Spaziergang durch München: Hauslöwen und hängende Gärten

Die Stadt als Bühne und Kanonen-Verwertung: Ein Spaziergang rund um die Residenz und den Odeonsplatz.
| Roberta de Righi
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Über die feldherrnhalle schrieb Lion Feuchtwanger: "Eine Nachbildung der Florentiner Loggia dei Lanzi, errichtet den beiden größten bayerischen Feldherren, Tilly und Wrede, von denen der eine kein Bayer und der andere kein Feldherr war ... später hatten die Hammel die Rückwand der Halle mit einer blöden, akademischen Aktgruppe verhunzt, dem sogenannten Armeedenkmal."
Über die feldherrnhalle schrieb Lion Feuchtwanger: "Eine Nachbildung der Florentiner Loggia dei Lanzi, errichtet den beiden größten bayerischen Feldherren, Tilly und Wrede, von denen der eine kein Bayer und der andere kein Feldherr war ... später hatten die Hammel die Rückwand der Halle mit einer blöden, akademischen Aktgruppe verhunzt, dem sogenannten Armeedenkmal." © imago images/Shotshop

München - Ob protzige Autos, aufgebrezelte Shopping-Touristen oder sündteure Mode-Showrooms - in der Maximilianstraße ist normalerweise so viel geboten, dass die ehrwürdigen Fassaden im Maximiliansstil nur mehr Kulisse sind und das bisschen Kunst leicht zu übersehen ist. So radelte man auch jahrelang am Rotkäppchen-Brunnen auf dem "Am Kosttor" genannten Zwickel zwischen Platzl und Neuturmstraße vorbei auf die Maximilianstraße zu, ohne ihn zu bemerken. Bis man die Frage beantworten sollte, warum da ein böser Wolf oben auf einer Säule steht.

Grimm Märchen vom Rotkäppchen mitten in München

Die erzene Skulptur auf der gedrechselten Steinsäule ist gut sichtbar, auch wenn das Brunnenbecken noch verschalt ist. Die Bildhauer Heinrich Düll und Georg Pezold schufen das erstaunlich furchtlos wirkende kleine Mädchen und den Zähne fletschenden Wolf 1904, als Grimms Märchen als Motiv noch schwer populär waren. Einen Ortsbezug gibt es nicht. Wesentlich bekannter dürfte allerdings Dülls/Pezolds Gemeinschaftswerk über der Prinzregentenbrücke sein: Die beiden hatten bereits 1896 den "Friedensengel" und seinen antikisierenden Unterbau geschaffen. Geplant war er allerdings, etwas weniger pazifistisch, als Erinnerung an den Sieg der Deutschen im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71.

Rotkäppchen trotzt dem bösen Wolf mitten in München.
Rotkäppchen trotzt dem bösen Wolf mitten in München. © RRI

Von hier aus geht es über die Maximilianstraße zum Marstallplatz, der trotz Neubebauung rundum noch immer den Charme eines Parkplatzes hat. Auf der öden Fläche kommt die schillernde Fassaden-Installation am Probengebäude der Staatsoper umso besser zur Geltung. Der in Berlin lebende Multi-Künstler Olafur Eliasson schuf diese Kunst am Bau, die 2005 eingeweiht wurde, als Vexierspiel mit Wirklichkeit und Illusion. "Bühnenfenster" heißt die 30 Meter lange und acht Meter hohe mehrfarbige Glas- und Spiegelfläche, die die Fluchten der umliegenden Bebauung aufnimmt - und die zugleich Projektionsfläche und Bühne ist. Je nach Standort spiegeln sich darin der Himmel über München, der gegenüberliegende Bau der Max-Planck-Gesellschaft, der Marstall und das mehr oder weniger urbane Leben auf dem Platz wider.

Vom Kaiserhof über die Residenz zur Feldherrnhalle

Einen kleinen Abstecher kann man von hier zum (derzeit noch geschlossenen) Kabinettsgarten neben der Allerheiligenhofkirche der Residenz machen: Der Hof wurde 2003 herausgeputzt: Landschaftsarchitekt Peter Kluska gestaltete die elegante langgezogene Brunnenanlage mit rot-grünen Stein-und Glasplatten, das Entrée in den Garten markiert eine weitere der vielen "Flora"-Plastiken des Landshuters Fritz Koenig.

