluter Profi. Schon schwer von seiner Lungenkrebserkrankung gezeichnet, stark abgemagert und mit kaum noch wiedererkennbarer Stimme nahm er 2006 in Berlin den Ehrenpreis der Goldenen Kamera entgegen. „Die Tatsache, dass ich hier heute diesen Ehrenpreis in Empfang nehmen kann, verdanke ich in allererster Linie meiner deutschen Krankenversicherung, dem Klinikum Bremen-Ost und der deutschen Pharmaindustrie“, sagte er. „Es war eine Ehre, in diesem Land und vor diesem Publikum Fernsehen machen zu dürfen.“ Mit Ovationen wurde er vom Publikum verabschiedet.

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