Neue Marvel-Serie "Loki": Gott muss warten

Die Marvel-Serie "Loki" hinterfragt den Werdegang des Comic-Bösewichts und muss Erzählungsbrüche kitten, weil viele Figuren zuvor schon gestorben waren - auch Loki selbst
| Florian Koch
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Zeit-Agent Mobius (Owen Wilson) führt Loki (Tom Hiddleston) seine Vergangenheit und Zukunft vor Augen.
Zeit-Agent Mobius (Owen Wilson) führt Loki (Tom Hiddleston) seine Vergangenheit und Zukunft vor Augen. © Chuck Zlotnick / Marvel Studios

Was wäre die "Star Wars"-Saga ohne Darth Vader? Oder "Herr der Ringe" ohne den schmierigen Wendehals Gollum? Immer wieder bestätigt sich die These, dass ein vielschichtiger Bösewicht jeden Blockbuster besser macht.

Ein solch schillernder Gegenspieler war in den Marvel-Verfilmungen auch Loki, der Gott des Schabernacks. Die aus der nordischen Mythologie entlehnte Figur wurde im Milliarden-Kinoerfolg "Avengers: Infinity War" allerdings bereits von Thanos auf der Goßleinwand getötet. Was also tun, um Loki für eine sechsteilige Serie glaubwürdig wiederzubeleben?

Warum existiert Loki eigentlich noch?

Der geschäftstüchtige Marvel-Boss Kevin Feige hat dafür ein Konzept der Comics aufgegriffen, das auch noch weitere verstorbene Charaktere wie Iron Man ein zweites Leben vergönnen dürfte: das so genannte Marvel-Multiversum, mit seinen weiteren Zeitlinien, die parallel zu der bisher gewohnten existieren.

Das klingt nicht nur nach höherer Physik, sondern erweist sich für die Pilotfolge von "Loki" auch als Spaßbremse. Denn fast über eine Lauflänge von 50 Minuten müssen Regisseurin Kate Herron ("Sex Education") und ihr Autor Michael Waldron ("Rick and Morty") erst einmal Erklärungen dafür liefern, warum Loki überhaupt noch existieren soll, und mit welchem Charakter wir es hier wirklich zu tun haben.

Der Loki der neuen Serie ist schlussendlich nicht der Antiheld, der sich für die Avengers und seinen Bruder Thor (Chris Hemsworth) heldenhaft opfert, sondern erscheint in der Version aus dem Jahr 2012: als geltungssüchtiger Manipulator, eine blitzgescheite Jago-Figur, die Schwächere ausnützt, um sich selbst besser zu fühlen.

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Diesem böswilligen Loki, der individuelle "Freiheit für eine Illusion" hält, gelang es im ersten "Avengers"-Film von 2012 den Tesserakt zu stehlen: einem magischen Stein, mit dem man durch die Zeit reisen kann. Bei einem seiner Trips in die Wüste der Mongolei wird Loki aber von Soldaten gefangengenommen, die den verdutzten Hedonisten vor ein Zeit-Gericht zerren. Die sogenannte Time Variance Authority (TVA) ist in diesem Comic-Kosmos dafür verantwortlich, dass die verschiedenen Zeitlinien nicht durcheinandergeraten und "Varianten" wie der Zeitreisende Loki schnell eingefangen und eliminiert werden.

Um der komplizierten Mechanik dieser Grundidee die abschreckende Abstraktion zu nehmen, haben sich die Macher von "Loki" für einen absurden Tonfall der Erzählung entschieden. So hat die TVA in ihrem bräunlichen Retro-Design und umständlichen Behördenapparat ("Ein Gott? Aha, unterschreiben Sie erstmal diese Papiere!") etwas Kafkaeskes. Eine schrille Überhöhung wie einst Terry Gilliam in "Brazil" (1985) wagen die Macher aber doch nicht. Mit der Einführung des Zeit-Agenten Mobius (Owen Wilson) kristallisiert sich in Folge 2 dann eine konventionellere, dafür aber unterhaltsamere Krimihandlung heraus.

Leben in einer anderen Zeitlinie

Wie der Zuschauer nun erfährt wurde Loki von den Hütern der Zeit verschont, weil ihnen ein mordlüsterner Variant Lokis gerade die Arbeit schwer macht. Die Konfrontation mit dem eigenen Ich und den Konsequenzen fataler Lebensentscheidungen sind dann auch die übergeordneten Themen von "Loki". Die ewige Frage nach Vorherbestimmung oder eigener Entscheidungskraft wird in der aufwendig produzierten, mit erstaunlich wenig Actionszenen auskommenden Serie aber nicht wirklich originell beantwortet.

Dennoch haben die von Wilson und Hiddleston süffisant ausgespielten Psychoduelle von Mobius, einem entspannt-distanzierten Machertyp und dem verschlagen-raffinierten Schwätzer Loki ihren Reiz. Dieses verbale Ping-Pongspiel gewinnt in der Rückschau auf die bisherigen Marvel-Filme auch an emotionaler Tiefe. Denn in einem erschütternden Video-Zusammenschnitt kann Loki sich selbst dabei zusehen, wie er in der Zukunft andere verrät, seinen Vater Odin (Anthony Hopkins) verliert und am Ende stirbt. Ein tragischer Zeitverlauf, der sich nicht rückgängig machen lässt, Loki aber die Chance ermöglicht, in einer anderen Welt, einer anderen Zeitlinie, die Fehler aus der Zukunft nicht mehr zu wiederholen.

Ob Loki aber überhaupt die Fähigkeit zu einer charakterlichen Entwicklung - zum Besseren - besitzt, müssen die nächsten Folgen erst beweisen.


Pilotfolge auf Disney+; jeden Mittwoch wird eine neue Folge freigeschaltet

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