Schmerzliche Wahrheiten

Kunstminister Heubisch wird von der Opposition für seine Opern-Politik abgewatscht, der 2013 scheidende Kent Nagano im Nationaltheater bejubelt. Aber so einfach ist die Sache nicht.
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Kent Nagano verlässt 2013 die Bayerische Staatsoper. Wenn irgendwann ein überzeugender Nachfolger antritt, wird die jetzige Blamage vergessen sein.
Oliver Lang/ddp Kent Nagano verlässt 2013 die Bayerische Staatsoper. Wenn irgendwann ein überzeugender Nachfolger antritt, wird die jetzige Blamage vergessen sein.

Kunstminister Heubisch wird von der Opposition für seine Opern-Politik abgewatscht, der 2013 scheidende Kent Nagano im Nationaltheater bejubelt. Aber so einfach ist die Sache nicht.

Vor einem Jahr rummste es nach zähen Verhandlungen zwischen Christian Thielemann und der Stadt: Der längst mit Dresden liebäugelnde Dirigent präsentierte sich als von kleinkarierten Bürokraten verfolgtes Genie. Die berechtigten Einwände gegen seine Amtsführung als Philharmoniker-Chef interessierten niemand mehr, weil Thielemann wehleidige Interviews in Serie gab, während seine Opponenten diskret schwiegen.

Vorgestern hatte der Staat sein Showdown zwischen Kunst und Verwaltung: Kent Nagano verzichtete auf die Verlängerung seines Vertrags an der Staatsoper. Der zuständige Minister dankte dem Dirigenten für seine „hervorragende Arbeit“ und versprach gleichzeitig der Welt zum 20. Geburtstag des Museums „Mensch und Natur“ das Luftschloss eines naturwissenschaftlichen Museumsareals, als stünden keine Haushaltskürzungen vor der Tür. Aus der Staatsoper tönte nur Schweigen. Am Abend wurde Nagano als Dirigent von „Don Giovanni“ frenetisch gefeiert.

Lausiges Krisenmanagement

Angesichts dieses lausigen Krisenmanagements darf sich keiner wundern, dass nun zwischen Flensburg und Berchtesgaden befürchtet wird, dass in München bald alle Lichter ausgehen. Auch die sonst kulturpolitisch mausgraue Landtagsopposition ließ sich die Affäre nicht entgehen: Isabell Zacharias (SPD) warf Heubisch vor, er würde München provinzialisieren und das Kulturerbe Bayerns verspielen.

Aber ist der Dirigent wirklich das unschuldige Opfer von Nikolaus Bachler, der wegen seines Wiener Vorlebens in dieser Komödie als zwielichtiger Intrigant perfekt besetzt wirkt und es vielleicht gar nicht ist? Mehr spricht dafür, dass sich Kent Nagano vor allem selbst im Weg steht. Zu Alban Bergs „Wozzeck“ musste man ihn dem Vernehmen nach drängen. Er wollte lieber als zweiter Knappertsbusch in Münchens Operngeschichte eingehen und prestigeträchtige Chefstücke dirigieren, die ihm nicht wirklich liegen.

Es ist auch nicht sicher, ob dem Kalifornier sein gesichtswahrendes Vorpreschen langfristig nützt. Die beiden Gärtnerplatz-Intendanten Klaus Schultz und Ulrich Peters verbrannten in ähnlicher Lage in einem kurzen Strohfeuer der Aufmerksamkeit. Solche Affären würzen zwar den Opernbetrieb höchst unterhaltsam, aber es scheint langfristig für alle Beteiligten vorteilhafter, sich in aller Stille zu trennen.

Wandel und Wechsel gehören zum Kunstbetrieb

Deshalb wird Bachler vernünftigerweise weiter schweigen: Er kann in den verbleibenden Jahren nicht jedes Mal durch das Hintertürl das Theater verlassen, wenn der Dirigent beim Bühneneingang hereinkommt. Bis zur Vorstellung eines Nachfolgers werden der Intendant und sein Minister noch einige Kritik aushalten müssen. Aber wer die Hitze nicht mag, sollte sich vom Herd fernhalten.

Wenn die Köche im Herbst einen frisch gebackenen Generalmusikdirektor servieren, schlägt die Stunde der Wahrheit. Bis dahin sollten jene, die nun vom Untergang orakeln, einmal eine Geschichte der Staatsoper durchblättern: Zubin Mehta blieb acht Jahre, Keilberth neun, Solti sechs, Kempe und Fricsay nur zwei. Wenn Nagano 2013 nach sieben Jahren München verlässt, liegt er in einem guten Schnitt.

Der Kalifornier hat dann Olivier Messiaens Franziskus-Oper und Wagners „Ring“ dirigiert. Was sollte da noch kommen? Wolfgang Sawallisch war 21 Jahre dem Nationaltheater treu. Aber wie heißt es in Wagners „Rheingold“ treffend: „Wandel und Wechsel liebt, wer lebt“. Für das Theater und den Kunstbetrieb ist das eine tiefe, wenn auch bisweilen schmerzliche Wahrheit.

Robert Braunmüller

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