Zum Tode von Milva: Rot bis ins Herz hinein

Eigentlich wollte sie "tolle Kleider nähen". Doch dann entdeckte Milva ihre Stimme. Nun ist die Italienerin mit der Feuermähne im Alter von 81 Jahren gestorben.
| Adrian Prechtel
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Milva gelang - stets stilvoll - der Spagat zwischen Brecht-Abenden und Auftritten in der "ZDF-Hitparade". Hier 2001.
Milva gelang - stets stilvoll - der Spagat zwischen Brecht-Abenden und Auftritten in der "ZDF-Hitparade". Hier 2001. © imago images/Horst Rudel

Im Spätsommer 1987 ist Milva für viele Wochen in München, genauer in Tutzing, in den Red Rooster Studios von Peter Maffay. Sie nimmt hier ihre neue Platte auf.

Ihre langen feuerroten Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebändigt: "Ich bin keine Diva. Im Zusammenhang mit Marilyn Monroe ist das Wort sicherlich angebracht, aber nicht bei mir", hat sie in einem Interview erklärt. Aber natürlich ist eine Frau, perfekt geschminkt, meist in Glitzerkleidern auf Showbühnen vor allem eines: eine Diva.

Fast schüchtern drehte sich Milva zu Peter Maffay um

Damals allerdings, in Jeans und T-Shirt zwischen Mischpulten und neben Peter Maffay, der auf einem Barhocker zwischen Akustischer- und E-Gitarre wechselte, sah das anders aus.

Milva war fast schüchtern, drehte sich oft zum rauchenden Maffay um, den Kopfhörer auf der einen Seite vom Ohr gezogen, um die Antwort auf ihre Frage zu hören: "Peter, war das in Ordnung?" - mit diesem schönen italienischen Akzent, dem rollenden R, tief, dabei all die im italienischen unbekannten deutschen Laute langsam auseinandernehmend. Doch in jedem Augenblick war sie die sanfte Königin zwischen Gleichen.

Milva: "La Rossa" war der Beiname von Maria Ilva Biolcati

Der Titel des Albums wird "Unterwegs nach Morgen" heißen, es war die Zeit des Kalten Krieges, der sich gerade wenigstens etwas entspannte - und so wurden ihre Zeilen zwar nicht zur Hymne des "Wind of Change".

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Aber gerade bei ihr, der Sozialistin, die mit ihrer Interpretation von Brecht-Chansons und mit glitzerndem Schmuckkreuz im Dekolleté im Palast der Republik der DDR auftrat, klangen diese Popschlagerzeilen besonders glaubwürdig: "Spiel nicht mit dem Feuer / Hat man uns gesagt / Wenn aus Kindern Helden werden, haben wir versagt. / Spielzeug wird zu Eisen / Häuptling wird zum General. / Was wir Kinder Lügen nannten / Nennt man nun Moral".

"La Rossa" war der Beiname von Maria Ilva Biolcati, die Rothaarige, die am 17. Juli 1939 als Tochter einer Schneiderin und eines Fischers im kleinen Goro in der Provinz Ferrara geboren wurde: "La Rossa" war aber auch der Hinweis auf ihre Gesinnung. Mit spielerischer Ironie nannten Freunde sie auch in Abwandlung vom netten Rosaroten Panther, "La pantera rossa". Und mit dem Panther, war immer auch ein bisschen ihr Katzenhaftes gemeint, die schlanke Erscheinung mit ihren grünen, immer schwarz umrandeten Augen. So wird man sie auch in Erinnerung behalten.

Mit 81 Jahren ist sie am Freitagabend in Mailand gestorben, wie ihre Sekretärin Edith Meier, mit der sie ihre Mailänder Wohnung teilte, am Samstag bestätigte. Sie blieb bis zum Schluss immer noch perfekt zurechtgemacht, auch wenn sie in Talkshows darüber sprach, dass sie schwer krank sei, weil sie in ihrem Leben nie Rücksicht auf sich selbst genommen habe.

Milva: "Keine großartige Mutter"

Milva erfüllte viele Klischees. Mit "Hurra, wir leben noch", sang sie einen ihrer bekanntesten Songs auf Deutsch. Ein anderer Hit hieß: "Wer will das nicht", in dem es weiter geht mit " geliebt sein". Dann ist von einer Frau die Rede: "klammert sich an einen Mann, dass man kaum hinschauen kann."