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Weiter geht es durch den neoklassizistischen Apotheker- und frühbarocken Kaiserhof zur Residenzstraße / Ecke Viscardigasse - auch "Drückeberger"-Gasse genannt. Wobei in diesem Fall die Drückeberger die Helden waren: Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde die Feldherrnhalle zum Schauplatz der Nazi-Propaganda: Eine monströse Bronzetafel erinnerte auf der zur Residenz gewandten Seite an die 13 als "Blutzeugen" geltenden getöteten Teilnehmer des Hitler-Putsches vom November 1923, stets flankiert von SS-Wachposten.

Ein genauer Blick auf die Feldherrnhalle am Odeonsplatz

Während der NS-Zeit musste jeder Passant diese mit dem Hitler-Gruß "ehren". Wer sich diesem Zwang entziehen wollte, ging durch die Viscardigasse. Der Bildhauer Bruno Wank schuf 1995 ein Bodendenkmal im Kopfsteinpflaster: Eine Spur aus bronzenen Pflastersteinen schlängelt sich in einem Bogen durch die Gasse, welche den Weg der Ausweichenden nachvollzieht und so die anonyme Verweigerung unprätentiös, aber wirkungsvoll sichtbar macht.

Lion Feuchtwanger hat in "Erfolg", dem ersten Band seiner München-Trilogie, die Feldherrnhalle mit süffisanter Lakonie und sicherem Gespür für missglückten Formwillen beschrieben: "Eine Nachbildung der Florentiner Loggia dei Lanzi, errichtet den beiden größten bayerischen Feldherren, Tilly und Wrede, von denen der eine kein Bayer und der andere kein Feldherr war ... später hatten die Hammel die Rückwand der Halle mit einer blöden, akademischen Aktgruppe verhunzt, dem sogenannten Armeedenkmal."

Die Namen der Putschisten wurden nach Kriegsende entfernt. Das Denkmal, das Prinzregent Luitpold 1892 "dem treuen tapferen bayerischen Heere" nach Entwurf Ferdinand von Millers errichten ließ, steht noch. Es wirkt beim Versuch, nicht zu martialisch zu wirken, heute eher unbeholfen: in der Mitte ein fast nackter Krieger, der kamerawirksam eine Fahne hochhält.

Recycling: Graf Tilly war mal eine Kanone

Der Löwe liegt ihm brav wie ein Haustier zu Füßen, während die im Verhältnis zu klein geratene junge Frau, die eine Allegorie des Friedens sein soll, aber der Bavaria ähnelt, wie peinlich berührt ins Nichts blickt.Vermutlich weil sie sich der vereinnahmenden Umarmung des kampfbegeisterten Angebers nicht erwehren kann. Die flankierenden Standbilder des Fürsten Wrede und des Grafen Tilly waren immerhin eine frühe Form von Upcycling: Sie wurden aus eingeschmolzenen Kanonen gegossen.

Von hier aus geht es in die Theatinerstraße und bald nach rechts in den Viscardihof, den nördlichsten im Gefüge der Fünf Höfe. Im fünfeckigen Innenhof schwebt eine durchbrochene Kugel mit offener Mitte aus einem Geflecht von rostfreien Stahlbändern, die mit einem Durchmesser von zehn Metern den Raum dominiert - und trotz ihrer Leichtigkeit acht Tonnen wiegt. Auch "Sphere", so der Titel, stammt von Olafur Eliasson und wurde 2003 eingeweiht. Eliasson, dessen Kunst auf natürlichen Phänomenen und mathematischen Gesetzmäßigkeiten beruht, setzte die in sich symmetrische Struktur aus Linien zusammen, wie man sie aus der islamischen Kunst kennt.

Kunstvolle Luftaufnahmen internationaler Metropolen wie München und Manhattan

In der etwas anderen Shopping Mall der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron gibt es noch mehr Kunst am Bau. Etwa Tita Gieses "Hängenden Gärten" in der Salvatorpassage, Pflanzen, die von oben nach unten wachsen. Oder eine Boden-Installation, die sich durch alle Höfe zieht: Thomas Ruff, einer der berühmtesten Foto-Künstler der Becher-Schule, ließ 12 Betonplatten in Lasertechnik mit Luftaufnahmen internationaler Metropolen bedrucken, darunter von München und Manhattan. Der Schweizer Konzept-Künstler Rémy Zaugg wiederum ließ sich für seine Platten Wortfamilien einfallen, in denen sich die Wörter bei längerer Betrachtung zu Bildern zusammensetzen. Da entsteht aus Worten ein ganzes Cézanne-Gemälde. Jetzt müsste nur noch die Kunsthalle München endlich wieder öffnen dürfen…

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