Neue Corona-Maßnahmen: Wieder fällt der Vorhang

Alle Offenen Briefe nutzen nichts: Die Politik schließt die Theater und Konzertsäle bis Ende November.
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Der Blick von der Bühne des Gärtnerplatztheaters, der nun über einen Monat lang leer bleiben wird.
Der Blick von der Bühne des Gärtnerplatztheaters, der nun über einen Monat lang leer bleiben wird. © Christian P. Zach

München - "Wir haben keine Evidenz, an keiner Stelle, dass der Besuch einer Kultureinrichtung für Ihre Gesundheit gefährdend ist", sagte vor ein paar Tagen der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda. "Man müsste fast sagen, wenn man sich die Ansteckungszahlen anguckt: Gehen Sie in die Oper oder gehen Sie in die Elbphilharmonie Hamburg - da sind Sie sicherer als zu Hause."

Theater und Konzertsäle für einen Monat geschlossen

Brosda hat mit seiner Einschätzung auch das Ärzteteam des Klinikums Rechts der Isar und die Vertreter des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit auf seiner Seite, die den Pilotversuch an der Bayerischen Staatsoper begleitet haben. Trotzdem: Ab sofort dürfen nur noch 50 Besucher ins Theater, und ab 2. November fällt dann für einen Monat ganz der Vorhang.

Was das für die Arbeit hinter der Bühne bedeutet, ist noch unklar. Darf weiter geprobt werden? Müssen die Theater auch die Werkstätten stilllegen? Dürfen Livestreams organisiert werden? Das muss noch geklärt werden.

Auch Kinos müssen wegen neuer Coronaregeln schließen

Über die Formulierung in der Beschlussvorlage aus dem Kanzleramt kann man sich zu Recht ärgern: Theater, Opern und Konzerthäuser werden hier unter dem Buchstaben a der "Freizeitgestaltung" zugerechnet. Unter Punkt b folgen die Kinos, unter Punkt c dann die "Prostitutionsstätten und Bordelle". Die Idee, dass das Theater auch einen Bildungsauftrag wahrnimmt, hat die Politik längst vergessen. In den Kammerspielen weiß man das noch: "Im Sinne des gesellschaftlichen Zusammenhaltes erachten wir es für wichtig, die letzten öffentlichen Räume nicht aufzugeben", heißt es derzeit auf der Homepage.

Offener Brief an Ministerpräsident Söder

Am Mittwoch wandten sich noch die Ensembles aller staatlichen und städtischen Theater Münchens mit einem Offenen Brief an Ministerpräsident Söder, Kunstminister Bernd Sibler, OB Dieter Reiter und den Kulturreferenten Anton Biebl. "Es gibt keine belastbaren Zahlen, die suggerieren, dass Theater Super-Spreader-Ereignisse provoziert hätten", heißt es da.

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"Wir fordern die Politik auf, diese Tatsache zur Kenntnis zu nehmen. Es muss endlich eine Debatte stattfinden. Theater sind geschützte Räume, in denen soziale und künstlerische Begegnungen stattfinden." Es könne nicht darum gehen, möglichst viele Einrichtungen zu schließen, "sondern im Gegenteil: möglichst viele Einrichtungen offen und somit am Leben zu halten, zumal sie sich bewährt haben - sogar in wissenschaftlicher Hinsicht."

Anträge von Münchner Theater und Orchester abgelehnt

Einen im Tenor ähnlichen Offenen Brief hat auch die Münchner Theatergemeinde formuliert, der mit 25.000 Mitgliedern größte Kulturverein Münchens. Ihr Vorsitzender, der ehemalige CSU-Stadtrat und Kultursprecher Richard Quaas, hat Dieter Reiter dazu aufgefordert, sich im Krisenstab der Stadt für Ausnahmegenehmigungen einzusetzen. Die entsprechenden Anträge der Theater und Orchester wurden allerdings durchwegs abgelehnt. So lange noch gespielt werden darf, geschieht das vor 50 Besuchern.

Staatsoper plant digitale Premiere

Die Staatsoper wird die Premiere der Oper "Die Vögel" von Walter Braunfels am Samstag ab 18 Uhr als Livestream übertragen. Münchenmusik, der größte Konzertveranstalter der Stadt, hat alle geplanten Veranstaltungen bis Ende Januar 2021 abgesagt. "Die nötigen Absprachen mit den Sälen und unseren Künstlern sowie das Einrichten des Vorverkaufs erfordern einen entsprechenden zeitlichen Vorlauf, der durch die aktuell geltenden Vorgaben nicht gegeben ist", heißt es in der Mitteilung.

Verbote an Orten mit geringem Widerstand

Münchenmusik fordert die Staatsregierung gleichzeitig dazu auf, die positiven Erkenntnisse und Empfehlungen der Wissenschaftler aus der Pilotstudie zeitnah umzusetzen. Dem Vernehmen nach interessiert sich die Politik allerdings für diese Ergebnisse ebensowenig wie für die Hygienekonzepte. Man hört eher auf Berater, die alle überflüssigen Begegnungen außerhalb der eigenen vier Wände und am Arbeitsplatz verhindern wollen.

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In gewisser Weise ist das sogar verständlich. Aber es müsste von der Politik auch entsprechend kommuniziert werden. So sorgen die Entscheidungen nur für Verärgerung. Und niemand hat Lust, sich an Regeln zu halten, wenn die Verbote immer dort ausgesprochen werden, wo mit dem geringsten Widerstand zu rechnen ist. Ohnehin ist die komplette Schließung der Spielstätten reine Symbolpolitik.

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