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Vielleicht steckt dahinter auch eine persönliche Erfahrung: Mit 21 Jahren heiratete sie den 44 Jahre alten Maurizio Corgnati. Ihre Tochter Martina kam zur Welt, die sie zunächst als "Rivalin" in ihrem zu jungen Muttersein empfunden habe, sagte Milva später. Sie sei selbst noch ein Mädchen gewesen.

Später habe sie bereut, dass sie "keine großartige Mutter" gewesen sei und ihre Tochter zu oft alleine gelassen habe. Sie sei selbst ängstlich gewesen und habe, bis sie 17 war, geglaubt, "dass nachts der Tod kommt und mich holt." "Ich war immer bei meiner Mama im Bett."

Milva: "Ich wollte zeichnen, malen, nähen"

Sie stürzte später in eine Depression, hatte unglückliche Beziehungen, musste in Behandlung. "Ich wollte nie Sängerin werden, das war absolut nicht mein Traum", erzählte Milva oft. "In Wirklichkeit bin ich in einem kleinen Dorf zur Welt gekommen, wo die Leute eher einfach waren. Ich wollte zeichnen, malen, nähen. Ich wollte Schneiderin werden wie meine Mutter, tolle Kleider nähen." Getragen hat sie Letztere zumindest immer stilsicher.

Milva musste früh mit anpacken in der Familie und Geld verdienen, als ihr Vater bankrott ging. Sie zog in die nächste Großstadt, ins traditionell kommunistische Bologna, und nahm dort an einem Gesangswettbewerb teil. "Es war eine Möglichkeit, an Geld zu kommen."

Milva im Jahre 1982.
Milva im Jahre 1982. © imago images/Gueffroy

Sie bekam eine Gesangs- und Schauspielausbildung. Sie nahm Dutzende Alben auf, sang auf Tourneen und auf Theaterbühnen. 15 Mal trat sie zwischen 1961 und 2007 auf Italiens bedeutendstem Schlagerfestival in Sanremo auf - allerdings gewann sie nie.

Unvergessen: Milva in der Dreigroschenoper

Stattdessen schaffte sie den Sprung vom Schlagerstar zur anerkannten Brecht-Interpretin. Milva verstehe Brechts Lieder so gut, weil sie aus demselben Milieu komme wie seine Figuren, hat Regisseur Giorgio Strehler über seine Seeräuber-Jenny in der "Dreigroschenoper" am Mailänder Piccolo Teatro gesagt.

Dabei sang Milva aber auch Seemannsschlager wie "Ein Schiff wird kommen" von Lale Andersen oder "Lili Marlen". "Mit hartem Üben und Studieren, sehr viel Mühe und unbeugsamer Willenskraft lässt sich das alles erreichen", erklärte Milva, die Deutsch einmal ihre zweite Muttersprache nannte, wobei ihr schöner Akzent immer erhalten blieb.

Milva: Die Kunst, Kitsch zu vermeiden

Aber sie sang auch auf Französisch nicht nur Piaf-Chansons, auf Griechisch Lieder des Sozialisten Thanos Mikroutsikos oder von Mikis Theodorakis, scheute sich aber auch nicht, Zarah Leander-Lieder im Repertoire zu haben. Mit ihrer Stimme, die so viel Pathos in sich trug und in den mittleren Höhen dann immer noch etwas Klagendes hatte, gelang es ihr durch ihre in jeden Song eingefühlte Leidenschaft, Kitsch zu vermeiden.

Der italienische Kulturminister Dario Franceschini würdigte Milva als "eine der intensivsten Interpretinnen des italienischen Liedes: Ihre Stimme hat in Generationen tiefe Emotionen geweckt. Eine große Italienerin, eine Künstlerin, die, ausgehend von ihrem geliebten Land, über die internationalen Bühnen gegangen ist, ihren Erfolg global gemacht und den Namen ihres Landes hochgehalten hat."

Das ist nur die halbe Wahrheit: Einerseits blieb Milva immer Italien treu, andererseits war sie von der Politik ihres Landes später schwer enttäuscht, trat auch nicht mehr für die korrupten Sozialisten auf, hasste Berlusconi und blieb eine auf Europa blickende, kosmopolitische Frau.

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